Assistants' Day 2026

Damit gewinnen Sie im KI-Zeitalter

Sie gilt als kritische Tech-Enthusiastin und plädiert dennoch konsequent für «Mensch first». Warum Künstliche Intelligenz Routinen übernehmen sollte, wir Menschen jedoch die Verantwortung behalten müssen, und wie sich der aktuelle KI Hype sinnvoll nutzen lässt, erklärt Anitra Eggler im Gespräch. 

Sie bezeichnen sich selbst als kritische Tech-Enthusiastin. Wie gelingt es Ihnen, sich für neue Technologien zu begeistern und gleichzeitig deren Risiken nicht aus dem Blick zu verlieren? 

Anitra Eggler: Ich liebe Technologie. Gerade deshalb misstraue ich ihr, denn Begeisterung ohne Kritik ist Fanclub, und Kritik ohne Begeisterung Fortschrittsverweigerung. Ich bevorzuge die digitale Mitte. Seit fast 30 Jahren begleite ich die Digitalisierung, und schon lange vor dem Digital-Detox-Hype habe ich über Informationsüberflutung, Handysucht und digitalen Stress geschrieben. Nie gegen Digitalisierung, sondern gegen ihre Nebenwirkungen. Mit KI ist es genauso. Ich glaube weder an Untergangsszenarien noch an das Silicon-Valley-Märchen, dass neue Technologie die Welt automatisch besser macht. Mich interessiert nicht, was KI irgendwann kann. Mich interessiert, was sie heute mit uns macht.

Wie hat sich unser Umgang mit Informationen in den letzten zehn Jahren verändert? Hat KI das Informationsproblem verschärft oder kann sie helfen, es zu lösen? 

Vor zehn Jahren hatten wir ein Informationsproblem. Heute haben wir ein Aufmerksamkeitsproblem. KI macht daraus ein Urteilskraftproblem. Wir sind informationsüberernährt. Mails, Chats, Reels und KI-Zusammenfassungen kämpfen um unseren Fokus. Gleichzeitig produziert KI schneller Inhalte, als wir sie prüfen können. Aus Informationsflut wird ein KI-Tsunami. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Wo finde ich Informationen? Sondern: Welche verdienen meine Aufmerksamkeit? Wenn wir der KI Entwürfe, Zusammenfassungen oder gleich das Denken überlassen, droht Brain Melt: Klimawandel im Kopf. Schleichend werden Geduld, Konzentration und Urteilskraft leiser.

Ist es so, dass es uns effektiv schwerer fällt, uns zu konzentrieren?

Ja, weil wir unser Gehirn jahrelang auf Unterbrechung trainiert haben. Smartphones, Social Media und jetzt KI belohnen Geschwindigkeit. Unser Gehirn lernt das, was wir täglich üben. Wer permanent zwischen Tabs, Chats und Tools springt, trainiert keinen Fokus, sondern Fragmentierung. Die gute Nachricht: Das lässt sich umkehren. Genau deshalb spreche ich von Screen-Life-Balance. Fokus ist keine Charaktereigenschaft. Fokus ist Trainingssache.

Wir erleben derzeit einen enormen KI-Hype. Wo sehen Sie echte Chancen und wo bloss gut vermarktete Versprechen? Das bestvermarktete Versprechen? 

KI macht uns produktiver. Das stimmt, nur leider die Falschen zuerst. Ich nenne das den KI-Mittelmass-Turbo. Menschen mit durchschnittlicher Kompetenz produzieren plötzlich mehr und klingen besser. Perfekte Formulierungen treffen auf fehlende Urteilskraft: Inkompetenz im KI-Tarnumhang. Wer das eigene Fach beherrscht, erkennt Halluzinationen, Halbwissen und wohlklingendes Mittelmass. Er oder sie prüft, korrigiert, verwirft – und wird zunächst langsamer. Gleichzeitig wächst der digitale Lärm: mehr E-Mails, mehr Präsentationen, mehr KI-Müll. Er frisst unsere wertvollste Ressource: Aufmerksamkeit. Deshalb überrascht es mich nicht, dass aktuell fast neun von zehn Unternehmen trotz KI keine messbaren Produktivitätsgewinne sehen. 

KI beschleunigt vor allem das digitale Hamsterrad. Die Chance liegt im Anhalten. KI zeigt schonungslos, was längst nicht funktioniert: Mailflut, Meeting-Overload, Dauerablenkung und Busy Work. Wer KI draufklebt, automatisiert Überforderung. Wir müssen Produktivität neu definieren: weniger Output, mehr Qualität. Weniger Tempo, mehr Fokus. Weniger Inhalte, bessere Entscheidungen. Vielleicht liegt darin die grösste Chance der KI: Sie erinnert uns daran, was Menschen unverzichtbar macht.

Sie sprechen von «Mensch first». Was bedeutet das konkret für Menschen, die täglich organisieren, koordinieren und kommunizieren? 

«Mensch first» heisst: Wir investieren Milliarden in KI-Upgrades, obwohl das Betriebssystem Mensch das dringendere Update braucht. KI trifft auf Menschen, die schon mit Dauerablenkung, Informationsstress und permanenter Erreichbarkeit kämpfen. Deshalb beginnt KI-Kompetenz nicht mit Prompting, sondern mit Selbstführung. Assistenzen sitzen im Nervensystem eines Unternehmens. Sie müssen priorisieren, konzentriert arbeiten, Informationen einordnen und widersprechen können, wenn etwas keine gute Idee ist, sonst macht KI ein überfordertes System nur schneller. 

Eine KI erkennt, dass ein Termin verschoben werden muss. Eine gute Assistenz erkennt, dass der Mensch dahinter erschöpft ist, ein Konflikt schwelt oder heute der falsche Moment für Druck ist. Kontext, Intuition und Mitgefühl stehen in keiner Datenbank. Der Beruf wird anspruchsvoller: weniger Klickarbeit, mehr Denk- und Beziehungsarbeit. Je mehr Routinen KI übernimmt, desto wichtiger werden Menschen, die Orientierung geben, Vertrauen schaffen und auch sagen: «Nein. Das ist keine gute Idee.» Das ist «Mensch first»: Menschlichkeit wird vom Soft Skill zum Wettbewerbsvorteil. 

Sie arbeiten täglich mit KI-Tools. Welches hat Sie zuletzt wirklich überrascht – positiv oder negativ? 

NotebookLM von Google hat mich zuletzt positiv überrascht. Ich habe damit die Aufzeichnungen meines Mensch-first-KI-Bootcamps verarbeitet: jeweils rund zwei Stunden Video, meine Folien und das Transkript. Daraus hat die KI in wenigen Minuten einen rund 20-minütigen Podcast erstellt – gesprochen von zwei KI-Radiostimmen, die meine Inhalte analysieren, einordnen und lebendig diskutieren. Und zwar so gut, dass viele Menschen sie im Radio vermutlich nicht als KI erkennen würden. Die beiden verdichten das Material nicht einfach, sie machen daraus ein journalistisch aufgebautes Gespräch, das informativ, unterhaltsam und erstaunlich hörenswert ist.

Wenn Sie einer Assistenz nur einen einzigen Rat für das KI-Zeitalter geben dürften: Welcher wäre das? 

Werden Sie nicht schneller, damit gewinnen Sie nicht gegen Maschinen. Werden Sie unersetzlich. Damit gewinnen Sie im KI-Zeitalter – als Mensch.

Zum Abschluss: Wenn KI ein Kollege wäre, was für ein Typ wäre das? 

KI wäre der Kollege, der schon vor dem ersten Kaffee 500 Ideen präsentiert, jede Excel-Datei in Sekunden analysiert und auf jede Frage sofort eine Antwort hat, selbst dann, wenn sie komplett erfunden ist. Er ist brillant, schnell und kennt keine Müdigkeit. Gleichzeitig braucht er permanente Führung, denn Selbstzweifel gehören nicht zu seinen Stärken. KI ist deshalb der perfekte Sparringspartner, aber ein miserabler Chef. Wer sie klug führt, wird produktiver. Wer ihr blind vertraut, hat zwar Tempo, aber noch lange keine Richtung. 

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Christine Bachmann ist die Chefredaktorin von Miss Moneypenny.

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