Die Büroluder-Szene im Dauerhoch

Die Büroluder-Szene im Dauerhoch

Endlich ist wieder Sommer! In diesen Tagen können diejenigen Damen, die hauptsächlich auf optische und weniger auf berufliche Kompetenz setzen, wieder so richtig punkten. Was in den kalten Wintermonaten eher verhalten angedeutet wurde, das wird nun dank textiler Sparsamkeit unverblümt offengelegt. Tiefe Ausschnitte, kurze Röcke, durchsichtige Blusen, sexy Sandaletten – Public Viewing ist angesagt und zwar nicht nur fürs EM-Endspiel. Die Büroluder-Szene erlebt ihr Dauerhoch!

Wir erinnern uns an die nur hinter vorgehaltener Hand kommunizierten ungeschriebe-nen Gesetze der multikulturellen Grossraumbüros dieser Welt: Damen haben auch im Sommer Röcke zu tragen, die eine angemessene Länge aufweisen, sie sollen keine Spaghettiträger oder zu tiefen Ausschnitte an-ziehen, dafür geschlossene Schuhe und Strumpfhosen. Es ist das alljährliche Trauerspiel der sommerlichen Kleidergleichberechtigung. Weil es dem durchschnittlichen Büromann verwehrt bleibt, sich klamottentechnisch würdevoll zu erleichtern, sollen auch die Frauen schwitzen. Eigentlich fair, wenn sich nur alle daran halten würden. Stattdessen beschert uns der Sommer selbst im klimatisierten Office Anblicke, bei denen man sogar in der Badeanstalt beschämt die Augen abwenden würde.

«Kurzarmhemden sind nur was für Loser und Staubsaugerverkäufer.»

Die Herren aus der IT-Abteilung überraschen uns gerne mal mit einem locker über der Hühnerbrust hängenden Trägershirt vom letzten Death-Metal-Konzert, dazu kombinieren sie  ausgefranste Jeans und vollenden den Look mit Jesuslatschen, aus denen Zehen hervorschauen, die einem über Wochen den Appetit verderben. Bei so viel optischer Grausamkeit sind die kurzärmligen mintfarbigen Seersucker-Hemden aus der Buchhaltungsabteilung direkt eine Wohltat. Aber Achtung, liebe Kollegen: Kurzarmhemden sind nur was für Loser und Staubsaugerverkäufer. Der karrierebewusste Mann krempelt, wenn es schwül wird, einfach die Ärmel hoch.

Manch einer Dame andererseits scheint es in der Hitze schwerzufallen, sowohl die eigene Kleidergrösse realistisch einzuschätzen wie auch den Kollegen zumutbare, altersbedingte Körperveränderungen. Hervorquellende Speckrollen, schaukelnde Fledermausarme, wabbelnde Cellulite-Schenkel und unförmige Hallux-Füsse sind zwar nichts Tragisches, aber sie führen in der Kantine wegen der vielen Gaffer zum Stau an der Essensausgabe!

Was den sorglosen Textil-Guerillas überhaupt nicht auffällt, das suchen die Büroluder geradezu: Zuschauer, Bewunderer, Gaffer und vor allem Chefs, die das Augenfällige dem Sachverstand vorziehen. Während das durchtrainierte männliche Luder auf enganliegende Hemden, knapp sitzende Hosen und ein paar auswendig gelernte Schlagworte setzt, wedelt das mit Hotpants gewandete weibliche Luder solange mit der Powerpoint-Präsentation vor ihrem Dekolleté herum, bis ihr Name auf der Beförderungsliste steht. So viel Talent bringt nur ein heisser Bürosommer hervor. Die richtig guten Leute laufen bei diesen Temperaturen zur Höchstform auf, denn auf der Besetzungscouch ist schliesslich nie hitzefrei. 

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Tamara Krieger arbeitet seit vielen Jahren als Geschäftsleitungsassistentin in einem grossen multinationalen Dienstleistungsunternehmen.

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