Jahresgespräch

Alle Jahre wieder …

In zahlreichen Unternehmen ist das Jahresgespräch zur lästigen Nebenbeschäftigung verkommen. Bedauerlich, denn es ist die Gelegenheit, sich über Themen wie persönliche Karrierepläne und Ziele auszutauschen, die im Arbeitsalltag sonst keinen Platz finden. Auch in Social-Distancing-Zeiten sollten deshalb Jahresgespräche stattfinden – wenn nicht vor Ort, dann zumindest virtuell. Ein Leitfaden in sieben Punkten.

Vorbereitung

Um sich optimal auf das Jahresgespräch vorzubereiten, rät Michel Ganouchi, Inhaber der recruma gmbh, zu Ruhe und örtlichem Abstand, «da Emotionalität wenig hilfreich ist, egal, ob aus privaten oder beruflichen Gründen.» Neben der mentalen sei die inhaltliche Vorbereitung nicht zu unterschätzen – die aktuelle Situation reflektieren, Vergangenes Revue passieren lassen und sich allenfalls Notizen dazu machen. «Angefangen bei den positiven Dingen, die im laufenden Jahr geschätzt wurden, wie beispielsweise die gute Zusammenarbeit, auf die man als Mitarbeiterin auch künftig zählen möchte, bis hin zu betrieblichen Herausforderungen sowie persönlichen Schwachpunkten und wie diese allenfalls beseitigt werden können», rät Jörg Buckmann, Inhaber von Buckmann Gewinnt. Wichtig sei zudem, sich Gedanken zur Verbesserung des Teampotenzials zu machen und darüber, was die persönlichen Pläne und Absichten für das kommende Jahr oder darüber hinaus sind.

Themen

«Ehrlich währt am längsten», ist Michel Ganouchis Credo, wenn es um Jahresgesprächsthemen geht. «Eine ausgewogene Balance zwischen positiven und herausfordernden Inhalten macht deshalb Sinn.» Doch von welchen sprechen wir konkret? «All jenen, die sich mit der Zusammenarbeit mit dem Vorgesetzten und dem Team beschäftigen», sagt Christoph Jordi, Inhaber von DoDifferent. Also welchen Mehrwert habe ich für das Unternehmen geschaffen und wo habe ich Akzente gesetzt? Wo erkenne ich Handlungsbedarf? Spannend wird so ein Gespräch auch, wenn Mitarbeitende aktiv Feedback zu Themen verlangen, an denen sie selber arbeiten wollen. Fragen wie «Wo kann ich besser werden?» oder «Welche Situationen habe ich besonders gut gemeistert?» seien gute Ansatzpunkte. Wichtig sei ausserdem das Feedback an den Vorgesetzten. «Ein Jahresgespräch sollte in beide Richtungen funktionieren. Also unbedingt die Gelegenheit nutzen, eine eigene Rückmeldung zu platzieren», sagt Jordi. Dafür empfiehlt Jordi Ich-Botschaften mit Bezug auf die eigene Wahrnehmung. «Neben den Rückblickthemen sollte ein Jahresgespräch auch Platz für einen Ausblick in die Zukunft bieten», sagt Jörg Buckmann. Fragen wie «Was wollen wir künftig gemeinsam erreichen?», «Was ist dabei meine Aufgabe?», «Existieren Weiterbildungen oder On-the-Job-Ausbildungsmöglichkeiten, mit denen ich weiterkommen kann?» sollten unbedingt diskutiert werden.

Ich-Botschaften mit Bezug auf
die eigene ­Wahr­nehmung ­platzieren.

Tabus

«Wann werde ich befördert?» oder «Warum bekomme ich nicht mehr Ferien?» Diese Fragen haben für Christoph Jordi keinen Platz im Jahresgespräch. Weitere Tabus sind für ihn, das Gespräch während eines Lunches durchzuführen oder das Lästern über Kolleginnen und Kollegen – «es geht hier letztlich um Selbstreflexion». Dem schliesst sich Michel Ganouchi an, für den eine «Kropfleerete» definitiv nicht ins Jahresgespräch gehört: «Wenn sich Konflikte im Verlauf der Zeit aufgestaut haben, ist dieses Gespräch nicht der richtige Zeitpunkt, um Dampf abzulassen.»

Lohnverhandlung

Über Geld spricht man nicht, das gilt besonders beim Jahresgespräch. Warum eigentlich? «Weil ein richtig gutes Gespräch Platz für Selbstkritik bietet», sagt Jörg Buckmann. Diese Selbstkritik und ­Reflexion des eigenen Tuns entfalle aber meistens dann, wenn Lohnverhandlungen im Spiel sind. «Wenn es um Geld geht, dann versuchen wir, unsere eigenen Leistungen in einem möglichst positiven Licht darzustellen, und damit verhindern wir von Anfang an jegliche Kritik.»

Ziele

Für Christoph Jordi ist das Ziel eines Jahresgesprächs, «die Vertrauensbasis in der Zusammenarbeit zu stärken». Er empfiehlt deshalb, sich während des Gesprächs darauf zu fokussieren, wo das Gute noch verbessert werden kann. «Das Herumreiten auf Fehlern und Schuldzuweisungen sind zu vermeiden. Ziel eines solchen Gesprächs müsse eine langfristige Perspektive sein. «Danach sollte klar sein, was ich als Mitarbeiterin in den nächsten ein bis drei Jahre erreichen möchte, welche Weiterentwicklungsmöglichkeiten ich innerhalb des Unternehmens sehe und auch welche externen Aus- und Weiterbildungen ich besuchen möchte, um weiterzukommen.»

Nicht alles bierernst nehmen.
Es ist zwar ein wichtiges Gespräch, aber deshalb darf eine ­Prise Lockerheit nicht fehlen.

Auflockerungen

Ob und wie man ein Jahresgespräch auflockere, hänge von der individuellen Persönlichkeit und der Beziehung zum Vorgesetzten ab, sagt Michel Ganouchi. «Krampfhaft auf ‹ich mache jetzt einen Spruch› zu machen, ist unangebracht.» Dennoch sollte der Humor nicht ganz vergessen gehen, rät Jörg Buckmann: «Nicht alles bierernst nehmen. Es ist zwar ein wichtiges Gespräch, weil es um die eigene Zukunft geht, aber deshalb dürfen Humor und eine Prise Lockerheit nicht fehlen.» Um das Jahresgespräch aufzulockern, hilft neben Humor, das angestammte Terrain zu verlassen. So plädiert Michel Ganouchi dafür, «sich für solche Gespräche in einen ungewöhnlichen Rahmen zu begeben – beispielsweise miteinander spazieren zu gehen».

Alternativen

Zum einmaligen Jahresgespräch existieren durchaus Alternativen. Wer als Mitarbeiterin gerne mehr als einmal im Jahr eine Rückmeldung des Vorgesetzten erhalten möchte, kann das auch einfordern. «Gerade bezüglich moderner Führung ist regelmässiges Feedback in kürzeren Intervallen ohnehin angesagt», sagt Michel Ganouchi.

Christoph Jordi

Christoph Jordi war Chief Marketing Officer Winterthur Group, Chief Learning Officer und Head Organization Development AXA Group mit Arbeitsort Winterthur, Zürich, Paris und Tokio. Er ist Gründer und Inhaber von DoDifferent GmbH Strategieberatung in Zürich, VR bei Familie Wiesner Gastronomie AG, Dozent an der FHGR für EMBA-Lehrgänge und seit 2005 Stiftungsratspräsident von IdéeSport.

Michel Ganouchi

Michel Ganouchi ist Inhaber der recruma gmbh und HR-Projektleiter beim Kanton Zürich. Der Marketingexperte, Dozent und ehemalige Country Manager von Monster befasst sich seit Jahren mit den Themen Employer Branding, HR-Marketing und Social Media.

Jörg Buckmann

Jörg Buckmann ist Inhaber der Buckmann Gewinnt GmbH und unterstützt Unternehmen, unter anderem KMU, mit Rat und Tat in allen Fragen rund um Arbeitgeberauftritt und Personalmarketing. Er ist Speaker und Buchautor.

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Christine Bachmann ist stellvertretende Chefredaktorin HR Today.

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