Porträt

Sie lernt für ihr Leben gern

Als Elena Schwick ihren Job aufgibt und für eine Stelle bei der Fernfachhochschule Schweiz FFHS ins Wallis zurückkehrt, ist ihr Umfeld skeptisch: ein beruflicher Rückschritt, finden viele. Dann auch noch zurück in die Enge des Oberwallis, wo jeder jeden kennt – ist es wirklich das Richtige? Sieben Jahre später ist sie immer noch bei der FFHS und bereut weder Orts- noch Jobwechsel.

Wenn man die lange Röhre des Lötschbergtunnels hinter sich gelassen hat, ist es, als hätte man das Tor zu einer anderen Welt durchquert: Nach der sanften, weiten Landschaft des Berner Oberlands empfängt einen die kantige, felsige Enge des Oberwallis. Abgelegen und in sich geschlossen lässt die Gegend den Gedanken aufkommen, dass auch die Menschen hier vielleicht etwas rauer sind, aber das Lebenstempo etwas gemächlicher ist als anderswo.
Doch dieser Eindruck verfliegt schnell, wenn man auf Elena Schwick trifft, die quirlige Direktionsassistentin an der Fernfachhochschule Schweiz FFHS in Brig. Das Energiebündel, das seit sieben Jahren für die Schule arbeitet, jongliert gleich zwei Jobs: Als Assistentin organisiert sie die ganzen Organe der FFHS – die Direktion, den Stiftungsrat, den wissenschaftlichen Beirat und den politisch-strategischen Beirat – und als Leiterin des Sekretariats sorgt sie mit ihrem Team für die reibungslose Abwicklung der Studierendenadministration. Sie steckt in mehreren anspruchsvollen Aufgaben: Zwei grosse Bauprojekte sind in vollem Gange, die Schule befindet sich mitten in einem Akkreditierungsprozess und eine neue Schulsoftware steht an. Und: Elena leitet ­«nebenbei» überbetriebliche Kurse für die KV-Lernenden im Oberwallis. Wie schafft sie das alles? «Manchmal muss ich schon aufpassen, dass ich alles unter einen Hut bringe», sagt sie. «Aber es macht grossen Spass.»

Persönlich

Das wollte ich als Kind werden
Pharma-Assistentin oder Augenoptikerin – bis ich erfahren habe, dass man gut in Mathe sein muss.

Das hat mich geprägt
In der Schulzeit habe ich sieben Sommer lang in einer Berghütte gearbeitet. 

Darüber ärgere ich mich
Lebensmittel- und Ressourcenverschwen­dung, engstirnige Sichtweise.

Dafür habe ich einmal viel Mut gebraucht
Ich bin mit 15 Jahren von zu Hause ausgezogen, war ein Jahr als Au-pair im ­Unterwallis und habe so früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. 

Das möchte ich gerne lernen
Beruflich – CAS Digital Leadership ­(Arbeit 4.0), persönlich/privat – meine Meditationspraxis vertiefen.

Diese Person würde ich gerne kennenlernen
HRH Catherine, Duchess of Cambridge. Ich interessiere mich für die europäischen Monarchien.

Schülerin mit Lernschwäche

Dass sie einmal an einer Schule arbeiten würde, hätte Elena nicht gedacht. Denn als Schülerin hatte sie eine Lernschwäche. «Es gibt Menschen, die brauchen etwas nur einmal durchzulesen und dann wissen sie es. Ich leider nicht. Entsprechend musste ich in der Schule immer viel Aufwand betreiben, um mir den Stoff anzueignen», erzählt Elena. Sie ist überzeugt, dass sie ihre bisherigen Jobs einer ganz anderen Eigenschaft zu verdanken hat: «Ich war schon sehr früh sehr selbstständig.» Als Zehnjährige bewirbt sie sich auf einer Familienwanderung am Gommer Höhenweg bereits für ihren ersten Job – in einer Berghütte. «Ich fand diese Berghütte so toll und wollte unbedingt da arbeiten.» Die Viertklässlerin nahm ihren ganzen Mut zusammen und fragte den Besitzer, ob sie bei ihm aushelfen dürfe. Er stellte sie sofort ein. Anfangs habe sie nur ein bisschen die Vorräte aufgefüllt oder das Geschirr abgewaschen. Aber mit der Zeit, als sie älter wird, darf sie auch Bestellungen entgegennehmen und Essen servieren. «Da habe ich gelernt, zu arbeiten. Und ich musste offen sein und auf die Leute zugehen.» Dann, mit 15, zieht Elena von zu Hause weg in eine eigene Wohnung. Sie ist in der Lehre, das Geld ist knapp, aber die Eltern unterstützen sie in ihrem Wunsch, unabhängig zu sein. Mit dem Lehrlingslohn und einem Zustupf von Daheim lernt sie, ihr Leben selbst zu managen. «Manchmal war es schon etwas hart», sagt sie. «Aber während dieser Zeit habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen.»
Genau diese Selbstständigkeit weiss ­Michael Zurwerra, Rektor der FFHS, zu schätzen, als er sie 2017 als Direktionsassistentin einstellt. Davor ist Elena Sekretariatsmitarbeiterin bei der FFHS – ein Job, von dem ihr alle abgeraten hatten, weil sie fürchteten, sie wäre unterfordert. So streng wie jetzt sei es tatsächlich nicht gewesen, sagt Elena. Doch sie weiss die Gunst der Stunde zu nutzen: Weil sie neben der Arbeit genügend Zeit hat, macht sie eine Weiterbildung zur Direktionsassistentin.

Nächstes Ziel: CAS

Danach geht’s rund: Kaum ein Jahr in der Funktion als Assistentin, bietet ihr der Chef an, zusätzlich die Leitung des Sekretariats zu übernehmen. Die Schule befindet sich in einem Wandel, die Entwicklung ist dynamisch: Die FFHS ist die erste Hochschule der Schweiz, die auf das sogenannte «Blended Learning» setzt – 20 Prozent Präsenzunterricht und 80 Prozent Fernstudium mit digitalen Hilfsmitteln. Das Modell erweist sich als beliebt, die Studierendenzahlen steigen von 25 in der Anfangszeit auf aktuell 2400 schweizweit. Entsprechend platzt der Campus in Brig aus allen Nähten, ein Neubau ist am Entstehen. Auch in Zürich braucht es neue Räumlichkeiten, die FFHS wird einen neuen Standort direkt am HB beziehen. Derweil treibt die Schule die Digitalisierung weiter voran. Der Rektor braucht eine Assistentin, die ihn in mehreren Bereichen entlasten kann. Zu Elena hat er vollstes Vertrauen.
«Er hat mich einfach ins kalte Wasser geworfen, vor allem mit der Führung des Sekretariats», lacht Elena. «Klar, manchmal fühlt man sich schon ein bisschen wie in einem Strudel. Aber dann sieht man das Resultat und ist stolz.» Wie zum Beispiel auf die neue Studiengangs-Info, die auf Augmented Reality setzt: «Seit Februar geben wir Interessenten nur noch ein Kärtchen pro Studiengang anstelle eines dicken Dossiers mit», sagt Elena und zeigt ein paar bunte Postkarten. «Die Karte wird mit dem Smartphone gescannt und auf dem Display erscheint der jeweilige Studiengangsleiter, der alles erklärt.»
Bei der FFHS wird aber trotz viel Arbeit grosser Wert auf eine gesunde Work-Life-Balance gelegt. «Nur erholte Mitarbeitende können produktiv sein», ist Elena überzeugt und vertritt damit die Philosophie der ganzen Schule. Sie selbst arbeitet Teilzeit, wie etwa drei Viertel der Belegschaft der FFHS. «Ausserdem darf man bis zu 50 Prozent der Arbeitszeit im Homeoffice leisten», sagt sie. «Wenn aber einmal die zwei grossen Bauprojekte durch sind, wird es eh wieder etwas ruhiger werden.» Dann plant sie ein bisschen längere Ferien – doch eine ruhige Kugel zu schieben, ist längerfristig nichts für Elena: Nächstes Jahr steht schon die nächste Weiterbildung an. Sie will einen CAS in Digital Leadership machen. Denn die ehemals lernschwache Schülerin lernt für ihr Leben gern.

Elena Schwick

ist in Reckingen im Kanton Wallis aufgewachsen. Nach ihrer KV-Lehre zog es sie in den Kanton Bern, wo sie zwei Jahre lang als HR-Assistant für die RUAG in Thun arbeitete. Danach kehrte sie ins Wallis zurück und heuerte bei der FFHS in Brig als Sekretariatsmitarbeiterin an. Sehr bald machte sie die Ausbildung zur Direktionsassistentin, die sie 2017 mit dem eidgenössischen Diplom ­abschloss. Heute ist sie Assistentin des Rektors und leitet das vierköpfige ­Sekretariat. Die 30-Jährige lebt unter der Woche zusammen mit ihrem Freund in Brig und an den Wochenenden in ­ihrem Ferienhäuschen im Goms.

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Jelena Martinelli ist selbstständige Texterin bei martinellitext. Sie schreibt leidenschaftlich gerne Blogs und Publireportagen und auch sonst alles, was mit Online-Marketing zu tun hat.

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