Porträt

Landei und Exotin

Sonja De Luigi wohnt im Bündnerland, liebt aber auch Zürich. Sie ist als Assistentin bei den Kraftwerken Hinterrhein eine der wenigen Frauen in einem Männerbetrieb, hat aber auch schon Flight Attendants rekrutiert, und statt Rennvelo fährt sie heute am liebsten Fat Bikes. Nur schubladisieren lässt sie sich nicht.

Routiniert fährt Sonja De Luigi den weissen Firmenkombi die kleine Bergstrasse hinab. Die Kurven sind eng, die Passage steil – und plötzlich versperrt. Kühe, die friedlich wiederkäuen, liegen auf dem Weg. Die Strasse führt direkt durch ihre Weide. «Vor Kühen habe ich Respekt», sagt die Bündnerin und wartet, bis auch das letzte Tier auf der Seite steht. «Vor allem Muttertiere können ziemlich aggressiv sein.» Sie fährt noch zwei, drei Kurven talabwärts und parkiert am Strassenrand. Der Wind zerrt an ihren blonden Haaren, es regnet und ist kalt. Vor uns türmt sich eine gewaltige Betonwand, 141 Meter hoch, 690 Meter lang, die ganze Talspalte ausfüllend. Ein immenses Bauwerk, vor dem ein Mensch verschwindend klein wird: die Staumauer des Lago di Lei, fast 2000 Meter über Meer, an der Grenze zwischen Graubünden und Italien.

Ein aussergewöhnlicher Arbeitsplatz für eine Assistentin. Seit Sonja De Luigi für den Chef der Kraftwerke Hinterrhein (KHR) in Thusis arbeitet, ist sie regelmässig in der Anlage. Sie begleitet Besuchergruppen oder den Verwaltungsrat auf das Gelände, ist bei Meetings dabei und muss manchmal auch spontan im Büro aufbrechen und ins 45 Minuten entfernte Val di Lei fahren, weil Dokumente fehlen oder ihr Chef sie braucht. «Ich habe keinen 08/15-Bürojob. Ich bin immer mal wieder draussen unterwegs und arbeite darum nicht in Jupe und High Heels. Die machen sich nicht gut bei 50 Zentimeter Neuschnee», erzählt sie lachend. Schon eher hat sie einmal einen Helm auf oder trägt ein oranges Gilet. Dabei hat Sonja De Luigi durchaus ein Flair für schöne Kleider. Aber sie mag den lockeren und unkomplizierten Umgang an ihrem Arbeitsplatz. «Unsere Mitarbeiter sind kernige Typen. Sie leben mit der Natur und haben teilweise einen gefährlichen Job. Status ist hier nicht so wichtig, Allüren gibt es nicht. Das ist anders, als wenn man mit einer Horde HSG-Absolventen arbeitet.»

Ausser Dienst

Das hat mich viel Überwindung gekostet: Nach meinem Velounfall mit Kopf-verletzungen wieder auf das Bike zu steigen. Rennvelo fahre ich seither nicht mehr.
Dieses Ritual ist mir wichtig: Die Zeitung und ein guter Kaffee am Morgen.
Das macht mich glücklich: Schönes Wetter. Ob das im Sommer oder im Winter ist, ist nicht so wichtig.
Das macht mich nachdenklich: Die aktuellen politischen Spannungen auf der Welt, die Flüchtlingsthematik und wie die Menschheit mit den Ressourcen umgeht.
Das wollte ich als Kind werden: Hostess! Das wusste ich bereits mit acht Jahren.
Diese Person würde ich gern einmal kennenlernen: Ich mag es generell, Menschen kennenzulernen. Ob die Person berühmt, ein hoher Wirtschaftsboss oder ein wichtiger Politiker ist, interessiert mich weniger. Sie imponiert mir nicht mehr als die ganz normalen Leute um mich herum.
Das würde ich gerne können: Sprachen sind immer ein Thema. Ich würde gerne besser Italienisch lernen. Und einmal mit einer MiG-29 über Russland mitfliegen.

Bei der KHR, die Strom aus Wasserkraft erzeugt, arbeiten rund 80 Männer und zwölf Frauen (fünf Raumpflegerinnen mitgezählt). «Das funktioniert gut», kommentiert De Luigi. Sie hat auch schon in Grossraumbüros mit 12 Frauen gearbeitet. «Solange jede weiss, was ihr Arbeitsgebiet ist, gibt es auch da keine Probleme.» Geschlechterfragen interessieren sie wenig. Die Arbeitsorganisation hingegen schon. Jobsharing zum Beispiel stellt sie sich schwierig vor. «Wegen des Informationsaustauschs.» Um diesen mit ihrem Chef zu gewährleisten, kommt sie jeden Tag ins Büro, obwohl sie Teilzeit arbeitet. «Meine Kinder sind erwachsen, ich könnte Vollzeit arbeiten. Aber ich frage mich wieso, wenn es anders geht. Ich komme dem Unternehmen insofern entgegen, als ich jeden Vormittag in der Firma bin.» Offiziell ist De Luigi 60 Prozent angestellt. Vor grossen Events wie der Generalversammlung arbeitet sie 100 Prozent. «Wir managen das sehr flexibel», erklärt sie. Auch was das Jobprofil angeht, gibt es keine starren Grenzen. «Hauptsächlich mache ich klassische Assis-tenzaufgaben. Wir stecken mitten in der Gesamterneuerung aller Anlagen, ein 300-Millionen-Projekt, was beachtlich ist für die Region.» Sie übernehme aber auch immer wieder Marketingaufgaben wie die Gestaltung neuer Prospekte oder erst kürzlich die Auswahl von Fotos und Filmen aus der Bauzeit für die  Ausstellung im Besucherzentrum der Staumauer. Das Unternehmen sei zu klein, um für alles eine Projektgruppe zu gründen: «Es wird entschieden und durchgeführt. Das deckt sich mit meinem Arbeitsverständnis, meinem Chef entscheidungsreif zuzuarbeiten.»

Der Traum vom Fliegen 

Dabei hatte De Luigi ursprünglich einen ganz anderen Traumberuf. «Ich bin in einem Dorf in der Region aufgewachsen. Eine Nachbarin im Haus war oft weg und kam jeweils braun-gebrannt und mit Koffer nach Hause. Das war aussergewöhnlich und hat mich fasziniert. Ich hörte, dass sie Hostess war, und entschied mit acht Jahren, dass ich das auch werden wollte – ohne eine Idee, was eine Hostess macht.» De Luigi hat auf ihren Traum hinge-arbeitet und ist nach dem KV in Chur zu Swiss-air, der sie 15 Jahre lang  bis zum Grounding treu war, zuletzt als Teilzeit-Flight-Attendant. Eine Zeit lang hat sie neben der Arbeit in der Luft auch im HR Hostessen rekrutiert. «Es war toll bei Swissair, weil ich sehr gerne in Kontakt mit Menschen komme und mich das Fremde und Neue reizt.»

Erst in Zürich hat es auch zwischen De Luigi und ihrem Mann gefunkt. Die zwei gingen bereits in Sils bei Thusis zusammen zur Schule, auch er war in der Fliegerei tätig. Als die beiden vor 22 Jahren eine Familie gründeten, war klar, dass ihre Kinder im Bündnerland aufwachsen sollten. «Bündner sind schon sehr heimatbezogen», lacht De -Luigi. «Obwohl ich mir hier oben manchmal als Exotin vorkomme.» Sie sei oft einen Tick zu modebewusst, einen Tick zu weltoffen, einen Tick zu züribezogen. Aber schon als Kind habe sie nie wie andere sein wollen. «Wenn alle rote Schuhe tragen, will ich blaue. Warum das so ist, weiss ich nicht.» Heute fährt sie regelmässig in die Limmatstadt, für einen Tapetenwechsel und Inspiration. «Ich lädele nicht so gerne. Aber ich habe meine feste Route und die endet immer im Prada-Shop. Ich liebe Handtaschen.»

Trotz dieser Fluchten in die Stadt möchte De Luigi die Natur vor ihrer Haustür nicht missen. Oft streift sie durch die Wälder, dem Fluss entlang oder Richtung Gipfel. «Ich bewege mich gerne an der frischen Luft, das ist mein Ausgleich.» Die Liebe zur Natur hat sie von Kind auf mitbekommen. Ihr Vater war Jäger und das ganze Jahr über im Wald. «Im Herbst liebe ich es, Pilze zu suchen oder mit einer Freundin spazieren zu gehen.»

Meist aber ist De Luigi zügiger unterwegs: Sie joggt regelmässig, macht im Winter Langlauf, nimmt ab und zu an Läufen teil und ist vor allem auf dem Mountainbike unterwegs. «Der Biker ist eigentlich mein Mann, aber das Radfahren hat uns schon immer verbunden.» 

Italien statt Hawaii

Mauro De Luigi betreibt nebenberuflich ein Velogeschäft, das sich auf Customized Bikes spezialisiert hat. Sonja De Luigi macht die Administration – und begleitet ihn auf Touren. «Im Moment bin ich ziemlich angefressen von Fat Bikes», erzählt die Sportlerin. Fat Bikes sind Mountainbikes mit speziell dicken Rädern. Sie wurden in Alaska entwickelt, um auf Schnee zu fahren. «Sie verzeihen viel und rutschen weniger schnell», erklärt De Luigi. Das kommt ihr entgegen: Seit sie 2010 einen schlimmen Velounfall auf dem Albulapass hatte, kostet es sie Überwindung, bei Abfahrten Gas zu geben. «Auf ein Rennvelo habe ich mich seither nicht mehr gesetzt.» Doch das Biken will sie sich nicht nehmen lassen.

Auch weil das Paar das Biken gerne mit Reisen verbindet. Als ehemalige Swissair-lerin ist De Luigi auch heute noch gerne unterwegs. Die beiden waren bereits vor 25 Jahren in Moab (Utah), das als Wiege des Mountainbike-Sports gilt und damals noch ein Geheimtipp unter -Bikern war. Im Oktober begleitet Sonja ihren Mann ans Granfondo Campagnolo Roma, ein Velorennen von 123 Kilometern. «Ich werde nicht teilnehmen. Stattdessen mache ich einen Lauf um die Sehenswürdigkeiten.» Sie liebe Sport und sei auch bereit durchzubeissen, aber verbissen sei sie nicht. «Es geht mir um Spass und Erholung, nicht um Qual und Pein.»

Ursprünglich wäre statt Rom Hawaii geplant gewesen – zum «Jubiläumsjahr», wie De Luigi es nennt. «Wir sind beide 50 geworden. Das wollten wir feiern, indem wir für einen Marathon auf Hawaii trainieren.» Doch Mauro hatte einen Unfall. Aus Hawaii wurde Italien, aus dem Marathon ein Velorennen und ein Lauf. De Luigi nimmt es gelassen. «Hawaii ist verschoben, und der Engadiner Sommerlauf vor Kurzem hat mir gereicht.» Lieber probiert sie auch einmal etwas Neues aus, wie einen Canyoning-Ausflug mit der ganzen Familie in der Viamala – auch Teil des Jubiläumsprogramms. «Das war toll!» 

Zur Person

Sonja De Luigi lebt mit ihrem Mann und den zwei Töchtern (18 und 21 Jahre alt) in Sils im Domleschg. Sie und ihr Partner sind im Dorf aufgewachsen, haben aber wegen ihrer Jobs in der Airlinebranche lange Zeit in Zürich gelebt. De Luigi wollte schon als Kind Flight Attendant werden und hat diesen Traum nach einer KV-Lehre realisiert. In den 15 Jahren, in denen sie für Swissair in der Luft war, hat sie eine Zeit lang nebenbei auch im Recruiting von Hostessen mitgearbeitet. Nach dem Grounding trat sie eine Stelle als -Direktionsassistentin bei der Gasser AG an, die unter anderem die Zeitung Südostschweiz herausgibt. Später war sie Direktionsassistentin im Kantonsspital Graubünden. Seit acht Jahren arbeitet De Luigi nun Teilzeit als Direktions-assistentin für die Kraftwerke Hinterrhein (KHR) in Thusis.

 

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