Porträt

«Nach der Arbeit hat das Boxen erste Priorität»

Nicole Künzi-Boss liebt die Abwechslung: sei es im Job als Assistentin bei der Post oder bei ihrer Leidenschaft, dem Boxen. Dafür nimmt sie auch gerne eine volle Agenda in Kauf.

Der Gong ertönt. Nicole Künzi-Boss tänzelt durch den Ring. Ihre stahlblauen Augen blicken fokussiert auf ihren Sparringpartner. Dann schlägt sie zu: Rechts. Links. Rechts. Rechts. Der Atem wird lauter, der Schweiss rinnt. Zwei Minuten lang spielen sie Katz und Maus. Dann erklingt der Gong erneut. Künzi-Boss und ihr Trainer Vito klopfen sich mit den überdimensionalen Boxhandschuhen  auf die Schultern. «Diese Runde war top!», lobt der Trainer.

Es ist ein warmer Donnerstagmittag im Lorrainequartier in Bern. Während Schüler, Bauarbeiter und Banker draussen in den Gartenrestaurants und den Parks sitzen, Sandwich und Salat essen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, nutzt Künzi-Boss ihre Mittagspause, um im kühlen Keller ihrer Leidenschaft – dem Boxen – nachzugehen. Sie ist mitten in den Vorbereitungen für einen Wettkampf. Konkret heisst dies: zwei Mal täglich trainieren, insgesamt rund vier Stunden. Dazu gehört Joggen draussen und auf dem Laufband, Gewichtheben und Sparring.

Daneben arbeitet die 33-Jährige Vollzeit als Assis­tentin in der Informatikabteilung von PostMail und Post­Logistics – und steckt mitten in den Prüfungsvorbereitungen ihrer Weiterbildung zur Direktionsassistentin. Jede Sekunde ist verplant. Den Meisten wäre ein 24-Stunden-Tag für eine so gefüllte Agenda zu wenig. Doch Künzi-Boss’ Energie scheint für zwei zu reichen. «Wenn ich Gas gebe, dann richtig», sagt sie lachend und wischt sich mit einem weissen Tuch einige Schweisstropfen von der Stirn.

Ausser Dienst

  • Dafür habe ich einmal viel Mut gebraucht: Als ich das erste Mal im Ernstkampf in den Ring stieg.
  • Dieses Ritual ist mir heilig: Nach dem Wäsche waschen die Socken jeweils paarweise aufzuhängen.
  • Darüber ärgere ich mich: Wenn die Socken nicht paarweise aufgehängt sind.
  • Das möchte ich gerne lernen: Geduldiger sein.
  • Das hat mich geprägt: Der Sport.
  • Das bringt mich zum Staunen: Wie viel Energie Menschen aufbringen/­verschwenden, um über ­andere herzuziehen.
  • Ein Wort, das meine Arbeit beschreibt: Vielfältig.    
  • Das wollte ich als Kind werden: Tierärztin.

Kopfschmalzarbeiten am Morgen

Gerade in den Vorbereitungszeiten auf einen Match arbeitet sie viel fokussierter – verplempert keine Zeit. Aufschieben liegt gar nicht erst drin. Deshalb sitzt sie bereits um halb sieben im Büro. «Dann erledige ich die Arbeiten, die ein wenig Kopfschmalz brauchen, bei denen ich mich konzentrieren muss», so Künzi-Boss. Ab acht Uhr läutet das Telefon, laufen Chef und Teamleiter mit Aufträgen ins Büro und kommen die Mails rein. «Da heisst es: bring, hol, mach!», sagt sie.

Ihr gefällt die Abwechslung: «Kein Tag gleicht dem anderen», weist sie auf einen der grossen Vorteile ihres Jobs hin. Um elf fährt Künzi-Boss das erste Mal in den Boxkeller. Am Abend um sechs erneut. Und daheim warten Fachbücher, die gelesen werden wollen. Schliesslich stehen im Herbst die Abschlussprüfungen an. Wird ihr das nie zuviel? Künzi-Boss: «Selten. Es ist eine Frage der Organisation, um alles unter einen Hut zu bringen.»

Das weiss auch ihr Chef: François Gauthey lässt seiner Assistentin viel Freiraum, um Arbeit und Training optimal zu gestalten. «Nicole erbringt Höchstleistungen im Sport wie bei der Arbeit», sagt Gauthey. Und dies erst noch mit viel Charme, fügt er lachend an. Seit über fünf Jahren arbeiten der Bieler und die Bernerin Hand in Hand. Meist verstehen sie sich ohne grosse Worte. «Ich weiss schon am Morgen, wenn die Tür aufgeht, welche Laune er hat», sagt Künzi-Boss. Die Unterstützung hat aber Grenzen: Eine Assistentin, die sich neben der Arbeit noch um private Dinge des Vorgesetzten kümmert – Hochzeitsgeschenke, Arzttermine oder Ferienplanung –, ist Künzi-Boss nicht. Ihr Chef regelt seine persönlichen Angelegenheiten selbst.

Dreh- und Angelpunkt

Wie beim Boxen ist die Bernerin auch im Job in einer männerlastigen Domäne gelandet. Ihr Chef ist IT-Verantwortlicher im Bereich PostMail und PostLogistics. Diese Abteilung unterstützt die verschiedenen Teams bei der Planung und Umsetzung ihrer IT-Projekte. Zudem stellt sie den Betrieb und die Weiterentwicklung sicher und koordiniert Material, Support und Dienstleistungen von internen und externen IT-Lieferanten. «Es ist schon eine sehr technische Angelegenheit», sagt Künzi-Boss. Es habe einige Zeit gebraucht, bis sie in den Themen sattelfest war.

Heute ist sie Dreh- und Angelpunkt im Betrieb. Weiss Bescheid, was in anderen Teams passiert, hat den Überblick und hält die Fäden in der Hand. «Wenn jemand was wissen muss, kommt er zu mir», so Künzi-Boss. Auch für Personalfragen – sei es Anstellungen oder Austritte – ist Künzi-Boss mitverantwortlich. Unterstützt wird die Bernerin von einer Mit­arbeiterin mit einem 40-Prozent-Pensum. Daneben hat sie eine Lehrtochter unter ihren Fittichen. «Wir spannen gut zusammen», so Künzi-Boss.

Spontan reagieren

Mittlerweile hat die 33-Jährige ihr Training beendet und setzt sich frisch geduscht an die runde Bar im Boxkeller. Ihre langen, braunen Haare sind locker nach hinten zu einem Schwanz gebunden. In weissem Shirt, schwarzer Hose und hochhackigen Sandalen erinnern nur ihre muskulösen Oberarme an das harte Training. Seit über zehn Jahren ist sie dem Boxen verfallen. Kollegen haben sie in den Keller geschleppt. Schon bald packte sie der Ehrgeiz: Nach nur einem Jahr nahm sie an ihrem ersten Match teil. Vor fünf Jahren wechselte sie ins Profilager und kämpft seitdem ohne Kopfschutz. «Da fange ich mir schon ab und zu ein blaues Auge ein», sagt Künzi-Boss. Zum Glück sei bisher nichts Schlimmeres passiert.

Dank ihrer Disziplin und ihrem Ehrgeiz hat sie es in der Leicht­gewichtsklasse zur Nummer zwei in Europa gebracht. Weltweit ist sie in der unabhängigen Liste auf Platz sieben. «Nicole ist sehr pflegeleicht. Sie trainiert diszipliniert, ohne dass man sie ständig motivieren müsste», sagt ihr Trainer. Dazu sei sie sehr umgänglich. Das spürt man auch im Gespräch: Immer wieder grüsst sie vorbeilaufende Gäste des Boxkellers freundlich, spricht einige Worte mit einem älte­ren Mann, der zum Trainieren kommt und lacht häufig. «Sie hat im Gegensatz zu einigen anderen keinerlei Starallüren», so Vito.

Trotz ihres Erfolgs im Boxring – finanziell zahlt sich der Sport nicht aus. «Meist ist es am Ende des Jahres ein Nullsummenspiel», so Künzi-Boss. Doch dies spielt der Bernerin keine Rolle. Der Sport ist ihr Ventil, ihr Ausgleich. Und hilft ihr im teilweise anstrengenden Büro­alltag, bei welchem sie nicht selten als Sündenbock und Blitzableiter herhalten muss. Da heisst es: freundlich bleiben und beim nächsten Training ein wenig stärker als sonst in den Boxsack schlagen.

Nicht nur zum Abreagieren hilft ihr das Boxen – auch wenn im Geschäft ein Problem gelöst werden will, geht sie nach dem Training mit neuem Elan an die Sache. Vor kurzem organisierte sie die Zugriffe auf ein Laufwerk neu – ein kompliziertes Unterfangen. «Am Morgen kam ich auf keinen grünen Zweig», so Künzi-Boss. Nach dem Training hatte sie plötzlich die Lösung.

Familiäre Unterstützung

Arbeit, Ausbildung, Boxen: Bleibt da überhaupt Zeit für Freunde und Familie? «Das kommt schon manchmal zu kurz. Zum Glück steht mein Mann voll hinter dem Sport und ist selbst gerne aktiv», sagt Künzi-Boss. Der Berufsmilitarist und Trainer bei der Berner Footballmannschaft Bern Grizzlies hat ihr sogar das Trainingsprogramm zusammengestellt.

Zur Person

Nicole Künzi-Boss ist in Uster geboren. Sie wuchs mit einer Schwester am Stadtrand von Bern auf und machte nach der Sekundarschule die kaufmännische Ausbildung bei der AGI Bern – eine Firma für Isolierungen der Baubranche. Kurz nach der Lehre wechselte Künzi-Boss zur Schweizerischen Post, arbeitete zunächst im Sekretariat bei den Finanzen, danach als Assistentin beim Grossprojekt REMA, im Zuge dessen ein neues Briefzentrenkonzept ausgearbeitet wurde. Nach  Projektende wechselte sie in den Bereich Informationsmanagement und Technologie, wo sie bis heute als Assistentin der Geschäftsleitung tätig ist. Nebenbei absolviert sie die zweijährige Weiterbildung zur Direktions­assistentin. Künzi-Boss ist verheiratet und lebt in Wohlen.

Seit drei Jahren sind sie nun verheiratet und wohnen am Stadtrand von Bern. Kinder sind indes noch kein Thema. «Das fragt mich mein Chef auch immer. Er ist froh, wenn ich so ­lange wie möglich bleibe», sagt Künzi-Boss lachend. Die Chancen stehen gut: Auch nach ihrer Ausbildung zur Direktionsassistentin, welche sie im Herbst beenden wird, zieht es sie nicht weg. «Mir gefällt es bei der Post und in unserem Team sehr gut», so Künzi-Boss. Die unterstützende Funktion sei etwas, was ihr entspreche. «Ich kann mir gut vorstellen, mein Leben lang als Assistentin zu arbeiten.»

Dass andere im Rampenlicht stehen und die Lorbeeren für ihre Arbeit einheimsen, ist ihr egal. «Ich stehe nicht gerne im Vordergrund», sagt Künzi-Boss. Beim Boxen ist der Gang in den Ring, vor das Publikum und in die Augen des Gegners, der schlimmste Moment. «Da geht es mir übel. Es ist mir schlecht und ich frage mich, warum ich mir das immer wieder antue», sagt sie. Dennoch: Ans Aufhören hat sie noch nie gedacht. Zu viel Spass macht ihr der Kampf, bringt ihr die Vielfalt des Sports. Künzi-Boss: «Nach dem Arbeiten hat das ­Boxen erste Priorität.»

 

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Sarah Forrer ist freie Journalistin.

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