Digitalisierung

Ein Leben ohne Zufälle

Joël Luc Cachelin untersucht in seinem neuen Buch «Offliner» die Gegenkultur der Digitalisierung und zeigt auf, warum es wichtig ist, kritische Fragen zu stellen und sich nicht vom leichten, unkomplizierten Online-Leben blenden zu lassen. Ein Gespräch über die mögliche digitale Zukunft der Menschheit.

Herr Cachelin, in Ihrem Buch «Offliner» schreiben Sie, das Internet provoziere die nächste industrielle Revolution. Dabei teilen Sie die Welt in Off- und Onliner ein. Wer sind die Guten, wer die Bösen?

Joël Luc Cachelin: Diese Einteilung will ich so nicht machen. Mit Onlinern meine ich Unternehmen, Private und Verbände, welche die Digitalisierung der Welt vorantreiben und von ihr profitieren. Wenn sie sich gegen die Gesellschaft wenden, handeln sie vereinfacht gesagt böse. Das passiert, wenn das System an sich wichtiger wird als unser Befinden, wenn unsere Freiheit untergeordnet wird. Und auch, wenn die Digitalisierungstreiber von uns umfassende Transparenz einfordern, selbst aber längst nicht mehr transparent sind.

Wer sind ihre Kontrahenten? Die Offliner?

Das sind Personen oder Institutionen, die gegen die selbstverständliche, alternativlose Digitalisierung rebellieren. Offliner sind keinesfalls gegen das Internet an sich, aber sie stören sich an Aspekten der Digitalisierung, die uns aufgezwungen werden. Sie wollen die Digitalisierung aktiv mitgestalten und fordern einen reflektierten Umgang damit. Ihre Motive sind unterschiedlich. Da kann Datenschutz 
im Vordergrund stehen, die Angst vor einem Zerfall der Gesellschaft, ökologische Auswirkungen oder Globalisierungskritik.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie die Digitalisierung bereits weit in unseren Alltag vordringt und uns unbewusst steuert und lenkt. Woran erkennt man das?

Erstens an den Update-Zwängen, denen wir ausgeliefert sind. Wer dabei bleiben will, ist gezwungen, mitzumachen. Damit meine ich beispielsweise die bewusst geringe Lebensdauer von elektronischen Geräten. Zweitens geht es um den digitalen Schatten, den wir hinterlassen und der immer länger wird. Also unsere Spuren im Netz, die Informationen, die wir auf den unterschiedlichsten Portalen zurücklassen. Es ist nicht transparent, wie diese Datensätze bereits miteinander verknüpft werden, um uns mit speziell auf uns zugeschnittenen Angeboten zu ködern. So werden zum Beispiel auch die Preise individualisiert, je nachdem, wie viel mir zugetraut wird. Drittens geht es um die permanente Überwachung durch Bewegungsaufzeichner auf dem Smartphone, Kameras im öffentlichen Raum, die Gesichter erkennen, und so weiter.

Aber es ist doch toll, wenn ich nur auf mich zugeschnittene Angebote erhalte, oder? Wo sehen Sie die Gefahren?

Die Gefahr sehe ich darin, dass für die meisten nicht sichtbar ist, dass eine Selektion passiert. Ich kann nicht nachvollziehen, welche Informationen warum zu mir gelangen. So können wir von bestimmten Meinungen und Werten abgeschottet werden, was wiederum die Meinungsfreiheit einschränkt. Zweitens sind nicht alle gleich betroffen. Es gibt Aussenseiter, die entweder aus finanziellen Gründen ihre Daten nicht schützen können, weil sie beispielsweise nicht für zusätzlichen Datenschutz bei einer Krankenkasse oder ähnlichem bezahlen können. Oder sie sind aus politischen oder bildungstechnischen Gründen vom Netz abgeschnitten. Das fördert eine Zweiklassengesellschaft. Zudem werden Zufälle verschwinden.

Wie meinen Sie das?

Wenn Algorithmen bestimmen, welche Informationen ich erhalte, welche Personen ich treffe, nämlich Gleichgesinnte, welche Artikel ich lese, welche Werbung zu mir gelangt, sind wir sozusagen in einer Seifenblase eingeschlossen, in der alles mehr oder weniger von einem System vorbestimmt wird. Die Mobilität zwischen sozialen Schichten und kulturellen Umfeldern dürfte abnehmen.

Das klingt grässlich.

Mich erstaunt, dass im gesellschaftlichen und politischen Diskurs so wenig darüber debattiert wird. Die meisten haben das Gefühl, diese Probleme betreffen sie nicht. Zudem gibt es ja viele Vorteile: Unser Leben wird im Alltag einfacher und leichter, das blendet.

Die Tricks der Offliner

• 
Browsererweiterungen, um beim Surfen seine Spuren zu verwischen: Do not Track Me, Disconnect, Privacy Badger.
• 
Banner, Pop-ups und Videowerbung kann man mit Adblock Plus blockieren.
• 
Auf killyourphone.com zeigen Offliner, wie wir die automatische Datenübermittlung unserer Smartphones verhindern können.
• 
Ein Stecker wie Cyborg Unplug schützt vor unerwünschter Überwachung.
• 
Datacoup hilft bei der Vermeidung von digitaler Enteignung, indem man seine Twitter-, Facebook- und Kreditkartendaten verkaufen kann.
• 
Open Data setzt sich für die Offenlegung der gesammelten Daten ein.
• Auf 
murks-nein-danke.de können Produkte gemeldet werden, die Verfallsdaten eingebaut haben.
• 
Auf Mesh-Netzwerken wie Freifunk wird die digitale Infrastruktur von allen Nutzern gemeinsam angeboten. Dadurch gibt es keine zentrale Verwaltung, die Nutzer bleiben unabhängig.
• 
Mit Maidsafe werden Dateien zerstückelt und dann auf zahlreichen Rechnern statt nur auf einem verschlüsselt gespeichert. Das macht die Rekonstruktion für Unbefugte unmöglich.

Sie malen ein ziemlich düsteres Bild …

Tu ich das? Das ist nicht in meinem Sinne. Ich möchte mit dem Buch den Diskurs anregen, auffordern, sich Gedanken über die Digitalisierung zu machen. Ich bin kein Technikgegner und glaube, dass ein guter Umgang mit der Digitalisierung möglich ist. Aber wir müssen den Digitalisierungstreibern auf die Finger schauen. Die digitalen Konzerne werden in den nächsten Jahren auf eine weitergehende Digitalisierung drängen. Es geht ihnen darum, neue Märkte zu erschliessen, aber auch Prozesse durch die Digitalisierung effizienter zu machen. Wir profitieren als Gesellschaft vom Wirtschaftswachstum und einer Erhöhung der Lebensqualität. Doch es gibt auch Gefahren, wie eben Überwachung, Abbau von Arbeitsplätzen oder die ungleiche Verteilung der Renditen, die durch die Digitalisierung entstehen.

Wen sehen Sie in der Pflicht, diese Kontrolle zu übernehmen?

Eine wesentliche Rolle schreibe ich dem Service public zu. Er muss eine Medienlandschaft ermöglichen, die nicht nur marktgesteuert ist. Zudem sollte Medienkompetenz schon früh in der Schule gefördert werden und auch Eltern sollten mit ihren Kindern über die Themen und Anwendungen der digitalen Gesellschaft diskutieren. Die Unternehmen stehen mit Weiterbildungsangeboten und einer Vorbildfunktion, was die Datensicherheit betrifft, in der Pflicht. Diesbezüglich könnte die Schweiz übrigens bald international eine wichtige Rolle spielen: als attraktiver, sicherer Datenstandort. Das Datengeheimnis könnte das Bankgeheimnis ablösen. Und zuletzt ist jeder Einzelne aufgerufen, Selbstverantwortung zu übernehmen.

Was kann der Einzelne tun, wie kann man sich schützen?

Am einfachsten, indem man Offline-Strukturen unterstützt. Man kann zum Beispiel wieder öfter mit Bargeld bezahlen, statt mit Karte, einen Spielabend mit Freunden organisieren, statt von Netflix einen Film zu konsumieren, sich bewusst offline schalten, statt sich dem ständigen Rauschen der digitalen Welt auszusetzen. Ich kann schon fast nicht mehr einen Film schauen, ohne dabei gleichzeitig mit dem iPhone in der Hand online zu sein. Es braucht ein Bewusstsein, eine Sensibilität für ein solches Verhalten.

Wie sieht es im Netz selbst aus?

Um Monopolisierungen zu verhindern, macht es natürlich Sinn, alternative Plattformen, Sicherheitsbarrieren und Spurenlöscher (siehe Kasten) zu nutzen. Das ist aber oft mit zusätzlichem Aufwand verbunden und sie kosten meist mehr. Ich wünsche mir diesbezüglich mehr Unternehmertum von den Offlinern. Sie sollten wirtschaftlich aktiv werden und sich organisieren, um gleichwertige Alternativen zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen.

Stehen wir also nicht kurz vor einer Revolution und keiner merkt es?

Das hängt davon ab, wie sich die äusseren Faktoren weiterentwickeln. Zum Beispiel, wie eng die Ressourcen werden, wie es mit geopolitischen Konflikten weitergeht, ob die Bedürfnisse der Offliner von den Onlinern ernst genommen und berücksichtigt werden. Und es kommt darauf an, wie gross die Bereitschaft der Offliner ist, für ihre Rechte einzustehen.

Jöel Luc Cachelin

Der Ökonom und Unternehmensberater Dr. Joël Luc Cachelin beschäftigt sich seit seinem Studium mit Fragen zur digitalen Zukunft. Er gründete die Wissensfabrik, einen Thinktank für die Herausforderungen der digitalen Wissensgesellschaft. «Offliner. Die Gegenkultur der Digitalisierung» (Stämpfli Verlag, 2015) ist sein  neustes Buch. 2014 erschien «Schattenzeitalter. Wie Geheimdienste, Suchmaschinen und Datensammler an der Diktatur der Zukunft arbeiten».

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