Karriere

Die war doch auf der Besetzungscouch!

Kategorien: Psychologie, Karriere | Text: Ruth Preywisch | 13.06.2017

Klischees über hübsche Kolleginnen sind wohl jeder schon mal begegnet: «Die hat ihren Job nur bekommen, weil sie so gut aussieht» oder «Die leitet die Abteilung, weil sie dem Chef schöne Augen gemacht hat», alles ganz üblicher Bürotratsch. Aber was ist wirklich dran am Gerücht, dass schöne Menschen leichter an einen Job kommen, schneller aufsteigen und mehr verdienen?

Nicht viel, sagt eine aktuelle Studie aus den USA, zumindest was den Verdienst angeht. Die Wissenschaftler rund um Satoshi Kanazawa haben 20 000 Personen über Jahre hinweg immer wieder denselben Fragebogen vorgelegt. Zu Beginn der Studie waren die Teilnehmer 16 Jahre alt, am Ende 29. Alle wurden von den Forschern vom Aussehen her bewertet und in Gruppen eingeteilt. Das Ergebnis der Studie widerspricht den gängigen Vorurteilen: Unattraktive Menschen verdienten demnach zum Teil weit mehr als attraktive und generell sind laut der Studie Merkmale wie Gesundheit, Intelligenz oder Offenheit entscheidender für einen hohen Verdienst als die Optik. 
Die Studie ist zwar umstritten, weil nur wenige der Probanden als nicht attraktiv eingestuft wurden und frühere Studien zum Thema meist das Gegenteil zutage brachten. Aber die Ergebnisse decken sich mit den Meinungen anderer Experten. 
 
Die Bestsellerautorin, Beraterin und Referentin Sonja A. Buholzer, Gründerin und Geschäftsführerin des Coachingunternehmens Vestalia Vision mit Sitz in Zürich, bestätigt dies: «Ein gepflegter Auftritt, die Ausstrahlung und die Kompetenz zählen mehr als nur das Aussehen.» Es stimme zwar, dass wir fatalerweise attraktive Menschen auf den ersten Blick für klüger und erfolgreicher hielten als weniger schöne. Aber der zweite Blick ändere das. «Wir sind heute differenzierter und aufgeklärter und schauen schneller hinter die Fassade», sagt sie. Gerade im beruflichen Umfeld habe sich da einiges geändert und Schönheit sei keineswegs alles, was zähle. Im Gegenteil. «Auf Persönlichkeit und Authentizität kommt es an», sagt sie. Und auf den professionellen und guten Auftritt, den man sich im Gegensatz zu naturgegebener Schönheit erarbeiten kann. Dazu gehören vor allem eine gehörige Portion Selbstbewusstsein und auch Selbstmarketing. «Eine Frau, die hinter dem steht, was sie will, und das auch ausstrahlt, wird Erfolg haben», sagt Buholzer. Äusserliches wird dann zur Nebensache. 
 
Im Grunde genommen sind ihrer Meinung nach besonders schöne Menschen sogar ein wenig im Nachteil. «Zu viel des Guten kann negativ sein», weiss sie, gerade bei Frauen. Über schöne Frauen werde häufiger geredet und man traue ihnen weniger zu. Gerade Männer würden häufig nach dem Äusseren urteilen und das sei im beruflichen Umfeld für schöne Frauen allen vermeintlichen Vorteilen zum Trotz eher hinderlich. «Frauen müssen klug mit ihrer Schönheit umgehen, um nicht dem Klischee von der hübschen, jedoch weniger kompetenten Frau zum Opfer zu fallen», meint sie schmunzelnd. Ganz anders bei Männern: «Attraktive Männer sind da weniger verdächtig», sagt Buholzer. Man spricht ihnen nicht a priori eher Kompetenz und Können ab, sondern sieht dies eher noch als Added Value eines Gesamtpakets von Vorzügen der Natur! 
 
Sind schöne Männer also die einzigen mit einem echten Vorteil? Weit gefehlt. Egal ob Mann oder Frau, ganz klar im Vorteil sind vor allem die, welche sich, so wie sie sind, für gut halten und das nach aussen tragen können. Ob sie schön sind oder nicht, spielt kaum eine Rolle. «Wer nicht den gängigen Schönheitsmerkmalen entspricht, gehört schliesslich zur Mehrheit», sagt Buholzer. 

Was steckt hinter unserem Schönheitsideal?

Miss Moneypenny: Was genau gilt bei uns eigentlich als schön? 
Karmasin: Unser Ideal bezieht sich vor allem auf den Körper. Als schön gilt, wer geradezu chronisch gesund, jung, schlank, sehnig, ener­gisch und durchtrainiert aussieht.
 
Das ist aber ab einem gewissen Alter kaum noch zu erreichen, oder? 
Das stimmt, für einen solchen Körper muss man ab spätestens Anfang 30 hart arbeiten. Aber das ist Teil des Ideals. 
 
Inwiefern? 
Als junger Mensch haben die meisten von Natur aus einen solchen Körper. Erwachsene müssen sich dafür aber im Normalfall zügeln, das verlangt nach Disziplin und erfordert eine hohe Leistungsbereitschaft. Und beides sind Eigenschaften, die in unserer heutigen Welt hoch angesehen sind. 
 
Aber nicht jeder bringt die auf. 
Das ist richtig, aber wer oben mitspielen will, passt sich an. Man sieht das daran, dass sich die Körperfettwerte in verschiedenen Gesellschaftsschichten tatsächlich unterscheiden. Es gibt kaum dicke Politiker, Stars oder Unternehmenschefs, dafür aber jede Menge dicke Menschen in den unteren Schichten. 
 
Ist das in anderen Gesellschaften anders? 
Die Schönheitsideale werden immer von Eliten geprägt, aber andere gesellschaftliche Werte bringen ganz andere Ideale hervor. Ein gutes Beispiel sind die abgeschnürten Füsse, die für Frauen in China lange Zeit üblich waren. 
 
Für welche Werte standen die denn? 
Ein Mann galt als erfolgreich und reich, wenn seine Frau nicht aus dem Haus gehen musste. Die abgeschnürten Füsse waren ein sichtbares Zeichen dafür. 
 
Das ist heute aber nicht mehr so, insofern kann sich ein Schönheitsideal auch verändern. 
Ja, es kann sich verändern und tut das auch. Aber dazu gehört meist ein grösserer historischer Umbruch. Im Mittelalter zählte zum Beispiel bei Männern vor allem die körperliche Stärke. Deswegen galt der schwer tragende, muskelbepackte Ritter als Ideal. In der Renaissance dagegen standen dann auch bei Männern eher geistige und musische Fähigkeiten im Vordergrund. Die männlichen Körper sollten dementsprechend biegsam, knabenhaft und anmutig sein. 
 
So wie heute die Frauenkörper nicht mehr ausladend und kurvig sein sollen. 
Heute beobachten wir, dass sich die weiblichen den männlichen Körpern angenähert haben. Frauen zeigen heute auch Muskeln, das war früher nicht so. Männer dagegen übernehmen nichts, weder Röcke noch Kurven. 
 
Steckt dahinter die fortschreitende Gleichberechtigung und Emanzipation? 
Ich denke schon. Frauen haben sich viele männliche Bereiche erobert und das sieht man an den veränderten Körperidealen. Männer in weiblichen Bereichen sind nach wie vor seltener anzutreffen. 
 

Helene Karmasin ist Markforscherin, Autorin und Gründerin des Instituts für Motivforschung und des Österreichischen Gallup Institutes. karmasin-bi.at

 

Buchtipp

Dr. Sonja A. Buholzer. Woman Power. Karriere machen, Frau sein. Zürich, 2014, Orell Füssli.
Helene Karmasin. Wahre Schönheit kommt von aussen. Salzburg, 2011, Ecowin-Verlag

 

Text: Ruth Preywisch

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