Multitasking

Das geht ja gar nicht

Kategorien: Gesundheit, Psychologie, Karriere | Text: Ruth Preywisch | 05.04.2017

Im Hintergrund dudelt das Radio, am Telefon erklärt der Chef, was als nächstes ansteht, und auf dem Rechner poppt ein Mail auf, das dringend zu sein scheint. Schnell mal anklicken und nachschauen … Wer da am Ende noch weiss, was der Chef gesagt hat, ist definitiv ein Ausnahmetalent. Denn Multitasking funktioniert nur beschränkt. 

Der Coach Mauro Cosetti kennt viele, die es dennoch versuchen. «In meiner Arbeit ist Multitasking oft einer der Kernpunkte», erzählt er. Denn viele Arbeitnehmer, unabhängig von der Hierarchiestufe, klagen bei ihm über eine grosse Arbeitsbelastung. Viele stecken in einem Hamsterrad aus immer mehr Aufgaben und versuchen, dem Druck zu entgehen, indem sie verschiedene Dinge gleichzeitig erledigen. «Das ist zu einem regelrechten Zwang geworden», sagt Cosetti. Doch wer glaubt, damit die ideale Überlebensstrategie gefunden zu haben, unterliegt einem fatalen Trugschluss. Denn viele der Aufgaben, die täglich auf uns einprasseln, erfordern Konzentration. Und wer die nicht aufbringt, wird nachlässig. «Wer sich nicht konzentriert, macht Fehler», weiss Cosetti. Und die müssen dann wieder ausgebügelt und korrigiert werden. Das kostet Zeit und Nerven – und am Ende hat man nichts gewonnen. 
 
 

Widersprüchliche Studien

Doch was ist mit den zahlreichen Studien, die besagen, dass Multitasking möglich ist? Immer wieder liest man das und meist kommt auch noch heraus, dass Frauen darin besser sind. So hat ein Team der Universitätsklinik Balgrist in Zürich gerade eine Studie durchgeführt, in der 83 Personen während des Laufens Sprachaufgaben lösen mussten. Junge Frauen waren dabei klar im Vorteil gegenüber älteren und Männern. Cosetti hält von Versuchen wie diesem nichts. «Das sind Experimente in einem besonderen Setting und es funktioniert auch nur dann, wenn Routineaufgaben mit anderen kombiniert werden», sagt er. Mit der Realität habe das nichts zu tun und die Ergebnisse seien deshalb nicht übertragbar. Vor allem geht es beim Multitasking in der Realität oft darum, mehrere komplexe Aufgaben zeitgleich zu erledigen. «Und das funktioniert beim Menschen einfach nicht», so Cosetti. 
 
Beschreibung Beispiel Was passiert Folge
Gleichzeitige periphere Prozesse, die verschiedene Sinne einbeziehen und unterschiedliche Hirnareale ansprechen Telefonieren und aus dem Fenster gucken Es werden unterschiedliche Hirnareale und Sinne unabhängig voneinander aktiviert. Das geht gleichzeitig (sofern draussen nichts Spannendes passiert!).
Gleichzeitige Output-Prozesse Reden und etwas aufheben Routinetätigkeiten beanspruchen zwar evt. gleiche Areale, beeinflussen sich aber nur wenig. Das geht, mit vernachlässigbaren Fehlern.
Gleichzeitige Entscheidungen Termin raussuchen und Druckauftrag erteilen Entscheidungen verlangen zentrale Aufmerksamkeit; unser Gehirn kann sie nur nacheinander ausführen. Es kommt zu (bewusst kaum merklichen) Unterbrechungen. Das geht nicht gleichzeitig. Die Bearbeitungszeit steigt und Fehler werden wahrscheinlicher.
Gleichzeitig zwei komplexe Aufgaben lösen, die jeweils mehrere und dadurch zusammen gleiche Hirnareale beanspruchen Autofahren und telefonieren Unser Gehirn kann nur eine der Aufgaben erledigen, beide Aufgaben stören sich gegenseitig. Beim Versuch, zwei Aufgaben zu kombinieren, kommt es garantiert zu Fehlern!
 
 

 

Dialog geht bachab

Dabei ist das menschliche Gehirn für sich genommen ein wahrer Multitasking-Spezialist. Hier laufen ununterbrochen viele unterschiedliche Prozesse in verschiedenen Regionen gleichzeitig ab, das meiste davon unbewusst. Das versetzt uns überhaupt erst in die Lage, komplexe Aufgaben wie Autofahren zu meistern, ohne dabei sofort einen Unfall zu bauen. Doch unser Gehirn kann nicht alles: Erwiesen ist, dass man eine Aufgabe umso besser mit einer anderen kombinieren kann, je mehr man mit ihr vertraut ist und je routinierter man sie ausführt. Das gilt nicht nur in Studien, sondern auch in der Realität. Aber Vorsicht: Ein Freibrief zum Telefonieren beim Autofahren ist das nicht. Auch wenn wir beides scheinbar im Schlaf können, wenn wir es kombinieren, sind Fehler wahrscheinlich. Und können in dem Fall tödlich sein. 
 

Vier Schritte für mehr Fokussierung

  1. Grosse Ziele auf maximal 3 reduzieren Aufgaben überprüfen: Bringt das was für das Ziel oder nicht? 
  2. Nein sagen bei Aufgaben, die nicht zielführend sind Argumentation aus Punkt 1 nutzen. Falls man dann trotzdem dazu verdonnert wird, kann man fordern, dass die Ziele geändert/angepasst werden. 
  3. Absolute Konzentration auf Aufgaben, die zu den Zielen gehören Die gehen immer vor! 
  4. Dinge richtig tun Die passende Arbeitsatmosphäre schaffen, Ablenkungen vorbeugen, genug Zeit einplanen. Und dann loslegen! 
 
 
Doch auch, wenn es nicht gleich so dramatisch enden muss, ist das ständige Multitasking in Cosettis Augen eine regelrechter Fluch. «Das hat sogar soziale und gesellschaftliche Konsequenzen», warnt er. Um die zu sehen, müsse man nur auf einen Spielplatz gehen und beobachten, wie Eltern auf ihr Smartphone starren, während die Kinder um Aufmerksamkeit betteln. «Durch die ständige Ablenkung sind wir nicht mehr im Dialog miteinander», sagt Cosetti. 
 
 

Aufräumen hilft schon

Geht es um den Job, spricht weniger der fehlende Dialog als vielmehr die Fehlerhäufigkeit gegen Multitasking. Spätestens wenn es um komplexe Aufgaben geht, sollte man es deshalb gar nicht erst versuchen. «Wenn man eine Sache gleich richtig macht, fährt man besser», sagt Cosetti. 
 
Er empfiehlt jedem, sich klar zu fokussieren und Ablenkungen zu vermeiden. «Da hilft oft schon ein aufgeräumter Schreibtisch», sagt er. Aber auch das Ausschalten von Mailprogrammen oder das Einschalten eines Anrufbeantworters sorgt für die nötige Ruhe, die umfangreichere Aufgaben benötigen. Richtig gut dran sind seiner Erfahrung nach diejenigen, die gut planen. Wer sich morgens zu Arbeitsbeginn 15 Minuten Zeit nimmt, um den Tag zu planen, und da genug Luft einbaut, hat schon einen grossen Schritt raus aus dem Hamsterrad der unendlichen Aufgabenliste gemacht. «Man muss sich die Zeit nehmen, zu denken», sagt Cosetti. Danach ist meistens klar, was wirklich wichtig ist. «Und dann mache ich das. Und zwar richtig, absolut und unbestritten», beschreibt Cosetti seine Herangehensweise. Und wenn von aussen ständig Unterbrechungen kommen und neue Aufgaben, die eigentlichen stören, dann müsse man das klar kommunizieren. Der Chef überlegt sich nämlich garantiert zweimal, ob er stört, wenn man darauf hinweist, dass sich das dringende Protokoll dadurch verzögert. Und für diejenigen, die davor zurückschrecken, hat Cosetti eine beruhigende Weisheit parat: «Es wird niemand gefeuert, wenn er einen Zielkonflikt kommuniziert». 

Text: Ruth Preywisch

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