Nach dem Homeoffice

Alles wie gehabt?

Die Homeoffice-Pflicht gehört vielleicht bald der Vergangenheit an. Der Wunsch, zumindest in Teilen im Homeoffice zu arbeiten, aber bleibt. Denn im vergangenen Jahr haben wir diese Arbeitsform schätzen gelernt. Wie gehen Unternehmen mit diesem Wunsch der Mitarbeitenden um? Organisationsentwicklerin Norina Peier sieht hier eine grosse Chance, die Zusammenarbeit neu zu gestalten, anstatt einfach so weiterzumachen wie vor der Pandemie. 

Frau Peier, in den kommenden Tagen entscheidet der Bundesrat, ob die Homeoffice-Pflicht aufgehoben wird. Falls ja, können wir davon ausgehen, dass die Arbeitswelt danach einfach wieder so aussieht wie vorher? 

Nein, das denke ich nicht. Die Pandemie hat unser Leben verändert. Die vergangenen zwölf Monate haben uns allen viel abverlangt und sowohl unser Privatleben als auch unsere Arbeitsweise verändert. Wir mussten uns den neuen Bedingungen anpassen, haben jedoch auch viel dazugelernt. Es wäre ein Fehler, die Uhr zurückdrehen zu wollen. Wir sind heute an einem anderen Punkt. 

Wieso ein Fehler? Es hat ja vorher auch funktioniert…

Ja, aber wir befinden uns heute in einer anderen Situation. Wir alle haben bewiesen, dass die Zusammenarbeit auch anders funktionieren kann und das hat ein enormes Potenzial offenbart. 

Was müssen Unternehmen tun, wenn ihre Mitarbeiter zurück ins Büro kommen? 

Wichtig ist, miteinander herauszufinden, wie diese nächste Phase gestaltet werden kann. Als Führungskraft würde ich meinen Mitarbeitenden drei Fragen stellen: 

  1. Wie geht es euch damit, wieder im Büro zu sein? 
    Damit holen Sie die verschiedenen Bedürfnisse ab und machen sie besprechbar. 
  2. Was aus den letzten zwölf Monaten hat sich bewährt und sollten wir beibehalten? 
    Somit haben Sie die Chance den Erkenntnisgewinn in die nächste Arbeitsphase  zu integrieren.
  3. Was brauchen wir, um in Zukunft erfolgreich zusammenzuarbeiten? 
    Die Mitarbeitenden sollen die Zukunft aktiv und selbstverantwortlich mitgestalten. 

Die Mitarbeitenden sollten also bei der Rückkehr begleitet werden…

Ja, das ist eine klassische Führungsaufgabe. Es sind spannende Spielräume entstanden und der Umgang damit muss neu definiert werden. 

Viele Mitarbeitende haben sich an Homeoffice gewöhnt und gezeigt, dass es funktioniert. Was heisst das für Unternehmen und Mitarbeitende? 

Das ist die Chance, den bereits vor der Pandemie bestehenden Trend des mobil-flexiblen Arbeitens fortzuführen. Corona hat uns dazu gezwungen, Prozesse, die davor wenig Priorität genossen haben, innert Tagen umzusetzen und war diesbezüglich ein Innovations-Booster. 

Sollten Unternehmen künftig grosszügiger mit Homeoffice-Regelungen umgehen? 

Ich gehe davon aus, dass wir in Zukunft mehr hybride Modelle sehen werden. Viele Unternehmen, vor allem grössere, haben schon vor Corona die Arbeitsplätze vor Ort reduziert und das mobil-flexible Arbeiten eingeführt. Auch kleinere Firmen mussten gezwungenermassen nachziehen. Es liegt also klar im Interesse der Unternehmen diese Modelle weiterzuführen. 

Wie gehen Unternehmen am besten mit unterschiedlichen Bedürfnissen um? 

Sie müssen sich mit den neuen Gegebenheiten auseinandersetzen und die Mitarbeitenden miteinbeziehen. Es geht aktuell nicht darum eine endgültige Lösung festzulegen – dafür ist die Situation viel zu volatil. Es geht darum zu entscheiden, was für eine nächste Phase und einen begrenzten Zeitraum sinnvoll erscheint. Die Agilität einer Unternehmung wird für den weiteren Erfolg noch zentraler als bis anhin. 

Sie sprechen von hybriden Modellen. Das klingt doch nach der perfekten Lösung, bei der jeder so arbeiten kann, wie er möchte…

Das Hybrid-Modell stellt uns wieder vor neue Herausforderungen, wie zum Beispiel: Wie beeinflusst es das Team, wenn einige Mitarbeitende immer im Büro sind und andere meist daheim. Das verändert die Dynamik im Team und damit wird man einen Umgang finden müssen.

Welche Tätigkeiten erfordern am meisten physische Präsenz?

Der informelle Austausch, die kleinen Absprachen zwischendurch, die im Büro einfach so passieren. Oder auch die Koordination von Projekten ist viel aufwändiger, wenn man für jedes kleine Detail Nachrichten in Slack oder im Firmenchat verfassen muss. Im Fall von Meetings hingegen, empfinden mittlerweile viele Beschäftigte, dass sie online strukturierter, produktiver und schneller ablaufen. 

Zur Person

Norina Peier begleitet Menschen sowie Organisationen in Veränderungsprozessen und arbeitet als Coach, Trainerin und Teamentwicklerin für Firmen in der Privatwirtschaft, der öffentlichen Verwaltung und im Bereich der Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie als Dozentin an verschiedenen Hochschulen tätig und im Frühjahr 2019 erschien ihr Buch «Jeder Schritt ein Auftritt». Norina Peier ist Psychologin mit Vertiefung in Arbeits- und Organisationspsychologie (Master of Science in Angewandter Psychologie der ZHAW), lösungsorientierter Coach (ICF) und diplomierte Schauspielerin (ZHdK).

www.norinapeier.ch

 

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Stefanie Zeng ist Online Redaktorin bei Miss Moneypenny. 

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