premium Finanzielle Tipps für Frauen

Das finanzielle Selbstvertrauen stärken

Frauen haben oft eine kleine Rente, bedingt durch das «Klumpenrisiko» Mutterschaft sowie mangelndes Interesse an finanzieller Vorsorge. Soziologin und Geldbiografin Birgit Happel darüber, wie sich das ändern lässt. 

«Wir können Geld lieben, fürchten, ausblenden: Es bleibt stets der zentrale Mittelpunkt vieler Lebensentscheidungen», schreiben Sie in Ihrem Buch. Fakt ist aber nach wie vor häufig: Über Geld spricht man nicht. Warum eigentlich nicht? Und warum sollten wir es tun?

In vielen Familien wird das Mantra, nicht über Geld zu sprechen, immer wieder angeführt. So gaben in einer Untersuchung 41 Prozent der befragten Paare an, nicht zu wissen, wie viel der Partner oder die ­Partnerin verdient. Dabei spielen tief verankerte Werthaltungen, auch Machtverhältnisse, Scham und die Neiddebatte eine Rolle. Es ist noch nicht üblich, offen über Geld zu sprechen. Das ändert sich aber gerade. Wir sollten es tun, um für die Ungleichheitsdimensionen zu sensibilisieren und auch, um uns mehr Unbeschwertheit beim Geld anzueignen.

Sie schreiben auch von positiven Geldglaubenssätzen. Was ist damit gemeint?

Geldglaubenssätze sind unsere innersten Überzeugungen zu Geld, also Merksätze, Einstellungen, Werthaltungen. Ist die Einstellung zum Geld negativ konnotiert, bleibt das Thema mit einem unguten Gefühl behaftet. Mit einem positiven Blick darauf schaue ich hingegen mehr auf die Gestaltungsmöglichkeiten, die ihm innewohnen.

Frauen sagte man nach, dass sie sich zu wenig oder ungenügend um Ihre Finanzen kümmern. Inzwischen ist ein Wandel erkennbar. So entstehen in der Schweiz Online-Plattformen wie elleXX und zumindest in Business-Netzwerken wird vermehrt über Finanzen gesprochen. Warum ist das so wichtig?

Zum einen, um mehr Transparenz bei den Entgelten zu bewirken, dass ich also beispielsweise weiss, wo Spielräume bei Gehaltsverhandlungen liegen. Zum anderen auch, um Frauen die Scheu vor dem Kapitalmarkt zu nehmen. Er wirkt auf viele Frauen wie ein Buch mit sieben Siegeln. Dabei sind die Grundprinzipien der Geldanlage nicht schwer zu verstehen. Grundsätzlich ist es jedoch wichtig, das finanzielle Selbst­vertrauen von Frauen zu stärken. Vor allem Frauen, die sich um andere kümmern, liegen bei den Erwerbseinkommen durch das Zusammenspiel der Gender Gaps weit zurück. Sie können es sich nicht leisten, die Altersvorsorge zu ignorieren oder überteuerte Finanzprodukte mit geringer Rendite abzuschliessen.

Was sind die grossen und kleinen Finanzfallen, derer wir uns nicht bewusst sind?

Die kleinen Fallen sind eher Unachtsamkeiten im Alltag. Dass man nicht genau hinschaut, wohin das Geld geht. Die grösseren Fallen liegen in Fehlberatung, falschen Finanzentscheidungen, aber auch in der Kurzsichtigkeit, die Zusammenhänge von Erwerbs-, Care- und Geldbiografien zu vernachlässigen. So können wir Vermögens- oder Rentenlücken schlecht mit ein paar ETFs kompensieren. Auch falsches Vertrauen, Herdentrieb, Angst und Gier, also aus der Verhaltensökonomie bekannte Geldfallen, spielen eine Rolle. Wichtig ist, dass wir die Geschäftsmodelle und Marketingstrategien in allen Geschäftsfeldern hinterfragen. Das trifft nicht allein auf Finanzprodukte zu, auch im Markt für Persönlichkeitsbildung werden zum Teil absurde Summen verlangt – und auch gezahlt.

Mutterschaft sei ein «Klumpenrisiko». Wie können berufstätige Frauen (mit Familie oder alleinerziehend) diesem Risiko entgehen?

Indem sie die Mutterschaft ganz bewusst auch unter finanziellen Aspekten planen, vor allem in Bezug auf die Rollenverteilung und der Rolle von Müttern auf dem Arbeitsmarkt. Die ungleichen Machtverhältnisse in Partnerschaften, die sich aus der finanziellen Abhängigkeit ergeben, werden zu oft ausgeblendet. Und die Diskriminierung von Müttern auf dem Arbeitsmarkt wird unterschätzt. Sind Mütter alleinerziehend, ist es wichtig, dass sie auf eine gute und verlässliche Infrastruktur für Kinderbetreuung zurückgreifen können. Zum anderen geht es aber auch hier um einen positiven Blick auf Geld, das heisst, ich muss mich frühzeitig damit beschäftigen, wie ich bei kritischen Lebensereignissen finanziell aufgestellt bin und rechtzeitig Vorsorge treffen kann. Arbeitslosigkeit, eine schwere Krankheit, das Auseinanderleben in Partnerschaften – viele finanzielle Aspekte werden erst dann ins Kalkül gezogen, nachdem diese Ereignisse eingetreten sind. Es geht mir aber keineswegs darum, eine Care-Biografie infrage zu stellen, ganz im Gegenteil, wir müssen aber dafür Sorge tragen, unsere eigene und die finanzielle Existenz unserer Kinder nicht zu gefährden.

In der Schweizer Privatwirtschaft verdienen Frauen 13,8 Prozent weniger als Männer. Wie können wir diese Lohnungleichheit auf Dauer überwinden?

Hier sind auch die Unternehmen und Organisationen in der Pflicht, getreu dem Grundsatz: Eigentum verpflichtet. Gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel sollte den Arbeitgebenden alles daran gelegen sein, geschlechtergerechte Unternehmens- und Organisationsstrukturen zu etablieren. Hier ist kein Platz für irgendeine Art von Gender Pay Gap.

Inwiefern hilft Lohntransparenz?

Sie ist auf alle Fälle ein erster Schritt. Aber wie die Transparenzgesetze ausgestaltet sind, macht auch einen Unterschied. Ist es eine Bringschuld der Unternehmen, Gehälter transparent offenzulegen und für gerechte Bezahlung zu sorgen, oder wird es erneut den Frauen auf die Schultern gelegt, sich zu erkundigen, abzuwägen und gegebenenfalls den Rechtsweg zu beschreiten.

Die Altersarmut ist weiblich. Häufig bedingt durch Wissenslücken betreffend Vorsorge. Was sollte dagegen unternommen werden?

Das «häufig» würde ich gern relativieren. Denn einer der Hauptgründe für weibliche Altersarmut ist die Übernahme unbezahlter Care-Arbeit und deren Folgewirkungen wie Arbeitsmarktdiskriminierung. Die Care-Arbeit muss aufgewertet und neu anerkannt werden, um Frauen ausreichend abzusichern. Was die Wissenslücken angeht, ist es natürlich auch eine staatliche Aufgabe, eine solide finanzielle und ökonomische Bildung sicherzustellen. Ein Teil der Wissenslücken, die nicht eklatant höher sind als bei Männern, werden auf fehlendes finanzielles Selbstvertrauen zurückgeführt. Hier kommen wieder Geschlechterstereotype ins Spiel, etwa weil Frauen, die ihre Erwerbsarbeit reduzieren, um sich um die Familie zu kümmern, gleichzeitig die Verantwortung für ihre finanzielle Vorsorge aus der Hand geben. Natürlich ist eine gewisse Eigenverantwortung wichtig, um das eigene Alter abzusichern und diese Lebensphase entspannt zu gestalten. Auf der anderen Seite müssen auch die Rahmenbedingungen in Bezug auf die Gleichstellung und den Finanzmarkt stimmen.

 

Dr. Birgit Happel ist Soziologin, Inhaberin der Plattform Geldbiografien, Referentin und Coach und setzt seit vielen Jahren Impulse für bessere gesellschaftliche Rahmenbedingungen und soziale Innovation. Auf dem Gebiet der finanziellen Gleichstellung leistet sie seit 2010 Pionierarbeit. Als ­UNESCO BNE-Akteurin und Mitglied von UN Women Deutschland teilt sie ihre ­Leidenschaft für die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen und ­unterstützt die 17 Nachhaltigkeitsziele.
geldbiografien.de

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