Assistenz 50+

Da geht noch was

Kategorie: Karriere | Text: Stefanie Zeng | 09.02.2017

Ab 50 soll es schwieriger werden, einen Job zu finden. Das liegt vor allem an den Bildern, die über diese Altersgruppe in den Köpfen haften. Was soll das? Wir haben Assistentinnen über 50 gefragt, wie sie die Jobsuche und die Arbeitswelt erleben.

Berufsmatur mit 50

Brigitta Lienert, 64
Assistentin Leitung Markt, Mitglied der GL
Zugerland Verkehrsbetriebe AG
 

«Nach 16 Jahren Familienphase brauchte ich eine neue Herausforderung. Aber was tun im Alter von 48 Jahren, nach so langer Zeit ausserhalb des Erwerbslebens? Ein Berufsberater brachte mich auf die Idee, die Berufsmatura zu machen – ein Abschluss, der breit gefächert ist und mit dem einem dann mehrere Türen offen stehen. Gesagt getan: Mit 50 Jahren hatte ich nicht nur meinen Abschluss in der Tasche, sondern mir auch selbst bewiesen, dass ich noch lernfähig und offen für Neues bin. Denn in meiner Generation wurde früher ja nicht geprüft, wofür man sich eignet.

Danach habe ich ein halbes Jahr eine Stelle als Assistentin gesucht, was ich schon vor der Geburt meiner Kinder ausgeübt hatte. Während dieser Bewerbungszeit habe ich Teilzeit im Quartierkiosk gearbeitet – einen Job, von dem viele meinten: ‹Was willst du da, das bringt dich doch nicht weiter.› Aber dort habe ich meine jetzige Stelle im Zuger Amtsblatt entdeckt. Das hat mir mal wieder gezeigt, dass alles, was man tut, für irgendetwas gut ist und es sich lohnt, offen zu sein.
Heute arbeite ich seit 13 Jahren bei der Zugerland Verkehrsbetriebe AG. Diese Stelle als Assistentin eines GL-Mitglieds wurde neu geschaffen. Und so wurden ebenfalls Aufgaben ins Pflichtenheft aufgenommen, die meinen Fähigkeiten entsprachen. Mit meinen 63 Jahren bin ich ungefähr 30 Jahre älter als das Team, weshalb ich sehr vorsichtig bin, dass ich nicht in eine Mutterrolle falle und ungefragt Ratschläge erteile. Doch der Kontakt mit den jungen Mitarbeitenden ist für mich eine grosse Bereicherung. Dabei ist es wichtig, dass die ältere Kollegin aktiv auf sie zugeht. Ich gestehe mir auch ein, wenn ich etwas nicht weiss, und bitte dann um Hilfe. Wenn man fragt, helfen die jungen Leute mit Freude. Die Zusammenarbeit mit zwei Generationen ergibt einen guten Mix mit vielen Vorteilen auf beiden Seiten.
In den kommenden Monaten wird meine Nachfolgerin gesucht. Dabei ist es sicher von Vorteil, wenn jemand mit Erfahrung und Durchsetzungsvermögen gefunden wird. Der Kontakt mit Gemeinden und Ämtern sowie die Organisation von Anlässen für Gäste aus Wirtschaft und Politik sind ein wichtiger Teil dieser Stelle, was entsprechend herausfordernd ist. 

Im September werde ich pensioniert und  ich habe grossen Respekt vor diesem neuen Lebens-abschnitt. Aber es gibt immer Aufgaben, wenn man sich die Freude bewahrt, etwas Neues zu lernen und offen ist für Veränderungen. Ich kann mir gut vorstellen, Freiwilligenarbeit zu leisten und ausserdem gibt es ja auch noch meine beiden Enkelinnen.»

 

Hilfe vom Coach

Birgit Grezella, 52
Sekretärin bei Holinger SA, Ecublens

«Über meine Arbeitsmarktfähigkeit habe ich mir vor 50 wenig Gedanken gemacht. Bis dahin habe ich das Büro einer Fundraising-Agentur in der Westschweiz geleitet. Diese war im Bereich Non-Profit-Organisationen tätig, ich hatte also vor allem mit jungen Leuten zwischen 18 und 22 zu tun. Insgesamt zwölf Jahre lang war ich dort für die ganze Administration zuständig – ein Job mit viel Verantwortung und Eigeninitiative. Als ich kündigte, wusste ich, wer ich bin und was ich kann. Ich fühlte mich im besten Alter. Mit Schwierigkeiten bei der Stellensuche habe ich überhaupt nicht gerechnet. Das Loch kam, als ich dann wirklich auf Stellensuche ging. Es war lange her, seit ich überhaupt eine Bewerbung geschrieben hatte und ich wusste nicht mehr so genau, worauf es ankommt. Viele Bewerbungen liefen dann ins Leere. Ich begann zu zweifeln. Doch der Coach, den mir das RAV zur Seite stellte, hat mir geholfen, meine Zweifel zu überwinden, und mir erklärt, wie ich mich schon in meinem Lebenslauf gut verkaufen kann. Daraufhin hatte ich zwei Vorstellungsgespräche, und beim zweiten hat es dann geklappt.

Die Vermittlung lief über eine Agentur. Beim ersten Gespräch dort fiel dann schon die Frage, ob ich mir so eine Stelle in meinem Alter zutraue. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich schon damit abgefunden, dass man um diese Frage wohl ab 50 nicht mehr herumkommt und fand es nicht mehr so schlimm. Für meinen Chef war jedoch klar, dass er jemanden mit Erfahrung einstellen wollte. Ich habe einen Job, bei dem ich ein Allroundtalent sein muss. Ich arbeite allein als Assistentin von 25 Ingenieuren in verschiedenen Altersgruppen, da geht es immer bunt zu. Ich finde es sehr spannend, mich mit allen auszutauschen. Mit Mitarbeitern in den 30ern kann man sich über Familie und Kinder unterhalten, mit älteren Kollegen rede ich beispielsweise über Sport und wie wir in Bewegung bleiben.

Ich finde es in meinem Job vor allem wichtig, sich in alle hineinzuversetzen und nicht die Augen davor zu verschliessen, dass man selbst auch älter wird. Es braucht Geduld mit älteren Mitarbeitenden und geduldig sein ist in jungen Jahren nicht immer leicht. Eine Assis­tentin, die das schafft, kann auch in stressigen Situationen gegenüber allen Mitarbeitenden die nötige Wertschätzung vermitteln und das finde ich sehr wichtig.»

Bloss keine Opferrolle

Doris Hirschi, 57
Management Assistant bei Celgene GmbH
 

«Als mein letzter Arbeitgeber im vergangenen Jahr verkauft wurde, konnte ich mir vorstellen, dass es nicht mehr lange gehen würde, bis ich meine Kündigung bekomme. Weil ich auf keinen Fall arbeitslos werden wollte, habe ich mich sofort auf die Suche nach einem neuen Job gemacht. Für mich war es wichtig, zuerst einmal herauszufinden, was ich auf dem Arbeitsmarkt überhaupt brauche. Dazu war auch der Kontakt mit einer Stellenvermittlerin sehr wertvoll. Dort konnte ich mein Englisch-Level testen und fand heraus, dass ich dort nachbessern muss. Das habe ich dann auch sofort in Angriff genommen, die Prüfung absolviert und Sprachferien in Wales gebucht.

Zu meiner aktuellen Stelle kam ich durch mein Netzwerk. Die Tochter einer Kollegin hat schon hier gearbeitet und erzählt, dass hier eine Assistentin gesucht wird. Das Unternehmen war zu dem Zeitpunkt schon in der Schlussrunde des Rekrutierungsprozesses, aber ich habe mich trotzdem noch beworben. Und tatsächlich: Alle eingeladenen Kandidatinnen kamen nicht in Frage.

Mein jetziger Chef wollte mich dann kennenlernen, ich stand aber kurz vor meiner Abreise nach Wales und konnte ihm nur anbieten, dass wir uns für eine Stunde am Flughafen treffen. Und das hat einfach gepasst. Auf dem Rückweg habe ich mich noch mit der HR-Verantwortlichen in London getroffen und dann hatte ich den Job. Er ist anders als meine bisherigen Jobs. Assistenz macht nur ungefähr 30 Prozent aus, den Rest der Zeit übe ich eine Managementfunktion aus und ich habe auch Führungsaufgaben übernommen. Es ist wirklich noch einmal etwas ganz anderes – ein bisschen so, wie ich mir in meinen 20ern meine Karriere vorgestellt habe. Mein Chef fördert mich extrem, im März absolviere ich einen Leadership-Kurs für Frauen in St. Gallen. Ich fühle mich sehr wertgeschätzt.

Ich denke, bei der Stellensuche ab 50 darf man sich einfach nicht so leicht abservieren lassen. Natürlich ist das Alter ein Thema, aber ich habe das einfach nicht akzeptiert. Ich übernehme die Regie in meinem Leben und bestimme, was mit mir passiert. Viele bekommen in meinem Alter das Gefühl, dass auf dem Arbeitsmarkt nichts mehr geht. Und natürlich wartet die Wirtschaft nicht auf uns. Aber mit der Opferrolle kommt man erst recht nicht weiter. Ich habe bei der Stellensuche alles getan, um aus der Masse von Bewerbungen herauszustechen. Und wenn ich nichts mehr gehört habe, habe ich nachge­hakt. Ich wollte wissen, warum ich nicht weiterkomme, ich wollte ja daraus lernen. Es ist wichtig, immer wieder Mut zu fassen und auf keinen Fall lethargisch zu werden. Und mit diesem Motto starte ich jetzt nochmal voll durch.»

Veraltete Bilder

Eileen Bieniek, 55
Assistentin Executive Board Assistant, 
mittelständisches Familienunternehmen
 

«Meine jetzige Stelle habe ich relativ einfach gefunden, als mich eine Personalberaterin gezielt angesprochen hat. Ich war latent auf der Suche, weil ich in meiner damaligen Stelle Teilzeit arbeitete und wieder zurück in die Vollzeit wollte. Wesentlich schwieriger war meine Stellensuche 2014. Damals habe ich mehr als 200 Bewerbungen abgeschickt. Aus zehn ergab sich ein Telefoninterview, bei zweien konnte ich mich persönlich vorstellen. Die Zahl 50 ist wirklich ein Knackpunkt bei der Stellensuche. Ein Personalvermittler, den ich nach einiger Zeit etwas besser kannte, meinte hinter vorgehaltener Hand: ‹Mit einer Vier vorn wäre es kein Problem, Sie zu vermitteln.› Von den Unternehmen traut sich ja niemand, das offen zu sagen. Die haben bei Assistentinnen in meinem Alter noch das Bild der Sekretärin vor sich, die auf Geheiss des Chefs hie und da mal ein Briefchen schreibt. Und tatsächlich gibt es in meinem Alter Kolleginnen, bei denen das so ist. Ausserdem rechnen die Firmen dann damit, dass eine Ältere nicht mehr so lange im Arbeitsleben bleibt. Aber bei mir sind das noch zehn Jahre. So lange bleiben von den Jüngeren längst auch nicht alle.  

Die grösste Hürde ist es also, entgegen dieser Bilder, die noch in den Köpfen herrschen, erst einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Erst dann kann man mit der eigenen Persönlichkeit überzeugen. Doch was bleibt einem Arbeitgeber bei einer Flut von Bewerbungen auch anderes übrig als erst einmal anhand der Unterlagen auszusortieren? Es war schon ziemlich frustrierend. Besonders weil ich im Laufe meiner Karriere sehr darauf geachtet habe, immer up to date zu bleiben, gerade auch, was die modernen Kommunikationsmittel angeht. Dort bin ich sicher auf dem gleichen Level wie jemand, der damit gross geworden ist. 
Für meine aktuelle Position wurde eine Assis­tentin gesucht, die sehr breit gefächert ist, welche die Prioritäten richtig setzen kann und der man den Job nicht mehr ausführlich erklären muss. Zu meinen Aufgaben gehören sowohl geschäftliche als auch private Angelegenheiten. Mein Glücksfall war es, dass mein Arbeitgeber jemanden mit viel Know-how suchte und das Alter kein Kriterium war. Und so viele erfahrene Frauen gibt es auf dem Markt dann eben doch nicht. In meinem Alter wollen die Leute den Job nicht mehr so gern wechseln, sie scheuen das Risiko. Dort, wo sie gerade sind, wissen sie, was sie haben.

Meine Chefin ist 36, aber das spielt keine Rolle, wenn es ansonsten stimmt. Ich habe immer gern über die Altersgrenzen hinweg mit Menschen zusammengearbeitet. Von einer jüngeren Kollegin konnte ich insofern profitieren, dass ich es heute nicht mehr so eng sehe, wenn man während der Arbeit mit anderen auch mal über etwas anderes als die Arbeit redet. Das ist wichtig für die Kontaktpflege. Früher hätte mich das gestört, heute tut es mir gut. Probleme entstehen meist, wenn die älteren Mitarbeiter nicht teilen wollen und ihre Erfahrung als Herrschaftswissen ansehen und die jüngeren meinen, alles besser zu können. Dabei können alle voneinander profitieren.»

Die Extrameile gehen

Ana Paula Ferreira, 51
Executive Assistant to the President & CEO, MAKINO Europe GmbH
 

«Als ich vor zwei Jahren aus Portugal nach Deutschland zurückkehrte, habe ich ziemlich einfach eine neue Stelle als Assistentin gefunden und gerade habe ich auch wieder problemlos den Arbeitgeber gewechselt. Negative Erfahrungen bei der Jobsuche in Bezug auf das Alter kenne ich nur aus Erzählungen von anderen. Wie gut es mit der Stellensuche klappt, hängt meiner Meinung nach vor allem mit der Persönlichkeit, dem Charakter, mit Empathie und Soft Skills zusammen – Fachkompetenz selbstverständlich vorausgesetzt. Meine Berufserfahrung aus Portugal hat mir sicher auch sehr geholfen. In südlichen Ländern wird einfach nicht so viel gejammert wie im nördlicheren Europa. Dass man die Extrameile geht, ist dort eine Selbstverständlichkeit. Die Menschen geben mehr von sich, bringen sich ein und sind stolz auf das Unternehmen, in dem sie arbeiten.

Bei der Stellensuche als Assistentin spielt sicher auch das Alter des Chefs eine Rolle. Ein jüngerer Chef sucht wohl eher eine Unterstützung in seinem Alter und das ist auch völlig nachvollziehbar. Mein jetziger Chef ist nur fünf Jahre älter als ich. Wir sind auf derselben Wellenlänge. Ich würde umgekehrt auch nicht unbedingt für einen 20 Jahre jüngeren Chef arbeiten wollen. Natürlich gibt es da Ausnahmen: Als ich 42 war, habe ich als Assistentin für einen 29-Jährigen gearbeitet. Er war Däne und hatte in Portugal gerade eine Firma gegründet. Er suchte eine Assistentin, von der er noch etwas lernen konnte. Die Zusammenarbeit hat wunderbar geklappt. Letztendlich zählt, dass die Chemie stimmt.

Warum die Jobsuche bei mir immer so reibungslos geklappt hat? Ich bleibe in Vorstellungsgesprächen authentisch und verstelle mich nicht. Ich empfinde Interviews nicht als Stresssituation, sondern als Chance, neue Leute kennenzulernen und für mich etwas mitzunehmen, das mich weiterbringt. Ich denke, dass kommt positiv an. Ganz wichtig ist auch die Position, auf die man sich bewirbt. Gerade auf hohem Assistenzniveau spielen die langjährige Berufserfahrung und die Souveränität eine grosse Rolle. Dies kann man natürlich nicht bieten, wenn man noch sehr jung und unerfahren ist. Dennoch, jede Assis­tentin hat ihre eigene Art, das Sekretariat zu führen: Manche 28-Jährige macht das mit ungeheurer Reife, andere Assistentinnen sind trotz langer Erfahrung ineffizient. Es hat mit der Arbeitseinstellung und mit der Leidenschaft für den Job zu tun und die sind altersunabhängig. Was nicht heisst, dass es nicht gewisse Tendenzen gibt, in denen sich unterschiedliche Altersgruppen unterscheiden. Die jüngere Generation nimmt ihren Job leichter und hält viel von Work-Life-Balance – davon kann man aber auch profitieren. Auch weiss sie sofort, wenn technisch etwas Neues herauskommt, und setzt das dann auch im Job schnell ein. Auch da lerne ich immer gern dazu. Und das gilt sowieso generell, ich lege sehr viel Wert darauf, mich, so oft es geht, weiterzubilden – auch auf eigene Kosten – denn ausgelernt habe ich noch lange nicht.

 

Text: Stefanie Zeng | Weitere Artikel von Stefanie Zeng

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