Lerntipps

Forever clever – dem Gehirn auf die Sprünge helfen

Gerade in einer sich rasant verändernden Welt ist lebenslanges Lernen ein Erfolgsfaktor. Was vielleicht anstrengend klingt, ist eigentlich ein ganz natürlicher Vorgang. Denn unser Gehirn lernt von selbst ununterbrochen dazu. Um es optimal zu unterstützen und zu nutzen, lohnt es sich, einige Mythen zu entmystifizieren.

Mythos 1

Wissen = gesammelte Informationen 

Innerhalb kurzer Zeit kann heute vieles, was man gerade gelernt hat, schon wieder veraltet sein. Gleichzeitig sind Informationen so einfach verfügbar wie noch nie. Manchmal scheint es da gar nicht mehr lohnenswert, sich etwas zu merken oder etwas zu lernen. Doch das ist ein Trugschluss, denn Wissen und Informationen sind nicht dasselbe. 
«Das reine Speichern von Informationen ist nicht so entscheidend wie die Frage, wie man mit ihnen umgeht», erklärt Edith Rohrmoser. Als Coach und Seminarleiterin hat sie sich dem Thema lebenslanges Lernen verschrieben. Wissen definiert sie als die Fähigkeit, gespeicherte Informationen zu sortieren und zu verbinden. «Diese Transfermöglichkeit ist das, was uns ausmacht», erklärt sie. Und es macht uns auch wertvoll. Denn im Speichern und Abrufbarmachen von reinen Informationen sind uns künstliche Intelligenzen schon heute überlegen. Aber Zusammenhänge herstellen, Verbindungen schaffen und neues Wissen auf Basis von altem bewerten und anwenden, das können sie nicht so gut wie wir. 

Mythos 2

Das Gehirn wächst

Diesen Mythos räumt Edith Rohrmoser entschieden aus der Welt: «Alle verfügbaren Gehirnzellen sind schon da, wenn wir geboren werden.» Was sich aber tatsächlich verändert, ist das Netz, das sie untereinander knüpfen. Von jeder Gehirnzelle gehen fadenartige Synapsen ab, die sich beim Erwerb neuen Wissens mit den Synapsen anderer Zellen verbinden. Je häufiger diese Verbindungen dann genutzt werden, umso stabiler werden sie. «Das Gehirn wird also dichter und nicht grösser», beschreibt Rohrmoser den Vorgang. Umgekehrt gilt allerdings dasselbe: Werden die Verbindungen nicht genutzt, werden sie wieder fragiler.

Mythos 3

Das Gehirn ist irgendwann voll 

Lange dachte man, dass Wissen in Form von Eiweiss im Gehirn gespeichert wird und irgendwann kein zusätzlicher Platz mehr zur Verfügung steht. Heute weiss man, dass das nicht stimmt. Die Dichte des Neuronennetzwerks kann unendlich gross werden. «Unser Gehirn ist keine Festplatte mit einer bestimmten Maximalgrösse», erklärt Edith Rohrmoser.

Mythos 4

Junge Gehirne lernen besser als alte 

Rein biologisch kann unser Gehirn in jedem Alter gleich viel lernen. Aber es gibt trotzdem Unterschiede. Als junger Mensch müssen wir erstmal jede Menge Informationen einsammeln, bevor wir uns mit Transfers beschäftigen können. «Junge Menschen sind trainierter im Lernen, sie sind mehr im Lernflow», beschreibt Rohrmoser diese Phase. Im Verlauf des Lebens ändert sich das aber. Je mehr Basiswissen wir schon haben, umso besser können wir neues Wissen mit dem alten verknüpfen und umso stabiler sind die geknüpften Verbindungen. Neues Wissen kann also in jedem Alter erworben werden. «Man muss einfach neugierig bleiben und darf nicht aufhören, sich mit Neuem zu beschäftigen.»

Mythos 5

Das Gedächtnis ist ein Sieb

«Selbst wenn sie uns nicht bewusst ist, bleibt eine einmal gespeicherte Information immer erhalten», sagt die Expertin. Sie ist nur nicht für sich allein abrufbar. Wenn aber eine neue Information im Gehirn ankommt, die zu etwas bereits Gespeichertem passt, wird eine Verbindung hergestellt und plötzlich ist das alte Wissen wieder da. Von der Vorstellung des Gedächtnisses als Sieb hält Edith Rohrmoser deshalb wenig. «Da konzentriert man sich ja sofort auf die Löcher», lacht sie. Geeigneter findet sie die Beschreibung des Gedächtnisses als Netz. «Da ist man gedanklich bei den Fäden, die alles zusammenhalten.» 

Mythos 6

Wir lernen mit der linken Gehirnhälfte 

Unser Gehirn besteht aus zwei Hälften mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und Funktionen. In der linken Gehirnhälfte kommen Informationen wie Zahlen, Daten und Fakten an und dort werden sie gespeichert. Auch Logik und strukturiertes Denken wird von dort aus gesteuert. In der rechten Hälfte dagegen speichern wir Bilder und Melodien, dort ist das Zuhause von Kreativität, Inspiration und dem Vorstellungsvermögen. 
Schon in der Schule werden wir darauf trainiert, mit der linken Gehirnhälfte zu lernen. Doch das ist eigentlich keine gute Idee, denn ohne die rechte Hälfte kann die linke gar nicht so viel leisten. «Die Kunst beim Lernen besteht darin, das Gehirn beidseitig zu nutzen», erklärt die Expertin. Konkret heisst das, dass man eine Information sowohl als Faktum in der linken, als auch als Bild oder Melodie in der rechten Hälfte gleichzeitig speichert. Das Phänomen kennen wir alle, denn so funktionieren zum Beispiel Eselsbrücken. «Man schafft so bewusst Verknüpfungen und  eine Information bleibt viel besser erhalten als durch reines Auswendiglernen.»

Mythos 7

Spezialwissen ist entscheidend 

Gerade im Beruf kommen wir selten ohne Spezialwissen aus. Doch das allein ist noch kein Garant für Erfolg. «Es ist sinnvoll, sich so vielfältig wie möglich aufzustellen», rät Rohrmoser. Wer auch Interesse habe an Dingen, die er nicht ständig braucht, ist eher in der Lage, neue und auch überraschende Verknüpfungen herzustellen. Und hat damit die Chancen, ein echter Transfermeister oder eine Transfermeisterin zu werden. 

Mythos 8

Wir können unser Gehirn nicht beeinflussen

«Es stimmt zwar, dass unser Gehirn selbständig entscheidet, welche Fäden es wo spinnt», sagt Edith Rohrmoser. Doch wir können ihm dabei ein bisschen unter die Arme greifen. «Wer zum Beispiel vor der Beschäftigung mit einem neuen Thema kurz nachdenkt, was er schon weiss oder was er sich davon erwartet, der gibt dem Gehirn einen Hinweis, wo ein Faden hinpassen könnte.» Und wer sich angewöhnt, zu jeder neuen Information ein Bild, einen Reim, eine Geschichte oder eine Melodie zu speichern, der hilft seinem Gehirn, sich Dinge besser zu merken.

Expertentipps fürs lebenslange Lernen

1. Antennen aufstellen, offen bleiben und
ein breites Basiswissen anstreben.

2. Gedächtnis- und Lerntechniken nutzen,
die beide Gehirnhälften einbeziehen.

3. Gelerntes wiederholen und anwenden,
damit die Verknüpfungen stabiler werden.

Edith Rohrmoser

ist Coach, Vortragsrednerin und Expertin für Lern- und Gedächtnistraining. edith-rohrmoser.de 

Kommentieren0 Kommentare
Weitere Artikel von Ruth Preywisch
Log in to post a comment.

Das könnte Sie auch interessieren