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«See you soon» vs «Bis bald»

Ein starker Modetrend, ein wenig Angeberei oder die Sprache der Zukunft? Anglizismen sind weit verbreitet in Gesprächen und Texten, was Dialoge und Inhalte nicht unbedingt besser macht.

In öffentlichen Räumen sind Gespräche meist keine Privatsache – man hört mit. Die unfreiwillig mitgehörte Unterhaltung lieferte mir den Stoff für diese Kolumne. Ein Mann, nennen wir ihn Bernhard, ist online mit einer Person. Bernhard spricht laut und ist gerade ziemlich aufgebracht: «Die Anreise, sage ich dir, war ein Nightmare. Der Traffic unterwegs Horror. Jetzt bin ich da. In unserem Call geht es um die folgenden Facts. ... Ich möchte, dass du im Meeting klar pointest, um was es im neuen Contracting geht. Ich habe nicht viel Zeit – gleich ist der nächste Call. Gib mir ein Feedback und mach ein Summary, okay!?»  

Bernhard ist Chef und vielleicht für ein grosses internationales Unternehmen tätig. Seine Ausdrucksweise jedenfalls ist typisch für Firmen, die rund um den Globus engagiert sind. Und doch sprach er Schweizerdeutsch. Beim Mithören überlegte ich mir, ob der Mix von Englisch und Deutsch (Dialekt) ein Zeichen von Internationalität ist: Wir sind connectet mit der Welt und up to date. Im Fall von Bernhard fragte ich mich auch, ob er sich selbst gern zuhört und mit englischen Wörtern seinen Drive verstärken möchte.  

Der Hinweis, dass der Reichtum unserer Sprache ausreicht, um ein Gespräch zu führen oder einen Text zu schreiben, wirkt in einer zunehmend digitalen Welt altmodisch. Wir müssen unsere Sprache nicht abriegeln und schützen vor fremden Einflüssen. Wichtig ist, die Balance zu halten und die Frage zu stellen, mit wem oder für wen wir kommunizieren. Zu viele Anglizismen sind schlicht too much und wirken schnell übertrieben. Wenn ein deutschsprachiges Magazin für Lebensstil (Lifestyle) auf dem Titelblatt (Cover) von Longevity, Digital Detox, Emotional Healing, Luxus-Retreats und Medical Wellness spricht, dann mache ich mir Sorgen um unsere Sprache. Denn sie ist weder altmodisch noch wirkungslos. Warum sagen wir nicht «entgiften» anstelle von «detox». Oder entscheiden uns für «Heilung» anstelle von «Healing».

Workshop oder Arbeitsladen


Manche Anglizismen sind vertraut und unauffällig eingebettet in unserer Sprache. Wir müssen den «Workshop» nicht mit «Arbeitsladen» ersetzen oder aus einem «Feedback» konsequent eine «Rückmeldung» machen. Interessant jedoch ist die Frage, aus welchen Motiven wir Sprachen mixen. Ist es das Gefühl, am Puls der Zeit zu sein? Falls ja, sollten wir uns mit unseren Botschaften befassen. 

Wer etwas zu sagen hat, kann das in seiner Sprache tun. Dürftige Botschaften mit Anglizismen aufblasen macht Inhalte in Gesprächen und Texten nicht gehaltvoller. Bernhard darf also ruhig auf «Alptraum» und «Verkehr» umsteigen. Er ist mit «hervorheben» genauso gut unterwegs wie mit «pointen». Und ein «Call» ist schlicht und einfach ein Gespräch, ein Austausch, eine Unterhaltung oder ein Anruf. Keines dieser Wörter ist Schnee von gestern.

In meinen Seminaren spreche ich gern über «Know-how»; viele nutzen diesen Begriff. Wenn ich anbiete, das Wort zu öffnen, also seine verschiedenen Bedeutungen zu betrachten, entsteht eine Fülle. Know-how vereint «Wissen» und «Erfahrung». Beides überzeugende, starke Wörter, die sich gut einsetzen lassen. «Wir wissen, wie wir ... lösen können.» «Vertrauen Sie unserer Erfahrung.» Oder gleich die Kombination: «Vertrauen Sie unserem Wissen und unserer Erfahrung.» Allerdings verlangen diese Sätze ein gutes Selbstbewusstsein. Das Wort «wissen» ist eine Verpflichtung. Wer sagt oder schreibt, etwas zu wissen, wagt eine Stellungnahme (Statement). Know-how ist weniger verbindlich und deutungsvielfältiger. 

Sprache darf und soll sich wandeln und mit der Zeit gehen – keine Frage. Wenn allerdings Anglizismen wie Schminke (Make-up) aufgetragen werden, dann dominieren Form und Aufmachung den Inhalt. Ein «Meeting» ist schlicht und einfach eine «Besprechung» oder «Sitzung» oder «Zusammenkunft». Und warum darf ein «Lunch» nicht wieder ein «Zmittag» sein? Dialektausdrücke sind vertraut, sympathisch und gehören zu unserer Identität.

Anglizismen übersetzen


Manchmal biete ich in meinen Seminaren ein Spiel an. Wenn jemand, mich eingeschlossen, ein englisches Wort benutzt, müssen alle unterbrechen. Diese Übung führt dazu, dass viele, mich eingeschlossen, oft keinen Satz ohne Unterbrechung zu Ende sprechen können. Unsere Kommunikation ist gefüllt oder kontaminiert mit Anglizismen. Zur Übung gehört, dass wir Anglizismen sammeln und sie übersetzen, was nicht immer easy ist.

Hier eine Liste mit Fragen, die zeigen, dass wir mit deutschen Begriffen oft genauer sind und das aussagen oder schreiben, was wir wirklich meinen.   

  • Call: Handelt es sich um einen Austausch, um eine Information, einen Appell?  
  • Meeting: Ist es ein Treffen, ein Gespräch, eine Sitzung, eine Info-Veranstaltung?  
  • Mental Health: Ist mentale Gesundheit schwächer?  
  • Deadline: Geht auch Anzeigenschluss oder Abgabetermin?  
  • Flyer: Was ist mit Merkblatt?  
  • Shoppen: Wie wäre einkaufen oder «lädele»?  
  • Weekend: Wie wäre Wochenende?  
  • Okay: Geht auch «in Ordnung», und sagen wir das auch, wenn uns etwas nicht gefällt?  
  • Co-Working: Ist gemeinsam arbeiten oder sich einen Arbeitsplatz teilen so schlimm?  
  • Mindset: Kommen wir mit Denkweise, Haltung, Einstellung nicht besser auf den Punkt?  
  • Deep Dive: Darf es weniger ozeanisch sein und vielmehr eine Vertiefung, Analyse, Detailbetrachtung?  
  • Story: Meinen wir eine Erzählung, Handlung, ein Märchen, eine Erfahrung, eine Geschichte?  
  • FYI: Wie wäre ein vollständiges Wort, das zeigt, was wir meinen? Ist es eine Info? Muss jemand etwas tun? Oder wünschen wir ganz schlicht einen schönen Tag?  
  • Share: Teilen geht auch, oder? 

Oft werde ich gefragt, ob Anglizismen eine Altersfrage sind. Junge Menschen nutzen unter sich eine Sprache, die ich zwar halbwegs verstehe, aber nicht einsetzen würde, weil sie nicht zu mir passt. Der Ort, wo ich das Gespräch von Bernhard mitgehört habe, ist der Empfangsbereich eines Hotels (Lobby). Bernhard ist ungefähr in meinem Alter, also deutlich über 50. 

Sprache ist weniger eine Altersfrage, sondern ein Muster, eine Gewohnheit. Wir folgen diesen Mustern und laden sie passend und unpassend herunter (downloaden). Bei den Sitzecken (Lounge) dieses Hotels war ein Plakat aufgehängt mit diesem Satz: «In 2026, I will focus my energy on ...». Fokus finde ich ein schönes Wort. Im Jahr 2026 fokussiere ich meine Energie auf Klarheit, Begegnung und Zuversicht. Den Bedeutungsraum von «Zuversicht» nehme ich grösser wahr als «trust» oder «faith».

Kein «See you soon», mehr ein «Bis bald – wir sehen uns.» 

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Angelika Ramer trainiert seit über 30 Jahren Unternehmen in schriftlicher Kommunikation und verfasste zu diesem Thema fünf Sachbücher. Die Kommunikationsberaterin und frühere Journalistin ist Inhaberin der «Identität ist Sprache – Ramer & Partner AG».

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