Premium Icon KI-gestütztes Lernen

Lernen, wenn es darauf ankommt

Generative künstliche Intelligenz kann Assistenzprofis mehr bieten als schnellere E-Mails und Präsentationen. Richtig eingesetzt unterstützt sie das Lernen direkt an realen Aufgaben – bei Briefings, Sitzungen, Korrespondenz und Entscheidungen. Fünf Tipps zeigen, wie daraus eine verlässliche Lernroutine entsteht.

In meinen Workshops erlebe ich immer wieder dieselbe Situation: Die Teilnehmenden haben Zugang zu leistungsfähigen KI-Tools. Sie lassen Texte zusammenfassen, E-Mails überarbeiten oder erste Präsentationsentwürfe erstellen. Das spart Zeit. Doch die grössere Chance bleibt oft ungenutzt: KI kann uns nicht nur Arbeit abnehmen. Sie kann uns helfen, im Arbeitsprozess besser zu werden.  Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wie wird aus einem KI-Tool eine echte Lernpartnerin?

Antworten erhalten ist noch kein Lernen 


Wer eine Frage eingibt und die Antwort kopiert, hat möglicherweise eine Aufgabe schneller erledigt. Ob dabei auch etwas gelernt wurde, ist offen. Lernen beginnt dort, wo wir Zusammenhänge verstehen, eigenes Wissen aktivieren, Annahmen überprüfen und das Gelernte auf eine reale Aufgabe übertragen.

KI-gestütztes Lernen bedeutet deshalb nicht, das Denken an die Maschine auszulagern. Es bedeutet, die KI als Dialog- und Sparringspartnerin zu nutzen. Sie kann Fragen stellen, Inhalte strukturieren, Übungen entwickeln, Perspektiven wechseln und Feedback geben. Die Einordnung, Qualitätsprüfung und Verantwortung bleiben beim Menschen.

1. Mit einer echten Aufgabe beginnen 

Lernen Sie nicht auf Vorrat. Gerade in Assistenzrollen entstehen täglich konkrete Lernanlässe: Sie bereiten eine Geschäftsleitungssitzung vor, verdichten ein umfangreiches Dossier, formulieren eine anspruchsvolle Korrespondenz oder arbeiten sich in einen neuen Prozess ein. 

Beschreiben Sie der KI nicht nur das Thema, sondern auch Ziel, Kontext, Vorwissen und Zeitbudget: «Ich muss morgen ein zehnminütiges Briefing zu [Thema] halten. Stelle mir zuerst fünf Fragen zu meinem Vorwissen, meiner Zielgruppe und dem gewünschten Ergebnis. Entwickle danach einen Lernplan für 30 Minuten.» 

Dies ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Die KI produziert nicht sofort Material, sondern klärt zunächst, was Sie wirklich benötigen.

2. Die KI fragen lassen 

Die meisten Menschen nutzen KI, um Antworten zu erhalten. Drehen Sie das Prinzip um: lassen Sie sich befragen. «Gib mir die Lösung nicht sofort. Führe mich mit kurzen Leitfragen zum Ergebnis. Prüfe nach jedem Schritt, ob ich den Zusammenhang verstanden habe.»  

Dieses Vorgehen erinnert an das sokratische Gespräch: Erkenntnis entsteht nicht durch Belehrung, sondern im Dialog. Besonders hilfreich ist das bei komplexen Fachbegriffen, neuen Prozessen oder Entscheidungen mit mehreren Handlungsoptionen.

Auch vor einem wichtigen Meeting funktioniert dieser Hack. Bitten Sie die KI, die Rolle einer kritischen Führungskraft, einer Kundin oder eines skeptischen Projektpartners zu übernehmen. So erproben Sie nicht nur Argumente. Sie lernen auch, wie Ihr Gegenüber denken könnte.

3. Nicht nur zusammenfassen – aktiv üben 

Zusammenfassungen sind praktisch. Sie vermitteln aber schnell das Gefühl, einen Inhalt verstanden zu haben. Ob wir Wissen tatsächlich abrufen und anwenden können, zeigt sich erst beim Üben. Lassen Sie aus einem Dokument deshalb nicht nur eine Kurzfassung erstellen, sondern Lernkarten, Verständnisfragen oder kleine Anwendungsfälle:  «Erstelle aus diesem Text sieben Kernaussagen. Stelle mir danach fünf Fragen, ohne die Antworten zu zeigen. Werte meine Antworten aus und erkläre nur jene Punkte, die ich noch nicht sicher verstanden habe.»

Für die Praxis bedeutet das: weniger passiv lesen, mehr aktiv erinnern. Mit einem kurzen Quiz erkennen Sie rasch, welche Punkte Sie bereits verstanden haben und wo noch Lücken bestehen.

4. Mit «Second Draft Thinking» bessere Lösungen entwickeln 

Viele nutzen KI, um möglichst schnell einen ersten Entwurf zu erzeugen. Für das Lernen ist die umgekehrte Reihenfolge oft wertvoller: Denken Sie zuerst selbst. Lassen Sie die KI danach Ihren Entwurf prüfen. Das kann eine E-Mail, ein Konzept, eine Entscheidungsvorlage oder die Struktur einer Präsentation sein: «Prüfe meinen Entwurf auf Klarheit, fehlende Argumente und mögliche Missverständnisse. Stelle mir zuerst drei kritische Fragen. Erstelle erst danach eine verbesserte Fassung und erkläre die wichtigsten Änderungen.»

Wir nennen dieses Vorgehen «Second Draft Thinking», also Denken in der zweiten Fassung. Der Lerneffekt entsteht zwischen dem eigenen Entwurf und der überarbeiteten Version. Sie erkennen blinde Flecken, schärfen Ihre Argumentation und entwickeln ein besseres Verständnis für die eigene Arbeitsweise.

5. Erkenntnisse sichern und in die Praxis übertragen 

Ein gutes Gespräch mit der KI sollte nicht mit der fertigen Antwort enden. Fragen Sie zum Schluss: «Was waren meine drei wichtigsten Erkenntnisse? Was sollte ich in der Praxis ausprobieren? Welche Frage ist noch offen?»

So entsteht mit wenig Aufwand ein KI-gestütztes Lerntagebuch. Es macht Fortschritte sichtbar und hilft, Erkenntnisse in konkrete Handlungen zu übersetzen. Der Prozess wirkt noch stärker, wenn Sie die Ergebnisse anschliessend mit anderen aus dem Team besprechen. KI unterstützt den Dialog. Sie ersetzt ihn nicht.

Was in menschlicher Verantwortung bleibt 


KI kann überzeugend formulieren und trotzdem falsch liegen. Prüfen Sie wichtige Aussagen und vergleichen Sie Quellen. Gerade im Assistenzbereich sind Vertraulichkeit und Datenschutz zentral. In Schweizer Unternehmen gehören sensible Informationen deshalb nur in freigegebene Systeme. Beachten Sie zudem die internen Vorgaben.

Zur KI-Kompetenz gehören deshalb nicht nur klare Eingaben und Arbeitsaufträge. Ebenso wichtig sind Kontextverständnis, Quellenkritik, Datenschutz, Urteilskraft und Verantwortung. Eine Lernpartnerin wird KI nicht durch schnelle Antworten. Sie wird es, wenn sie uns zu besseren Fragen führt, aktives Üben ermöglicht und hilft, das eigene Denken zu überprüfen. Der eigentliche Office Hack liegt deshalb darin, anspruchsvolle Aufgaben als Lernanlässe zu nutzen – mit KI im Dialog und dem Menschen in der Verantwortung. 
 

Buchtipp: Toolbox KI-gestütztes Lernen

Mit dem Buch zeigen Daniel Stoller-Schai und Werner Sauter, wie sich dialogische Lernmethoden mit den Möglichkeiten generativer KI systematisch verbinden lassen. Der Praxisleitfaden bietet konkrete Werkzeuge, Methoden und Anwendungsbeispiele, mit denen selbstorganisierte Lernprozesse direkt in den Arbeitsalltag integriert werden können.

Toolbox KI-gestütztes Lernen: Werkzeuge, Methoden und Praxis für den Arbeitsalltag 
Daniel Stoller-Schai und Werner Sauter,
Schäffer-Poeschel Verlag, 2026
300 Seiten

Kommentieren 0 Kommentare

Dr. Daniel Stoller-Schai ist CEO von Collaboration Design und Co-CEO des Digital Education Institute. Als Organisationsberater, Dozent und Autor beschäftigt er sich mit KI-gestütztem Lernen, digitaler Zusammenarbeit und Kompetenzentwicklung. Er unterstützt Unternehmen und Bildungsorganisationen dabei, technologische Entwicklungen in wirksame Lern- und Arbeitsprozesse zu übersetzen.
collaboration-design.ch

Weitere Artikel von Daniel Stoller-Schai
Anmelden um einen Kommentar abzugeben.

KOMMENTARE

Kommentar hinzufügen