Durch Höhen und Tiefen und zurück
Jeannine Nicollier arbeitet seit 2013 als Assistentin der Geschäftsleitung, Office-Managerin und Social Media Marketing Managerin bei der CarbonActive Holding AG in Steinhausen. Ein Gespräch über die Vielseitigkeit ihrer Tätigkeit, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die starke Volatilität ihrer Branche.
Foto: Aniela Lea Schafroth
Donnerstagvormittag auf dem Gewerbe- und Industriegelände in Steinhausen. Auf den ersten Blick wirkt die CarbonActive Holding AG eher unscheinbar. Ein funktionaler Eingangsbereich, Lagerflächen und eine Werkstatt prägen ihr Bild. Doch hinter dieser eher nüchternen Industriefassade verbirgt sich eine ganz besondere Welt und ein hoch spezialisierter Wirtschaftszweig.
Denn das Unternehmen gehört zu den führenden Anbietern von Indoor-Farming-Lösungen in Europa und entwickelt Technologie- und Softwarelösungen für den Anbau von Cannabis, Microgreens sowie Pilzen. Eine Branche, die noch vergleichsweise jung ist und gerade im Cannabisbereich immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen hat, obwohl sie heute stark von Technologie, Präzision und Innovationskraft geprägt ist.
«Aufgrund unseres derzeitigen Fokus auf den deutschen Markt steht unsere Demonstrationsanlage zurzeit in Stuttgart», erklärt Jeannine Nicollier, Assistentin der Geschäftsleitung, Office-Managerin und Social Media Marketing Managerin des Unternehmens. Allzu gerne hätte sie uns eine vollausgestattete Anlage gezeigt. So müssen wir, die Fotografin und die Chefredaktorin, an diesem Tag Vorlieb mit Fotografien bestehender Anlagen sowie einzelnen Anlagekomponenten wie Aktivkohlefilter, Lüfterboxen und Ventilatoren nehmen. «Alle Elemente werden übrigens nach wie vor ausschliesslich in Steinhausen produziert – Swiss Made, sozusagen», schmunzelt Nicollier.
Dass der Fokus auf dem deutschen Markt liegt, komme daher, dass der Schweizer Markt nach der Legalisierung von CBD und dessen Boom ab 2016 zwischenzeitlich übersättigt sei. «In Deutschland befindet sich der erneute Boom seit der Teillegalisierung von Cannabis im Jahr 2024 hingegen noch in einer frühen Phase», erzählt Nicollier.
So baut das Team der CarbonActive Holding AG dort in diesem Jahr bereits die fünfte Anlage. «Bis Ende Jahr sollen mindestens noch zwei weitere folgen», berichtet die Assistenz. Kostenpunkt: 200 000 Franken. «Eine beachtliche Investition, die sich für Kundinnen und Kunden langfristig jedoch lohnt, wie Erfahrungen aus vergangenen Projekten zeigen», sagt Nicollier.
Meine Wahl
Foto: Aniela Lea Schafroth
Sportlerin oder Couch-Potato?
Ganz klar Couch-Potato. Mein Leben ist stark durchgetaktet mit Familie, Arbeit und Freunden. Wenn ich dann einmal Zeit habe, geniesse ich es, einfach nichts zu tun und zu sein.
Zeitung oder Podcast?
Podcasts, beim Putzen, Rasenmähen oder auf dem Heimweg. Besonders schätze ich Formate wie «ZEIT Verbrechen» oder «TED Talks». Ich mag es, Menschen mit Leidenschaft zuzuhören.
Instagram oder TikTok?
Instagram. Ich bin ein Kind der 90-Jahre und fühle mich dort einfach mehr zu Hause. TikTok schaue ich mir auch gelegentlich an, bin aber generell bei Social Media etwas zurückhaltend. Vor allem, wenn es um schnellen Konsum und den Einfluss auf Kinder geht. Mein zehnjähriger Sohn besitzt übrigens noch kein Handy.
KI oder keine KI?
KI-begeistert. Ich arbeite viel damit, nutze sowohl «Claude» als auch «ChatGPT». Ich finde diese Entwicklung extrem spannend, gehe aber reflektiert und verantwortungsvoll damit um. Wir wissen noch nicht genau, was KI langfristig mit uns und unserer Arbeitswelt macht. Gleichzeitig möchte ich mich dem nicht verschliessen, sondern mich aktiv damit auseinandersetzen.
Aufbau eines Unternehmens
Jeannine Nicollier weiss, wovon sie spricht. Hat sie doch den Aufbau des Unternehmens vom Start-up bis hin zum etablierten Betrieb begleitet. Offiziell als Assistenz, in der Realität aber mit Aufgaben weit über die klassische Assistenzrolle hinaus. Denn bis heute ist sie vor allem eines geblieben: eine Anpackerin und Macherin. 2013 startet die damals 30-Jährige bei der CarbonActive Holding AG. Kennengelernt hat sie den Gründer und Geschäftsführer Marc André Montandon über einen gemeinsamen Freund. «Marc André war damals noch ein Einmannbetrieb, ein Tüftler, Visionär und Unternehmer.» Irgendwann habe er gemerkt, dass er jemanden an seiner Seite braucht, um weiterzukommen. «Das Schöne war, dass wir uns von Anfang an sehr gut verstanden haben. So bin ich eingestiegen.»
Die Anfänge hätten kaum typischer für ein Start-up sein können. Gearbeitet wurde in einer kleinen Zweizimmerwohnung. «Ich habe vieles übernommen, das ganze Office Management, den Kundenservice, und auch Marketingstrategien entwickelt. Wir waren ständig im Austausch, hatten unzählige Ideen und waren viel unterwegs.»
Gemeinsam fahren die beiden durch die Schweiz, besuchen Fachgeschäfte und präsentieren ihre Produkte an Messen. «Das war eine lässige Zeit. Wir waren jung, frei und haben vieles einfach ausprobiert.» Alles sei sehr unkompliziert und pragmatisch gewesen. «Einfach hands-on.» Mit der Zeit nimmt das Unternehmen Fahrt auf. Die CarbonActive Holding AG wächst kontinuierlich, die Büroräume werden grösser und das Team ebenfalls. Aus anfänglich zwei Mitarbeitenden werden in den stärksten Jahren rund 20.
Zum Wachstum trägt vor allem die Legalisierung von CBD im Jahr 2016 bei. Jeannine Nicollier und ihr Chef sind damals genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. «Wir sind voll in diesen Boom hineingeraten.» Auch privat verändert sich 2016 einiges für die engagierte Assistentin: Ihr Sohn kommt zur Welt. «Nach der Geburt reduzierte ich mein Pensum kurzfristig von 80 auf 40 Prozent, und später erhöhte ich wieder auf 60 Prozent.»
Bis heute arbeitet sie 60 Prozent, auch weil sie inzwischen alleinerziehend ist. Unterstützung erfährt sie dabei auch von ihrem Arbeitgeber. «Das Unternehmen war immer schon sehr familienfreundlich. Ich arbeite in der Regel 40 Prozent vor Ort und weitere 20 Prozent im Homeoffice. Zudem kann ich meinen Arbeitstag morgens oder abends flexibel anpassen, damit er mit den Schulzeiten meines Sohnes vereinbar ist.»
Wandel im Unternehmen
Auch ihr beruflicher Alltag hat sich in all den Jahren stark verändert. «Angefangen habe ich vor allem im Vertrieb, im Marketing und in der Werbung. Als wir grösser wurden, bin ich immer stärker in die Assistenz hineingewachsen und habe zusätzlich HR-Aufgaben übernommen.» Doch die Entwicklung des Unternehmens verläuft nicht nur nach oben. Nachdem der CBD-Markt zunächst stark gewachsen ist, zeigt sich ab 2019 eine Sättigung. 2020 verschärft die Pandemie die Situation zusätzlich. Die Folgen sind einschneidend. Aus rund zwanzig Mitarbeitenden werden innerhalb kurzer Zeit fünf. «Durch die Umstrukturierungen, das Wachstum, später die Verkleinerung und heute wieder das langsame Wachstum des Unternehmens musste ich mich laufend adaptieren.»
Trotz der personellen Verkleinerung gelingt es dem Unternehmen, die Coronazeit vergleichsweise gut zu überstehen. «Wir haben uns neu gesammelt und versucht, mit möglichst wenig durchzukommen.» Entscheidend sei damals auch ein Grossauftrag im Bereich Micro-greens gewesen. «Daran konnten wir über längere Zeit arbeiten, und das hat uns sehr geholfen.» Durch den Boom in Deutschland steht nun aber wieder Cannabis stärker im Zentrum.
Vielseitigkeit und Veränderungen
2023 zieht sich Marc André Montandon wieder stärker in die Produktentwicklung und das Tüfteln zurück und seine Schwester Renée Montandon übernimmt als CFO und COO die Geschäftsführung. Für Jeannine Nicollier bedeutet das einen Wechsel, der sich ganz selbstverständlich und nahtlos ergeben hat.
Heute unterstützt sie Renée als Assistenz vor allem bei strategischen Themen, und ist weiterhin stark in Marketing und Vertrieb involviert. «Was ich heute besonders geniesse, ist der direkte Kontakt mit Kundinnen und Kunden sowie Lieferantinnen und Lieferanten. Dabei wurde mir bewusst, dass mir der Austausch mit Menschen, das genaue Zuhören und das Erkennen ihrer Bedürfnisse schon immer wichtig war. Andere zu unterstützen und ihnen den Rücken freizuhalten, erfüllt mich bis heute.»
Jeannine Nicollier schätzt vor allem die Vielseitigkeit ihrer Arbeit und die Möglichkeit, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Im vergangenen Jahr hat sie zudem die Weiterbildung zur Direktionsassistentin abgeschlossen. «Meine Motivation war, dass ich nach all den Jahren im Beruf die Grundlagen einmal systematisch erarbeiten möchte. Ich wollte meine langjährige Erfahrung aus der Praxis mit fundiertem Fachwissen verbinden und meine Rolle als Assistenz noch bewusster und professioneller ausfüllen.»
Besonders wichtig ist ihr dabei das Rollenverständnis der Assistenz. «Executive Assistants sollten viel stärker als Sparringspartnerinnen wahrgenommen werden. Durch ihr breites und zugleich vertieftes Wissen über das Unternehmen, dessen Abläufe und die Menschen darin, steckt in ihnen unglaublich viel Potenzial. Wenn man ihnen Vertrauen schenkt und sie einbezieht, können Unternehmen enorm davon profitieren.»
Neues auszuprobieren, gehört für Jeannine Nicollier auch im Arbeitsalltag bei der CarbonActive Holding AG ganz selbstverständlich dazu. «Was bei uns besonders lässig ist: Wir dürfen mit allem arbeiten, was uns weiterbringt, gerade auch im Bereich KI.» Gleichzeitig entwickelt das Unternehmen eigene Anwendungen. «Dazu gehört beispielsweise ein Marktplatz, über den Cannabisprodukte gehandelt werden können.»
Doch nicht nur die Innovationsfreude begeistert Nicollier. Mindestens ebenso wichtig ist ihr die Unternehmenskultur. «Wir begegnen uns auf Augenhöhe und sind wirklich ein gutes Team.» Dass sie in Entscheidungen und Projekte einbezogen wird und ihre Ideen einbringen kann, schätzt sie besonders. Diese enge Zusammenarbeit prägt auch das heutige Team, das heute wieder aus sieben Personen besteht.
Mit Blick auf die Zukunft zeigt sich Nicollier entsprechend optimistisch. «Marc André ist nach wie vor der Visionär und Renée der Zahlenmensch. Genau diese Kombination funktioniert sehr gut und erweist sich auch als zukunftsweisend.»
Familienleben und Freizeit
Für Jeannine Nicollier sind ihre Familie, die Freunde, das Mami-Sein sowie die Arbeit ihre grössten Leidenschaften. «Ich verbringe gerne Zeit mit Menschen, die mir nahestehen, und geniesse mein Leben sehr bewusst.» Einen besonderen Platz nimmt dabei ihr Sohn ein. «Wir unternehmen viel zusammen. Diese gemeinsame Zeit ist für mich sehr wertvoll.»
Foto: Aniela Lea Schafroth
Jeannine Nicollier
Jeannine Nicollier kommt 1983 zur Welt und wächst im Säuliamt auf. Von 1999 bis 2002 absolviert sie die Ausbildung zur Detailhandelskauffrau bei der Modissa AG in Zürich. Nach der Lehre folgen diverse Sprachaufenthalte in England, den USA und in Verbier sowie ein halbjähriger Aufenthalt in Finnland. Danach arbeitet sie zunächst als Detailhandelskauffrau weiter. 2006 wechselt sie zur Detail AG in Zürich an den Empfang sowie 2008 als Marketingfachfrau zur Naef GROUP in Freienbach. Während dieser Tätigkeit absolviert sie 2010 am SAWI eine Ausbildung im Bereich Marketing-Management.
2013 wechselt sie zur CarbonActive Holding AG in Steinhausen und ist ab dann Assistentin der Geschäftsleitung, Office-Managerin und Social Media Marketing Managerin. Dort ist sie bis heute tätig. Von 2024 bis 2025 absolviert sie zudem erfolgreich die Ausbildung zur Eidg. Dipl. Executive Assistant bei «eFachausweis». Nicollier wohnt mit ihrer besten Freundin in einer WG in Bremgarten und ist alleinerziehende Mutter eines zehnjährigen Sohnes.