Psychologie

Gescheit Scheitern

Text: Ruth Preywisch | 10.01.2017

Sie haben die Präsentation vermasselt, dem Kunden Kaffee über die Hose gegossen oder einen wichtigen Termin verschwitzt? Schämen Sie sich! Oder auch nicht. Denn irgendwann macht jeder einen Fehler und das einzig Wichtige ist, sich davon nicht über die Massen beirren zu lassen.

Über 2000 mal versuchte Thomas Edison, einen Kohlefaden zum Leuchten zu bringen – ohne Erfolg. Bei einem der Versuche brannte sogar sein ganzes Labor ab. Hat er sich dafür geschämt? Mitnichten. Er hat einfach weiter gemacht. «Wir kennen jetzt 2000 Wege, einen Kohlefaden nicht zum Leuchten zu bringen», soll er seine Fehlversuche kommentiert haben. Zum Glück, denn hätte er nach dem ersten misslungenen Versuch das Handtuch geworfen, dann hätten wir heute vielleicht kein elektrisches Licht. Nach etlichen Fehlversuchen hatte Edison dann nämlich das erfunden, wonach er gesucht hatte: Die Glühbirne. 
 
Natürlich ist nicht jeder ein Erfinder, aber von Edison lernen können wir alle. Denn die meisten Menschen lassen sich von Fehlern verunsichern und nicht wenige geben gleich auf, wenn etwas schief geht. Kein Wunder, dass Scheitern gerade im Berufsleben einen schlechten Ruf hat. 
 
«Wir müssen rund um die Uhr präsent sein, uns verbessern und uns Vorteile gegenüber der Konkurrenz erarbeiten», sagt der Berufs- und Lebenscoach Andreas Räber. In einer leistungsorientierten Gesellschaft zählt nur der Erfolg, Scheitern ist da eher hinderlich. Dank dem Internet ist die Welt auch noch kleiner, enger und transparenter geworden. «Passieren heute Fehler, sind die Auswirkungen entsprechend hoch», sagt Räber. Vor allem wenn es um Macht und Geld gehe, riskiere man schnell eine Absetzung. Aber auch wenn es um weniger geht, kann man in der Öffentlichkeit als Versager dastehen. «Der gesellschaftliche Druck ist hoch und Scheitern ist hierzulande definitiv nicht schick», erklärt Räber. 

 

Ängste akzeptieren

Gerade Beziehungsmenschen haben deshalb Angst vor dem Scheitern. Sie nehmen Fehler persönlich und haben oft nur eine geringe innere Distanz. «Sie fühlen sich durch Fehler bloss gestellt und haben Angst, nicht zu genügen oder nicht dazuzugehören», sagt Räber. Doch wer so denkt, für den ist ein gescheitertes Projekt sofort eine entmutigende Katastrophe. Manche prägt ein Misserfolg sogar so sehr, dass sie sich sich aus Angst vor weiteren Fehlern gleich gar nichts mehr trauen. «Das werden dann hartnäckige innere Stimmen, denen wir glauben und die uns lähmen», erklärt Räber. Dabei müssen die Stimmen gar nicht so laut werden.
 
«Schon das Eingeständnis, dass man Angst vor dem Scheitern hat, birgt ein grosses Potenzial», weiss Räber. Denn wer seine Ängste kennt, der kann sie akzeptieren. Und nimmt ihnen damit schon einen Grossteil ihrer Macht. Natürlich kann ein Projekt schiefgehen oder der Job gekündigt werden, aber wer sich vorher bewusst macht, dass davon nicht das ganze Leben abhängt, geht trotz Ängsten leichter hinein und lässt sich nicht lähmen.

 

Versagenskultur macht den Unterschied

Edison jedenfalls hätte mit der Aufgeben-Taktik niemals die Glühbirne erfunden. Aber was hat er anders gemacht? «Dasselbe wie viele andere so genannte Macher oder Trouble-Shooter», sagt Räber. Er hat die Dinge sachlich und locker gesehen und Rückschläge nicht persönlich genommen. «Es gibt Menschen, die sagen aus dem Bauch heraus ‹Jetzt erst recht›, wenn etwas schief geht» sagt Räber. Und das sei eine gute Reaktion auf einen Misserfolg. Allerdings sollte man dann aus einem Fehler lernen und ihn nicht wiederholen. Edison hat ja auch nicht 2000 mal den selben Versuch unternommen, sondern immer wieder etwas Neues ausprobiert. Und darum geht's: Jeder gescheitere Versuch und jeder Fehler birgt die Möglichkeit, etwas anders zu machen. 
 
Was passiert, wenn man dem Scheitern den Schrecken nimmt, kann man in den USA beobachten. Wer dort mit einer Idee baden geht oder ein Geschäft in den Sand setzt, gilt nicht sofort als Versager. Im Gegenteil. Er hat etwas riskiert und damit Mut bewiesen. Scheitern wird dort als Teil des Spiels betrachtet. «Firmen wie Google haben das perfektioniert», erklärt Räber. Das so genannte Rapid Evaluation Team soll eigentlich erfolgsversprechende Projekte und Ideen herausfiltern – und versucht dafür mit aller Kraft, sie zum scheitern zu bringen. «Der Worst-Case wird hier sozusagen gleich mitgedacht», erklärt Räber. Und stellt dann kein so grosses Problem mehr dar. Der Initiator einer Idee ist auch dann kein Versager, wenn das Projekt durchfällt. Es hätte ja sein können, dass die Idee funktioniert. Und wenn nicht, dann klappt es vielleicht mit der nächsten. Die Amerikaner sehen es also wie ihr Landsmann Edison. 
 
Da wir aber nicht in Amerika leben, ist der Chef wahrscheinlich mehr als sauer, wenn ein Projekt die Hose geht, die Kollegen suchen einen Schuldigen und man selbst fühlt sich mies. Dann helfen diese Tipps weiter: 
 
1. Zu Fehlern stehen
Das ist nicht leicht und kann unangenehme Konsequenzen haben. Aber nicht dazu zu stehen hätte diesselben. Und: «Wer offen zu seinen Fehlern steht und die Konsequenzen trägt, der wird von vielen sogar dafür bewundert», sagt Räber. Eine Entschuldigung an der richtigen Stelle ist also immer angebracht. 
 
2. Das Positive betrachten
«Meisten scheitert man nur in Teilbereichen und hat anderes gut gemacht», sagt Räber. Sich erstmal kurz auf das zu konzentrieren, was trotz allem gelungen ist hält er für eine gute Strategie, um wieder Sicherheit zu bekommen. 
 
3. Fehler analysieren
Wo ist es schief gelaufen und warum? Was macht man daraus? Kann man nachbessern? Gibt man auf? Oder gibt es andere Wege, die einen zum Ziel bringen? «Wenn wir sie reflektieren, hinsehen und wahrnehmen bieten Fehler, obwohl negativ erlebt, eine Vielzahl an Verbesserungsmöglichkeiten», sagt Räber. 
 
4. Blick von aussen nutzen  
Manchmal hilft ein Blick von aussen, um die Chancen im Scheitern zu sehen. «Gerade wenn ein Fehler schwere Konsequenzen hat und man etwa den Job verliert, dann kann ein Coaching helfen, den Blick zu verändern», weiss Räber. Vielleicht war das Ziel nicht das richtige? Oder der Weg war der falsche? Wichtig ist, sich nicht unter Druck zu setzen. «Manchmal dauert es sehr lang, bis man realisiert, welche Chancen und Möglichkeiten in einem Scheitern eigentlich liegen», sagt Räber. 
 
Wer das alles beim Scheitern berücksichtigt, der schämt sich garantiert weniger. Ob der Chef es verzeiht, wenn man bei einem der Fehlversuche das Büro abfackelt, ist allerdings trotzdem nicht garantiert. Ausser man erfindet die Glühbirne neu. Dann ist sicher alles erlaubt. 
 

Text: Ruth Preywisch

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