Kommunikation

Gleich, gleicher, am Gleichsten

Kategorie: Kommunikation | Text: Gerold Brütsch-Prévôt | 10.02.2017

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist seit 1981 in der Schweizer Bundesverfassung verankert. Auch in der Korrespondenz dürfen weder Frauen noch Männer sprachlich diskriminiert werden. Das führt manchmal zu seltsamen Auswüchsen.

Die sprachliche Gleichstellung ist auch in meinen Schreibkursen immer ein kontroverses Thema. «Haben wir nicht andere Probleme auf dieser Welt?», fragte ein Kursteilnehmer kürzlich in die Runde und eine Teilnehmerin setzte noch einen Scherz obendrauf: «Man sagt ja auch nicht ‹Liebe Mitglieder und Ohneglieder.›» Haha. Aber gerade dieses Beispiel zeigt das tiefe Niveau, auf dem die Gleichstellung in der Sprache oft diskutiert wird. 
 
«In diesem Text wird der Einfachheit halber nur die männliche Form verwendet. Die weibliche Form ist selbstverständlich immer miteingeschlossen», steht oft auf der ersten Seite – zum Beispiel in Personalhandbüchern und Verträgen. Männer würden wahrscheinlich ziemlich irritiert reagieren, wenn der Einfachheit halber nur die weibliche Form verwendet würde. Die Sprache transportiert neben der beabsichtigten Botschaft auch eine Haltung, eine Einstellung weiter. Dies gilt auch in Bezug auf die Gleichstellung von Frauen und Männern. Und vor allem: Wenn Männer und Frauen ansprechen, warum dann nicht auch «wörtlich»?
In der modernen Korrespondenz gibt es kein Wenn und Aber. Frauen und Männer werden sprachlich als gleichberechtigte und gleichwertige Personen behandelt. Frauen werden also immer mit femininen, Männer mit maskulinen Personenbezeichnungen benannt. Bei gemischten Gruppen kommen Doppelformen oder neutrale Bezeichnungen zur Anwendung.
Dafür gibt es die folgenden Möglichkeiten:
Wenn Frauen und Männer gemeint (oder mög­lich) sind, werden Paarformen verwendet:
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Studentinnen und Studenten
Teilnehmerinnen und Teilnehmer
 
Um den Lesefluss nicht zu stören, ist oft ein Komma besser: Studenten, Studentinnen müssen sich für den Vortrag anmelden. Der Präsident, die Präsidentin kann für bestimmte Aufgaben Delegierte einsetzen. Und ja: Nicht immer hat die weibliche Form Vortritt. Der Satz tönt mit der männlichen Form voran manchmal besser.
 
In der gesprochenen Sprache werden übrigens immer die Vollformen verwendet (Studentin, Student).
Bei Platzknappheit, oder wenn es von der Tonalität des Satzes her Sinn macht, werden neutrale Formen verwendet:
Ansprechpersonen
Mitarbeitende
Studierende
Teilnehmende
 
Etwas anspruchsvoller ist die Umschreibung, damit auf Paarformen oder neutrale Bezeichnungen verzichtet werden kann:
Wer Teilzeit arbeitet
(statt: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Teilzeit arbeiten)
Wir suchen eine teamfähige und erfahrene Person
(statt: Wir suchen eine/n erfahrene/n und teamfähige/n Mitarbeiter/in)
Alle, die den ersten Kurs besucht haben
(statt: Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die den ersten Kurs besucht haben)
 
Kurzformen mit Schrägstrich (Dozent/in) sollten nur bei Platzknappheit verwendet werden – weil es typografisch hässlich und schwer lesbar ist. Das Gleiche gilt für Do­zentIn. Auch das ist veraltet und unschön, auch wenn einige Medien noch immer eisern daran festhalten. 
 

So ab heute nicht mehr

Wir bedauern sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass …
Diese Einleitung lässt uns erschaudern – wie bedrohlich und angsteinflössend! Erst wird Spannung aufgebaut und dann kommt der Hammermann: «Wir bedauern sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir uns für einen anderen Kandidaten entschieden haben.» Und wer glaubt’s? Am allerwenigsten doch derjenige, der so würdelos abgefertigt worden ist.
Fehl am Platz ist diese Floskel auch dann, wenn nichts wirklich zu bedauern ist, weil es einfach zum Geschäftsalltag gehört. Wenn ein Auftrag anderweitig vergeben wird, was ja tagtäglich vorkommt, ist das kein Grund zur Trauer oder um per Floskel schwammiges Mitgefühl zu zeigen. Besser wäre, sich auf das Positive zu konzentrieren und auf die Zukunft: «Sicher klappt es das nächs­te Mal!»

Die proaktive Managerin
Quizfrage: Was ist der Unterschied zwischen einer proaktiven und einer aktiven Managerin? Ist «proaktiv» aktiver als «aktiv»? Der Gralshüter der Sprache ist ja der Duden; schauen wird doch da mal nach. Hier wird «proaktiv» mit «… durch differenzierte Vorausplanung und zielgerichtetes Handeln die Entwicklung eines Geschehens selbst bestimmend und eine Situation herbeiführend» definiert. Alles klar? (Der Satz darf auch zweimal gelesen werden.)
Gut. Wenden wir uns nun dem «aktiv» zu. «Tätig, rührig, zielstrebig, eifrig, unternehmend, tatkräftig», definiert der Duden. Zurück zur Quizfrage im ersten Satz: Was ist der Unterschied zwischen einer proaktiven und einer aktiven Managerin? Die Antwort: Die aktive Managerin ist nur tätig, vielleicht noch zielstrebig und tatkräftig. Aber eine Chaotin, weil sie nicht proaktiv ist, also nicht differenziert plant und damit nicht in der Lage ist, selbst bestimmend eine Situation herbeizuführen. Wer es nicht glaubt, kann im Duden nachschauen.
 

Text: Gerold Brütsch-Prévôt

Gerold Brütsch-Prévôt, eidg. dipl. Kommunikationsleiter, ist Partner der Text- und Werbeagentur Wortstark 
in Zürich und unterrichtet an verschiedenen Schulen. An der KVZ Business School lehrt er das Fach «Kommunikation 
in der Muttersprache» im Lehrgang «Direktionsassistent/-in mit eidg. 
Fachausweis».

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