Premium Icon Alkoholfreier Apéro

Ohne oder mit?

Die Frage stellt sich nicht mehr nur beim Mineral: Das neue Gesundheitsbewusstsein prägt zunehmend unser Trinkverhalten. Sommelier Marc Almert gibt Tipps zu alkoholfreien Alternativen.

Endlich ist er da, der Sommer. So mehrt sich privat wie geschäftlich wieder die Anzahl an Apéros, Gartenpartys, Events am See und vielen kulturellen Zusammenkünften bei Open-Air-Kinos, Sommertheatern und mehr. 

Lange hatte hier das Cüpli die unangefochtene Poleposition. Der Inhalt? Meistens Prosecco, gelegentlich auch etwas edler: Champagner. Doch über die Jahre stieg der Schaumweinkonsum in der Schweiz kontinuierlich, und mit der Zunahme wuchs auch die Vielfalt. Franciacorta, Crémant, Cava und auch Sekt erobern die Schweiz. Letztere gibt es sowohl aus Deutschland als auch aus Österreich.

Wunsch nach Alternativen 


Nicht zuletzt aufgrund des steigenden Gesundheitsbewusstseins kommt immer häufiger der Wunsch nach einer alkoholfreien Alternative auf. Beim Schaumwein in Europa macht das bereits 8 Prozent vom Umsatzvolumen aus. Während es einige gute alkoholfreie Schaumweine gibt – selbst die Formel 1 setzt inzwischen auf French Bloom – sind Schaumtees definitiv ein Trend, der gekommen ist, um zu bleiben. «Chazanté» ist solch ein Beispiel: ein junges Start-up aus der Pfalz, das je hälftig entalkoholisierten Weisswein mit verschiedenen Tees, zum Beispiel Earl Grey, verbindet und diese dann aromatisch noch leicht aufpeppt. Eine wirklich erfrischende Alternative, ohne die sonst in der Kategorie leider oft vorherrschenden hohen Zuckerwerte.  

Nebst dem klassischen Cüpli ist inzwischen auch Rosé von keinem Sommer-Apéro mehr wegzudenken. Der Siegeszug des Roséweins wurde sicherlich auch durch seine Fähigkeit, «instagrammable» zu sein, mit geebnet. Ferner denkt man sich mit einem Rosé im Glas auch am Zürichsee schnell in die Hautevolee der Côte d’Azur, und so beginnt das Urlaubsfeeling teils schon beim Business-Lunch.

In der Variante «mit» sind vor allem die Weine der Provence bestens etabliert. Auch wenn dort wenige grosse Marken den Weltmarkt beherrschen, lohnt es sich nach kleineren Bio-Weingütern wie «Château les Valentines» Ausschau zu halten. Natürlich gibt es auch in anderen Ländern spannende Rosés, inklusive der Schweiz. Und auch hier gibt es die Variante «ohne» bzw. genauer «Ohni», und zwar vom Biodynamie- und PiWi-Pionierin (PiWi sind besonders ­widerstandsfähige Zukunftsrebsorten) «Bioweingut Lenz AG» im Thurgau. «AMESCO»-Gründerin Sabine Reber entalkoholisiert auf technisch höchstem Niveau mit ihrem Team im Kempthal Weine zahlreicher Schweizer Spitzenwinzerinnen und -winzer, so auch diesen fruchtbetonten Rosé von Lenz. Unbedingt probieren! 

Trinkfertige «Longdrinks» 


Ein Trend, nicht nur bei Sommer-Apéros, lässt sich schon länger in Amerika und Asien beobachten und erreicht nun immer mehr Aufmerksamkeit in Europa und der Schweiz: sogenannte «Ready to Drink»-Getränke. Hiermit sind fertig gemischte Cocktails oder Longdrinks gedacht. Früher nur beim Brunch etabliert, sind Bellini oder Mimosa erfrischend und nicht zu schwer im Alkohol; man mischt Fruchtsäfte oder Pürees mit Schaumwein. Doch das perfekte Verhältnis zwischen Pfirsich (Bellini) bzw. Orange (Mimosa) und Prosecco ist gar nicht so leicht zu treffen. Ergo: «Ready to Drink», man erhält den perfekt gemischten Drink genussfertig, sowohl in der Variante mit als auch ohne Alkohol. Dies prägten vor allem zwei italienische Familien: «Cipriani» und «Canella». Allein schon die Aufmachung dieser Apéritivos von Canella wird auf jeder Party ein echter Hingucker sein, versprochen!

Zum Schluss noch eine Bitte: Achten Sie auf die Temperaturen! Im Sommer findet das Leben bevorzugt draussen statt, und dort ist es oft sehr warm. Entsprechend Gläser möglichst lange drinnen belassen, damit diese nicht aufheizen, und Flaschen im Schatten sowie bestenfalls gekühlt auf Eis oder in einer entsprechenden Kühlmanschette halten. Das gilt übrigens auch für leichte Sommerrotweine, zum Beispiel aus Beaujolais oder Bierzo. Weine, die zu warm werden, schmecken alkoholischer und bei Roten auch bitterer. Ihre Gäste werden es Ihnen danken! 

 

Zahlen, bitte! 


Der Trend hin zu alkoholfreien Alternativen lässt sich womöglich mit dem Trinkverhalten der Männer erklären. 1992 konsumierten noch 30,1 Prozent der Schweizer Männer täglich Alkohol, 26,4 Prozent konsumierten weniger als einen Tag in der Woche oder waren abstinent. 2022 tranken 12,4 Prozent der Männer noch täglich Alkohol, während mittlerweile 35,3 Prozent weniger als einen Tag in der Woche konsumieren oder abstinent sind. Bei den Frauen gibt es nur wenig Unterschied: 1992 konsumierten 56,3 Prozent der Schweizer Frauen weniger als einen Tag in der Woche Alkohol oder waren abstinent, 2022 sind dies 53,6 Prozent. 11,5 Prozent der Frauen tranken 1992 täglich Alkohol, während es 2022 nur noch 5 Prozent sind.

Eine Befragung aus dem Jahr 2026 zeigt: Insgesamt wünscht sich jede dritte Person ein noch breiteres Angebot an 0-Prozent-Getränken (35 Prozent), bei den Unter-30-Jährigen sogar fast jede zweite Person (45 Prozent).

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Marc Almert ist Geschäftsführer von «Baur au Lac Vins» und «ASI Best Sommelier of the World 2019». 
bauraulacvins.ch 

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