Psychologie

Selbstwertgefühl statt Zickenkrieg

Er gilt als Klischee, doch er sorgt regelmässig in und ausserhalb vom Büro für dicke Luft: der Zickenkrieg. Wenn Frauen mit anderen Frauen interagieren, kommt es häufiger zu Konflikten als in der Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen. Mehr noch: Beim beruflichen Vorankommen stehen sich Frauen sogar gegenseitig im Weg. Wie sich Stutenbissigkeit in Frauenpower umwandeln lässt, erklärt Antje Heimsoeth.

 

Umfragen haben gezeigt, dass nur jede fünfte Frau lieber eine Geschlechtsgenossin als Chefin hätte. Warum? Weil Frauen es schwerer haben, sich bei einer weiblichen Vorgesetzten zu behaupten. Statt in ihr eine Mentorin zu finden, finden sie sich häufig in Machtspielen wieder: Vorschläge werden ignoriert, Ideen boykottiert, der Erwartungsdruck steigt. Oft bleibt das Selbstbewusstsein ambitionierter Mitarbeiterinnen dann auf der Strecke. Die Selbstzweifel hingegen wachsen. Auch unter Kolleginnen wird wenig gegönnt, sondern gerne gelästert. 75 Prozent der befragten Managerinnen einer Umfrage der German Consulting Group unter weiblichen Führungskräften gaben an, von Kolleginnen derselben Hierarchiestufe auf dem Weg zum Erfolg behindert zu werden.

Frauen gönnen Frauen den Erfolg nur ungern
Frauen blockieren sich selbst und andere. Stutenbissigkeit ist eine jener weiblichen Stolperfallen, die das Vorwärtsstreben von Frauen an die Spitze behindert und lähmt. Nicht nur, dass Frauen sich mit Stutenbissigkeit gegenseitig torpedieren – sie verschwenden damit Energie und sabotieren die eigene Leistungsfähigkeit. Neid nagt am Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und an der Zufriedenheit.
Vielen Frauen fehlt der geübte Umgang mit Konkurrenzsituationen. Mädchen werden bis heute so erzogen, dass sie mitfühlend und fürsorglich sein sollen. Unser gesellschaftliches Leitbild sieht empathische, rücksichtsvolle Mädchen und Frauen vor, die anderen helfen sollen, statt sie übertrumpfen zu wollen. Ein offener Kampf unter Frauen gilt als würdelos und peinlich, er kommt einem gesellschaftlichen Tabubruch gleich. Stattdessen wird der Kampf indirekt ausgetragen: durch Lästern, Sticheleien, Anschwärzen, Missachtung oder Ausbooten.
Warum tun sich Frauen so schwer damit, explizit andere Frauen mit ihrem Know-how und ihrer Erfahrung zu unterstützen? Vielleicht, weil sie den Erfolg von vermeintlichen Kontrahentinnen fürchten. Wer es als Frau bereits an die Spitze geschafft hat, verteidigt leider noch allzu oft seine Pfründe gegen weibliche Konkurrenz, statt sich über Gesellschaft zu freuen. Und wer noch auf dem Weg an die Spitze ist, spürt den Druck, die Geschlechtsgenossinnen ausstechen zu müssen, umso mehr. Dabei wäre die Energie, die in der Rivalität untereinander verbraucht wird, viel besser in Kooperation, Respekt, Anerkennung und gegenseitiger Wertschätzung investiert.

Schlüsselkompetenz Nr. 1 für erfolgreiche Frauen: Konfliktfähigkeit
Das Leben ist kein Streichelzoo, keine Frage. Und wo kein Wille zur Kooperation, aber auch kein Weg an der anderen vorbeiführt, da gilt es, auch Konflikte austragen zu können. Offene Konfrontation kann heilsamer sein als heimliches Integrieren oder stilles Mutmassen. Wichtig ist die Sache von der Person zu trennen. Sportlich, fair und sachlich – das sollten die Grundregeln jeder Auseinandersetzung sein, nicht nur mit Geschlechtsgenossinnen. Im Gespräch mit der vermeintlichen Kontrahentin sollte auf Anschuldigungen verzichtet werden. Stattdessen ist es ratsam die eigene Perspektive zu schildern und der anderen Person zuzuhören. Gegenseitiges Verständnis führt weiter als ungeklärte Missverständnisse.

Schlüsselkompetenz Nr. 2 für erfolgreiche Frauen: Selbstwertgefühl
Akzeptieren wir doch eine Sache von vornherein: Es wird immer eine geben, die schöner, intelligenter oder mächtiger ist als wir selbst. Der Schlüssel zum Selbstvertrauen liegt darin, sich selbst so zu akzeptieren, wie wir sind. Ständiges Vergleichen und Neid führt nur zu Unzufriedenheit und Zweifeln. Wertschätzung und Anerkennung beginnt bei uns selbst. Wer mit sich im Reinen ist, betrachtet auch andere wohlwollender. Wer hingegen über ein mangelndes Selbstwertgefühl verfügt, neigt dazu, auch andere im Wert herabzusetzen. Hin und wieder lohnt es sich allerdings, das Selbstbild zu überprüfen: Wie seht ihr euch selbst und wie sehen andere euch? Dort, wo die grösste Abweichung von Fremd- und Selbstbild herrscht, sollte künftig der Fokus liegen – und nicht auf gefürchtete Kontrahentinnen.

Schlüsselkompetenz Nr. 3 für erfolgreiche Frauen: Toleranz
Der Zickenkrieg kennt viele Schauplätze. Nicht alle liegen im Büro. Manchmal entstehen schon Fronten allein durch die Tatsache, dass eine Frau sich für Kind UND Karriere entscheidet. Wir beklagen die mangelhafte Gleichstellung, die ungerechte Entlohnung und die mangelnde Präsenz von Frauen im Top-Management. Doch solange Frauen und Mütter von ihresgleichen dafür verurteilt werden, wie sie ihre Prioritäten (Familie, Karriere etc.) setzen, wird keine Frauenquote dieser Welt die Situation im Management und in den Unternehmen nachhaltig verändern.
Daher appelliere ich an die Toleranz der Frauen untereinander. Wenn wir Frauen wirklich nach der Gleichberechtigung in allen Bereichen streben, sollten wir uns auf unsere gemeinsamen Qualitäten jenseits von Neid und Missgunst besinnen – und aus Stutenbissigkeit Frauenpower werden lassen.

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Antje Heimsoeth ist Gründerin und Geschäftsführerin der Heimsoeth Academy, Institut für Business- und Sport-Coaching. Als Mental Coach trainiert sie Top-Führungskräfte von internationalen Konzernen und von KMUs.

www.antje-heimsoeth.com

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