Porträt

Zwischen Dickhäutern & Samtpfoten

Kategorie: Karriere | Text: Stefanie Schnelli | 13.06.2017

Gabriela Fenner hört im Büro auch mal einen Tiger brüllen oder einen Affen rufen. Als Assistentin des Direktors vom Zoo Zürich organisiert sie unter anderem die Reisen ihres Chefs in andere Tiergärten, kümmert sich um Donatoren und übernimmt manchmal auch tierische Spezialaufträge. 

Elenas Rufe blieben lange unbeantwortet. Immer wieder streifte sie gegen Abend unruhig um die Bäume und stiess für unsere Breitengrade ungewohnte Laute in den Zürcher Nachthimmel. Sibirische Tiger sind zwar Einzelgänger, doch so ganz ohne Kater schien es Elena in ihrer Anlage im Zoo Zürich doch etwas langweilig. Nun haben die Verantwortlichen ihre Klagen erhört und für Männerbesuch gesorgt. Der junge, gut gebaute Fedor aus Münster scheint der Tigerdame sympathisch zu sein. Ob daraus Freundschaft oder Liebe wird, ist noch nicht klar. Sicher ist, dass die Beziehung nicht von Dauer sein wird: Fedor wird in seine Heimat zurückkehren, nachdem sein Gehege im Münsterland um das Vierfache vergrössert worden ist. 
 
«Solche Austauschprogramme sind üblich», sagt Gabriela Fenner, Assistentin im Zoo Zürich, zur Liebesgeschichte der Tiger. «Wir stehen in engem Kontakt mit anderen europäischen Zoos und sind an mehreren europäischen Erhaltungszuchtprogrammen beteiligt. Diese koordinieren, welche Tiere sich paaren und Nachwuchs zeugen dürfen, damit eine gute genetische Durchmischung stattfindet.» Bei Fedor und Elena stehen die Gene gut. Doch ob Elena nochmal trächtig werden kann, ist unsicher, da sie lange ein Hormonimplantat hatte. Gabriela Fenner erzählt von den beiden Grosskatzen, als ob es ihre Schmusetiger zu Hause wären. «Ich habe zwar nichts mit den Tieren direkt zu tun, aber ich bin schon sehr nahe am Geschehen dran», erzählt sie. Fenner ist die Assistentin von Alex Rübel, Direktor des Zoos Zürich und Herr über rund 4700 Tiere.
 

Zur Person

Gabriela Fenner ist in Zürich in der Nähe des Zoos aufgewachsen und wohnt auch heute mit ihrem Mann und den zwei Töchtern in der Stadt. Sie hat die Matura gemacht und dann als Seasonal Flight Attendant bei Swissair gearbeitet. Im Anschluss daran hat sie eine Sekretärinnenschule absolviert. Als sie im Rahmen einer Übung Bewerbungen schreiben musste, wurde sie direkt vom Zoo Zürich für den Empfang angestellt. Nach zwei Jahren beim Zoo begann sie ein Jus-Studium und arbeitete gleichzeitig in einer Anwaltskanzlei – mit wenig Begeisterung. Als der Zoo Zürich sie anfragte, ob sie nicht die freiwerdende Assistenzstelle beim neuen Direktor antreten wolle, sagte sie darum sofort zu. Gabriela Fenner arbeitet nun seit 27 Jahren im Zoo Zürich, seit 25 Jahren für Alex Rübel. Sie wurde dieses Jahr 50 Jahre alt.

 
 

Naturschutz fordert Umdenken

Chef Rübel und Assistentin Fenner sind bereits seit 1991 ein Team – seit Rübels Amtsantritt. Unter seiner Leitung hat sich der Zoo in den vergangenen 26 Jahren enorm verändert. «Eine sehr spannende Ära, die ich miterlebe», beschreibt Fenner die aktuelle Situation. «In dieser Zeit hat sich der Zoo immer mehr zu einem Naturschutzzentrum entwickelt. Das Ziel ist dabei, die Tiere in ihren natürlichen Lebensräumen vorzustellen.» Anlagen im Zoo Zürich, die zeigen, in welche Richtung es geht, sind zum Beispiel der international gepriesene Masoala-Regenwald, der Trockenwald für Indische Löwen, das südamerikanische Feuchtgebiet Pantanal und der Kaeng-Krachan-Elefantenpark. In den modernen Gehegen haben die Tiere mehr Rückzugsmöglichkeiten und sind weiter von den Zuschauern entfernt. «Das erfordert ein Umdenken bei den Besuchern. Es braucht mehr Zeit, um die Tiere zu entdecken und zu studieren. Dafür ist ihr Verhalten in einer für sie natürlichen Umgebung viel authentischer und interessanter.»
 
Bei einem Zoobesuch in Zürich sollen Erwachsene und Kinder Neues lernen, Verständnis für Naturphänomene entwickeln und Wichtiges zum Schutz von Tieren und Umwelt erfahren. «Vom Sibirischen Tiger zum Beispiel gibt es weltweit noch ungefähr 500», sagt Fenner auf dem Spaziergang durch das Gelände. In den 1940er-Jahren sank der Bestand auf etwa 40 Tiere. Nur dank strengen Schutzmassnahmen hat er sich erholt. «Wir glauben, dass die Menschen eher bereit sind, Lebensräume zu schützen, wenn sie auch die Tiere kennen, die dort leben. Diesbezüglich hat der Zoo eine sehr wichtige Aufgabe.» Und auch in den Heimatländern seiner Tiere setzt sich der Zoo Zürich ein: Zu jeder seiner grossen Anlagen unterstützt er ein entsprechendes Naturschutzprojekt vor Ort.
 

Passion fürs Sechseläuten

Aber nicht nur die Tierhaltung hat sich verändert, auch Fenners Job ist im Wandel. «Als ich anfing, war mein Arbeitsplatz noch beim Haupteingang gleich hinter der Kasse. Das war oft sehr turbulent. Zu uns wurden jeweils die Kinder gebracht, die das Mami verloren hatten, und ich hörte am Drehkreuz, wie gross der Besucherandrang gerade war. Ich war viel mehr Allrounderin», sagt die Assistentin. Trotzdem stand damals schon einer der insgesamt drei Computer des Zoos auf ihrem Pult. «Drei Computer! Das ist heute unvorstellbar!» 
 
Rund 1,2 Millionen Gäste besuchen den Zoo Zürich jährlich, er ist 365 Tage im Jahr offen und beschäftigt rund 170 Mitarbeitende. In seiner Tochtergesellschaft, der Zoo Zürich Restaurants GmbH, sind gegen 80 Mitarbeiter tätig. Der Zoo wurde 1928 als Genossenschaft gegründet. 1999 wurde er in eine AG umgewandelt. Der Verwaltungsrat ist mit neun Mitgliedern schlank, Bauten und neue Projekte sind relativ rasch realisierbar. «Ich schreibe das Protokoll an Verwaltungsrats-, Stiftungsrats- und Geschäftsleitungssitzungen und bekomme so direkt mit, was besprochen und geplant wird. Das Team ist sehr interdisziplinär zusammengesetzt, das ergibt spannende Diskussionen. Und die Mischung aus Wirtschaftlichkeit, Naturschutz, artgerechter Tierhaltung und Bildungsauftrag ist sehr interessant. Ich lerne auch persönlich viel», erzählt Fenner. Früher hat sie auch noch die Medienarbeit gemacht und Events wie Kongresse und Tagungen organisiert. Für beides gibt es jetzt eigene Abteilungen, da unterdessen auch die Verwaltung des Zoos gewachsen ist. Dafür kümmert sie sich bei Spezialanlässen nach wie vor um die Freunde und Donatoren des Zoos.
 

Ausser Dienst

Dafür habe ich das letzte Mal Mut gebraucht: Ich bin eine eher ängstliche Person. Das letzte Mal Mut gebraucht habe ich vielleicht, nachdem ich einen Zwischenfall mit meinem Pferd hatte. Mich der gleichen Situation wieder zu stellen, war herausfordernd für mich.
Das würde ich gerne noch lernen: Ich würde gerne mehr Sprachen beherrschen. Es war schon immer mein Wunsch, einmal Französisch, Englisch, Spanisch und Italienisch auf gutem Niveau zu sprechen.
Das bringt mich zum Lachen: Vieles. Freche Sprüche von Kollegen im Büro, Situationskomik und die herzige Logik, die Kinder manchmal an den Tag legen.
Das bereitet mir Sorgen: Wie sich die soziale Interaktion durch Smartphones und Co. gerade bei Jugendlichen verändert.
Diese Person würde ich gerne kennenlernen: Ich bin kein Groupie-Typ. Mich interessieren starke Menschen, die guten Witz und Humor haben.
Mein Traum: Ich wünsche mir, meine Zufriedenheit behalten zu können.

 
Mit der neuen Organisation und auch weil die Geschäftsleitungsmitglieder sehr selbständig arbeiten, konnte Gabriela Fenner ihr Pensum im Jahr 2000 bei der Geburt ihrer ersten Tochter auf 50 Prozent reduzieren. «Ich arbeite jeweils vormittags. Das funktioniert perfekt», sagt die Mutter zweier Töchter. Der Zoo Zürich sei ein sehr fortschrittlicher, guter Arbeitgeber. Und auch für ihren Chef hat sie nur höchstes Lob bereit. «Er ist Tierarzt im Grundberuf und hat ein enorm breites und vernetztes Denken. Zudem gefällt mir, dass er mit beiden Füssen so fest auf dem Boden steht und eine sehr umgängliche, angenehme Person ist.» Die beiden verbindet unter anderem die Liebe zur Stadt Zürich und zum Sechseläuten. «Er ist Mitglied einer Zunft und ich arbeite ehrenamtlich im Kostümkomitee des Kinderumzugs mit.»
 
 

Der Favorit: Riesen-Meersäuli

Im neuen Elefantenpark versteckt sich das 120-Kilo-Baby Ruwani gerade hinter seiner Mutter. «Die Elefanten haben abgenommen, seit sie hier wohnen», sagt Fenner und lacht. Sie kennt die Namen der meisten Tiere im Zoo und weiss so manche Anekdote zu erzählen. Obwohl sie alle Zootiere faszinieren, schaut sie am liebsten bei den Capybara vorbei, die an grosse Meerschweinchen erinnern. «Das grösste Nagetier der Welt. Ich finde sie einfach super süss.» Zu Beginn ihrer Zoozeit durfte Fenner schon mal einen jungen Schneel-eoparden streicheln, einen Elefanten tätscheln und sogar einmal kurz auf ein Orang-Utan-Baby aufpassen: «Das war Ujan. Er wurde von Hand aufgezogen, weil seine Mutter ihn nicht annahm. Er war wie ein richtiges Baby, das war schon ein aussergewöhnliches Erlebnis.» Heute sind solche direkten Kontakte zu den Tieren unüblich, da man die Zoo-tiere möglichst naturnah halten will. Auch Handaufzuchten sind äusserst selten geworden. 
 
Der tierische Liebling von Gabriele Fenner steht allerdings ausserhalb des Zoos, wenn auch nicht weit: Seit ein paar Jahren hat sie ein Island-Pony. Es sei ihr Ausgleich, sagt die Tierliebhaberin: «Isländer sind vielseitige und freundliche Pferde, die zusätzlich zu den Grundgangarten Schritt, Trab und Galopp den sogenannten Tölt beherrschen. Eine nicht ganz einfach zu reitende, aber sehr spannende und vor allem bequeme Gangart. Das gefällt mir.»  
 
 
Text: Stefanie Schnelli | Weitere Artikel von Stefanie Schnelli

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