Porträt

«Stillstand ist für mich ein Fremdwort»

Diskretion, Perfektion und Eleganz: Diese drei Attribute treffen sowohl auf den Arbeitsort als auch auf Jacqueline Seiler zu. Seit sieben Jahren ist sie Direktionsassistentin im Grand Resort Bad Ragaz.

Jacqueline Seiler arbeitet, wo andere Ferien machen. Sie ist Direktionsassistentin im Grand Resort Bad Ragaz, einer der nobelsten Adressen der Schweizer Hotellerie. Schon seit sieben Jahren ist sie dort, wo sie doch anfangs nur vier bis maximal fünf Jahre bleiben wollte. Doch dann warf sie alle Pläne über den Haufen: Zuerst kam ihr neuer Chef, General Manager Marco R. Zanolari-, dazwischen. Dann wurde das Grand Hotel Quellenhof, das Prunkstück des Resorts, aufwendig renoviert. Und dann ist da noch die Sache mit dem Herzen, das sehr am Traditionshaus und seinen Mitarbeitenden hängt. Der Dableib-Liste liessen sich ohne langes Überlegen noch zig weitere Punkte hinzufügen.

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Länger als die Dableib-Liste ist nur die Verschönerungsliste des Quellenhofs. So hat das Traditionshaus zum 150. Geburtstag eine Verjüngungskur geschenkt bekommen. Für 45 Millionen Franken wurden 98 Suiten, die Restaurants und die prunkvolle Lobby grunderneuert. Für Jacqueline Seiler ein einschneidender Moment, als das Hotel nach fünf Monaten Bauzeit im Juli dieses Jahres wiedereröffnet wurde. «Ich war noch nie so nervös», so Jacqueline Seiler. Die Erneuerung des Quellenhofs war schon seit ihrem Anstellungsbeginn ein Thema. Die 32-Jährige ist stolz, an einem derart grossen Renovationsprojekt von der Planungsphase über die gesamten Bauarbeiten bis hin zur Eröffnungsfeier mitgewirkt zu haben. «Das erleben nicht viele während ihrer Berufskarriere», meint die Direktionsassistentin.
Jacqueline Seiler ist seit drei Jahren Marco R. Zanolaris Assistentin. Sie kann sich gut an die ersten Amtswochen ihres Chefs erinnern. Es war wie das Einsteigen in einen Schnellzug. «Ich war positiv überrascht von der vielen Energie, die der neue General Manager ins Haus gebracht hat. Unsere Belegschaft erwachte aus dem Dornröschenschlaf.» Viel hat sich seit dem Chefwechsel im Haus verändert – der frische Wind im Resort ist in allen Gängen zu spüren.

Ausser Dienst

Das wollte ich als Kind werden:
Das wechselte wohl alle paar Jahre und reichte von Hundezüchterin von Cockerspaniels über Drogistin bis hin zu Polizistin.

Das hat mich geprägt:
Eine liebevolle Kindheit, in der ich genug Raum bekam, mein etwas quirliges und aufgestelltes Wesen auszuleben.

Da muss ich lachen:
Hauptsache viel und ausgiebig – es gibt wohl nichts besseres und prägt jeden Tag positiv.

Darüber ärgere ich mich:
Unpünktlichkeit – da bin ich wohl eine typische Schweizerin.

Dafür habe ich viel Mut gebraucht:
Wohl für alle actionreichen Erlebnisse wie Gleitschirmfliegen.

Das möchte ich gerne lernen:
Sprachen, davon kann man wohl nie genug können. Italienisch steht schon länger auf meiner To-Learn-Liste.

Diese Person würde ich gerne kennenlernen:
Malala Yousafzai, die jüngste Friedensnobelpreisträgerin.

Im Bündnerland heimisch

Jacqueline Seiler hat in der Zusammenarbeit mit ihrem Vorgesetzten viel gelernt, vor allem in Bezug auf ihre persönliche Entwicklung. «Ich sammle nicht gerne Diplome. Lieber lerne ich bei der Arbeit, statt lange die Schulbank zu drücken.» Ihre ehemalige Vorgesetzte im Schweizerhof Flims, Romantik Hotel ermutigte sie zur DA-Weiterbildung. Während sie von ihrer Weiterbildung und ihrer Zeit in Flims erzählt, fällt wieder auf, dass Seiler mit einem Bündnerdeutsch gefärbten Dialekt spricht. Darauf angesprochen meint sie lachend: «Es ist kein lupenreines Bündnerdeutsch. Einheimische entlarven mich schnell.» Die Stadt-Luzernerin kam vor 15 Jahren nach Flims. Sie bezeichnet sich mittlerweile als Bündnerin, so sehr fühlt sie sich in Graubünden Zuhause. «In der Ferne überkommt mich manchmal das Heimweh nach den Bergen und nach meiner Wahlheimat.»
Natur und Bodenständigkeit sind der Direktionsassistentin des Fünf-Sterne-Resorts wichtig. Nicht nur zu Hause, sondern auch in den Ferien. Das bedeutet nicht, auf Luxus zu verzichten, aber fürs Relaxen und Batterien aufladen muss es nicht ein Fünf-Sterne-Etablissement sein. «In einem Grand Hotel entspanne ich mich weniger, weil ich ständig auf alle Kleinigkeiten achte und Vergleiche mit unserem Haus ziehe. Das passiert mir in einer kleinen Pension weniger.» 
Aber auch in «ihrem» Hotel entgeht ihrem aufmerksamen Auge nichts. Ein Windstoss hat eine Serviette auf den millimetergetrimmten Rasen geweht. Jacqueline Seiler entschuldigt sich, steht auf und hebt diese kurzerhand auf. Auch wenn es nicht ihre Aufgabe ist. «Ich konnte einfach nicht anders.» In so einem renommierten Haus zu arbeiten, verpflichtet nun mal zur Perfektion. Denn die Gäste sind anspruchsvoll und haben grosse Erwartungen an die Dienstleistungen, den Komfort und die Diskretion. «Wir zählen viele Stammgäste zu unserer Kundschaft. Und es gibt Familien, die seit Generationen jedes Jahr zu uns ins Grand Hotel kommen.» Wer alles schon bei ihnen genächtigt hat, verrät Seiler aber nicht. Sie ist die Diskretion in Person.

Alter Hase als Informationsquelle

Im Alltag steht die Direktionsassistentin nicht oft im direkten Kontakt mit den Gästen. Doch alle sechs Wochen ist sie für den Wochenenddienst eingeteilt. Dann trägt sie die Verantwortung fürs Hotel. «In den Duty-Dienst hat mich mein Chef dieses Jahr neu eingeführt. Es ist nicht nur eine tolle und verantwortungsvolle Aufgabe, sie gibt mir auch die Gelegenheit, die Stimmung im Haus zu spüren. Zudem schätzen es die Mitarbeitenden der anderen Bereiche, dass wir Direktionsmitglieder beim Duty-Dienst einen Einblick in ihren Arbeitsalltag erhalten.»
800 Angestellte arbeiten im Grand Resort Bad Ragaz. Alleine 420 von ihnen sind für den Hotelbetrieb zuständig. Jacqueline Seiler gehört zu den alten Hasen und gilt mit ihren sieben Dienstjahren als Informationsquelle des Quellenhofs. Denn die typische Mitarbeiterfluktuation der Hotellerie macht auch vor dem Resort nicht Halt. «Dafür ist es eine sehr dynamische Branche.» Vor Jahren hat sie einen Abstecher in einen Telekommunikationsbetrieb gemacht. «Das war nicht mehr ich. Ich habe mich gelangweilt und das lebendige, temporeiche Tagesgeschäft vermisst. Gemächlichkeit entspricht mir nicht», sagt sie, während sie zügigen Schrittes die imposante Marmorlobby durchquert. Es warten noch einige Aufgaben auf sie in ihrem Büro im Souterrain. Der Chef hat bestimmt wieder eine neue Idee. «Stillstand ist für ihn wie für mich ein Fremdwort.»

Jacqueline Seiler

Jacqueline Seiler (32) ist in der Stadt Luzern aufgewachsen. Sie hat die Hotel-Handelsschule besucht und ist gelernte Kauffrau sowie diplomierte Hotelsekretärin. Nach ihrer Ausbildung zog sie nach Flims und arbeitete im Schweizerhof Flims, Romantik Hotel. Während dieser Zeit hat sie die Weiterbildung zur Direktionsassistentin abgeschlossen. Seit sieben Jahren arbeitet sie im Grand Resort Bad Ragaz als Direktionsassistentin. In ihrer Freizeit singt Jacqueline Seiler im Damenchor Chursüd und fährt Snowboard und Ski, am liebsten in den Bündner Bergen.

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