Porträt

Zürichs inoffizielle Botschafterin

Politisch, gesellschaftlich oder kulturell – Manuela Leonhard weiss stets, was in Zürich los ist. Die Assistentin der Stadtpräsidentin ist bestens vernetzt und hat über 40 000 Follower auf Social Media.

Morgenrot über dem Zürichsee – klick – Lunch im neusten Restaurant der Stadt – klick – Apéro in der Frauenbadi – klick. Wo immer Manuela Leonhard ist, zückt sie ihr iPhone, drückt auf den Auslöser und postet das Foto auf ihrem Instagram-, Linkedin- oder Facebook-Account. Ist ihr neuster Beitrag online, vergehen keine fünf Minuten, bis sich die Kommentarbox gefüllt hat und über hundert Daumen nach oben zeigen. 24 350 Follower hat sie auf Linkedin, rund 5000 Kontakte sind es bei Facebook. Bei Instagram folgen ihrem ­«Zurich is beautiful»-Profil 11 900 Menschen. Manuela Leonhard, Assistentin von Zürichs Stadtpräsidentin ­Corine Mauch, ist ein Social-Media-Profi. Täglich veröffentlicht sie eine Fotostrecke in den sozialen Netzwerken. «Ich scheue keinen Aufwand für das perfekte Bild», meint Manuela Leonhard lachend. Das kann auch ins Auge gehen. Wie etwa vor ein paar Monaten, als sie beim Fotografieren derart abgelenkt war, dass sie durch die offene Dachterrassen-Lucke fiel und sich eine Beinverletzung zuzog. Doch nicht einmal das stoppt sie. «Social Media hält mich jung», erklärt die 55-Jährige, die mit ­ihren Bildern von und über Zürich als Botschafterin der Limmatstadt wahrgenommen wird. Nicht selten schreiben Touristen und fragen nach Insidertipps, weil sie meinen, Leonhards ­Account sei das offizielle Profil der Stadt. Sie beantwortet alle Anfragen. «Ich sehe es nicht als Arbeit. Es macht mir Freude, mit den Menschen über Social Media zu interagieren und unsere schöne Stadt zu zeigen.»

Persönlich

Das wollte ich als Kind werden

Flight Attendant.

Das hat mich geprägt

Mutter von vier Kindern zu werden – die grösste Lebensschule überhaupt.

Da muss ich lachen

Wenn ich Menschen mit meinen schlagfertigen Sprüchen zum Lachen bringe.

Darüber ärgere ich mich

Wenn die Menschen zu Zürich nicht Sorge tragen und ihren Abfall einfach liegen lassen.

Dafür habe ich einmal viel Mut gebraucht

Ja zu mir zu sagen und meinen ­Lebensweg alleine weiterzugehen.

Das möchte ich gerne lernen

Wieder Gitarre spielen, womit ich in den Flegeljahren der Pubertät leider aufgehört habe.

Diese Person würde ich gerne kennenlernen

Michelle Obama, eine inspirierende, bewundernswerte Persönlichkeit.

Extrameile gehen

Manuela Leonhard ist nicht nur Zürichs inoffizielle Botschafterin, sie ist in erster Linie die Assistentin der obersten Stadtzürcherin. Oder wie sie es nennt: «der Vorzimmerdrachen von Corine Mauch.» An ihrem Tisch muss jeder vorbei, der mit Zürichs Stadtpräsidentin sprechen will. Auch die Stabsmitarbeiter. Seit elf Jahren sitzt Leonhard im Vorzimmer des Stadtpräsidiums. Ihre Vorgängerin war 20 Jahre lang Assis­tentin der Stadtpräsidenten und meinte bei der Übergabe, Leonhard könne bis zur Pension bleiben. Die Position werde nie langweilig, schliesslich biete die Wahl eines neuen Stapis so viel Abwechslung wie ein Jobwechsel. Bis zur Pensionierung geht es noch zehn Jahre. Neuwahlen finden 2022 statt. Ob ihre Chefin sich wieder für das Stadtpräsidium zur Verfügung stellen wird, weiss auch Leonhard nicht. Sollte Mauch bleiben, wird sie nicht auf ihre Assistentin verzichten müssen. «Menschlich bin ich Corine Mauchs grösster Fan. Meine Chefin ist über all die Jahre unheimlich authentisch geblieben. Wir pflegen ein vertrauensvolles Arbeitsverhältnis.» Leonhard kommt morgens als Erste und geht abends als Letzte. Und wenn es sein muss, sagt sie einen privaten Abendtermin ab. «Meine Chefin hält sich sehr an die Dienstzeiten. Die paar Male, die ich kurzfris­tig einspringe, sind die Extrameile, die ich gerne gehe.»

Wenn Manuela Leonhard von Extrameilen erzählt, wie Gratulationsbriefe für Persönlichkeiten schreiben oder das Essen für das Lunchmeeting besorgen, macht sie das mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht darauf schliessen lässt, dass es sich um Arbeit handelt. «Ich war schon als Mädchen ein gschaffiges. Als Beizertochter habe ich früh mitgearbeitet.» Als Hotelière und Mutter von vier Kindern habe es auch immer gut Arbeit gegeben. «Alles, was ich in meinem Leben gemacht habe, habe ich nicht als Arbeit bezeichnet. Ich habe mich stets mit meinen Tätigkeiten identifiziert und bin darin aufgegangen.»

Glück neu definiert

Mit 65 Jahren den Stift fallen lassen, kommt für Leonhard nicht in Frage. Bereits im Hinblick auf die Stadtratswahlen hat sie eine Ausbildung zum systemischen Coach abgeschlossen. Eine Tätigkeit, bei der ihr Gespür für Menschen und deren Bedürfnisse ebenso miteinfliesst wie ihre Lebenserfahrung. Nach ihrer Scheidung vor acht Jahren musste sie lernen, alleine zu leben und das Glücklichsein neu zu definieren. «Als 32-Jährige hatte ich alles geschafft, was ich wollte. Ein Ehemann, vier Kinder und sogar mein Mädchentraum als Flight Attendant zu arbeiten, hatte ich mir verwirklicht. Mit über 50 Jahren habe ich den tollsten Job überhaupt, gehe in den Ausgang, lerne von jungen Influencern und geniesse mein Leben», sagt die jung gebliebene Manuela Leonhard.

«Social Media hält mich jung.»

Ihr Enthusiasmus und ihre Lebensfreude sind ebenso ansteckend wie ihr Lachen. Ihre farbenfrohe Garderobe, die blonde Mähne und die roten Lippen lassen die wenigsten darauf tippen, welchen Job sie macht, wenn Leonhard sie zum Raten auffordert. Eine extrovertierte Persönlichkeit vermutet keiner im Vorzimmer des Stadtpräsidiums der grössten Schweizer Stadt. Über 428 000 Menschen leben in der Limmatstadt und gut 28 000 Mitarbeitende arbeiten in verschiedenen Berufsfeldern für die Stadt Zürich. «Maximum fünf Jahre wollte ich bei der Stadt Zürich arbeiten und sehen, was mit dem Steuergeld gemacht wird. Inzwischen bin ich bereits 15 Jahre in der Stadtverwaltung und ich kann ohne übertreiben sagen, den tollsten Job in der schönsten Stadt zu haben.»

Und was meint Manuale Leonhard zur Stadtpolitik? Die Assistentin hält sich diskret zurück. Auch wenn sie die politische Haltung der Stadtpräsidentin nicht immer teilt, kommentiert wird nichts. «Ausser mit einem kleinen Augenverdrehen», gibt Leonhard augenzwinkernd preis. Keine Frage, Manuela Leonhard ist anders, aber auf ihre farbenfrohe Art ebenso authentisch wie ihre Vorgesetzte. Für ihre Chefin ist sie die unverzichtbare rechte Hand. Für Zürich ist sie die Influencerin, die all die Schönheiten der Stadt festhält.

Manuela Leonhard

ist in Schocherswil bei Amriswil im Kanton Thurgau mit drei Geschwistern aufgewachsen. Nach ihrer KV-Lehre in einem Anwaltsbüro zog es sie nach Zürich. Mit 20 Jahren heiratete sie, mit 27 Jahren war sie bereits vierfache Mutter und mit 32 Jahren erfüllte sie sich ihren Meitlitraum und wurde Flight Attendant bei der Crossair. Seit 2005 arbeitet sie bei der Stadt Zürich. Zuerst war sie Assis­tentin des Direktors für Kultur, dann stellvertretende Assistentin des Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber. Seit der Wahl von Corine Mauch ist sie deren Assistentin. Manuela Leonhard hat 2019 eine Weiterbildung als systemischer Coach abgeschlossen.

Kommentieren0 Kommentare

Chefredaktorin Miss Moneypenny

Weitere Artikel von Caterina Melliger
Log in to post a comment.

Das könnte Sie auch interessieren