Kolumne

Heute schon eine Weihnachtskarte geschrieben?

Die einzige Korrespondenz, die heute noch mit der Post verschickt wird, sind Betreibungen, Bettelbriefe und Weihnachtskarten. Alles andere wird bekanntlich gemailt, getwittert, gewhatsappt oder geinstagramt. Clevere PR-Berater sind jedoch der Meinung, dass sich sogar der digitalisierte Mensch vor Weihnachten nach ein wenig Romantik sehnt, und haben deshalb die Old-School-Grusskarte zum heiteren Alleinstellungsmerkmal erkoren. Von dieser genialen Idee und der allgegenwärtigen Networking-Manie angetrieben, verlangen Manager jedes Jahr von Neuem, dass ihre Assistentinnen Hunderte von braven Karten mit ebensolchen Sujets in die Welt hinausschicken. Es gibt unverfänglich verschneite Alpengipfel oder harmlos stilisierte Schneeflocken gepaart mit politisch korrekten Halleluja-Bekundungen in 25 Sprachen. Gekrönt wird das Ganze von einer liebevoll eingescannten Unterschrift. Mal ehrlich: Das Heimeligste an solchen Jahresendsendungen sind die Briefmarken auf dem Umschlag. 

Was spricht eigentlich dagegen, diese verwässerten Silvester-Heucheleien einfach abzuschaffen? Die interne Diversity- und Inclusion-Polizei hat den Weihnachtskarten doch schon lange den Garaus gemacht! In einer globalisierten Geschäftswelt sind Glaubensbekenntnisse nicht mehr zeitgemäss. Und trotzdem freuen sich das ganze Jahr über alle über die vielen Feiertage und bauen solange «Brüggli-Tage» ein, bis Ostern mit Pfingsten gemerged wird. Doch dass vor dem Jahresende noch Weihnachten kommt, darüber wird selbst in gebrieftaubten Zuschriften Stillschweigen gewahrt. Jedenfalls traut sich kein halbwegs karriereorientierter Manager mehr, die Unworte «Merry Christmas» in den Mund zu nehmen. Sie könnten als Missachtung der Werte von Atheisten, Satanisten oder Wicca-Gläubigen ausgelegt werden und wären ein Schlag ins Gesicht der Anhänger des Flying-Spaghetti-Monsters. 

Die Entweihung einer Multikulti-Unternehmenskultur durch eine aufrührerische Karte mit Samichlaus-Motiv ist natürlich nichts für schwache Gemüter. Aber wenn schon ein halber Regenwald abgeholzt werden muss, um ein paar Wurfsendungen unter die Leute zu bringen, dann sollten diese doch wenigs-tens eine Ode an die Vielfalt und die darin enthaltenen lokalen Traditionen sein. Um im guten Gedächtnis eines Kunden zu bleiben, braucht es vor allem Aufrichtigkeit, Authentizität und Innovation. Ressourcen und Papier für nichtssagende Worthülsen und konformistische Bildsprache zu verschwenden, ist deshalb nicht nur teuer, sondern auch kontraproduktiv. Und ist es nicht so, dass man die Intelligenz des Kunden beleidigt, wenn man davon ausgeht, dass der Empfänger zu wenig gesunden Menschenverstand hat, um eine simple Weihnachtskarte als wohlwollende Grussbotschaft zu deuten und nicht als Schmähung etwaiger Andersgläubigkeit?

Wie auch immer. Ein weiteres Ende naht. Die apokalyptischen Reiter sind bereits auf dem Weg! Auf ihren gelben Pferden galoppieren die Pöstler durch die Nacht, um dem Volk die frohe Botschaft der politisch korrekten Jahresendsendungen zu überbringen. Nur ein Pöstler fällt aus dem Rahmen. Er trägt ein rotes Gewand, hat einen weissen Bart und leidet am Tourette-Syndrom. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, wenn er regelmässig zusammenzuckt und infame Verwünschungen in die Dunkelheit hinaus ruft: «Ho, ho, ho, frohe Weihnachten für euch alle!» 

 

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Tamara Krieger arbeitet seit vielen Jahren als Geschäftsleitungsassistentin in einem grossen multinationalen Dienstleistungsunternehmen.

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