Assistants' Day 2026

«Es braucht echte digitale Pausen»

Die Erkenntnis, dass unser Gehirn ein Leben lang formbar bleibt, fasziniert Neurowissenschaftlerin Dr. Barbara Studer seit jeher. Im Gespräch erklärt sie, was Neuroplastizität für unser Denken bedeutet, welche Chancen und Risiken Künstliche Intelligenz für unsere kognitiven Fähigkeiten birgt und worauf es für eine nachhaltige Gehirngesundheit ankommt.

Nehmen wir den Worst Case einer Journalistin: Was mache ich, wenn mir jetzt genau in diesem Moment keine Frage einfällt? 

Barbara Studer: Nicht versuchen, sofort eine perfekte Frage zu erzwingen, sondern am besten den Druck rausnehmen. Einen Moment Stille zulassen, sich sammeln, bewusst atmen, summen und entspannen. Dadurch werden auch die neuronalen Prozesse ruhiger und klarer und diese Lockerheit hilft mehr als jeder forcierte Gedanke.

Das hilft doch schon mal (lacht). Sie beschäftigen sich als Neurowissenschaftlerin seit Jahren mit dem menschlichen Gehirn. Was fasziniert Sie nach wie vor am meisten daran? 

Die Veränderbarkeit. Dass das Gehirn ein Leben lang formbar bleibt und sich ständig weiterentwickeln kann. Selbst bei Erkrankungen oder neurodegenerativen Prozessen gibt es weiterhin Lern- und Anpassungsmöglichkeiten. So kann das Gehirn dank seiner Neuroplastizität Funktionen teilweise wiederherstellen, oder andere Areale übernehmen Aufgaben neu. Bei Menschen mit Sehverlust etwa übernehmen Hirnregionen, die ursprünglich für das Sehen zuständig waren, andere Funktionen, etwa im Bereich Hören oder Tastsinn. Das ist eine sehr hoffnungsvolle Erkenntnis.

Was bedeutet das auch für Menschen, die täglich mit neuen Tools und Technologien konfrontiert sind? Ist das für das Gehirn gewissermassen positiv, weil es sich ständig adaptieren muss? 

Veränderung ist grundsätzlich Training für das Gehirn. In diesem Sinn kann man sagen: Lernen ist etwas, wofür wir gut ausgerüstet sind. Wobei Lust auf Veränderung ja nicht der Normalzustand ist. Häufig wird sie als anstrengend erlebt. Das bedeutet: Was uns gut tut, ist nicht immer das, was sich angenehm anfühlt. Neue Anforderungen erzeugen oft erst Widerstand. Gerade bei technologischen Umstellungen hilft diese Einordnung. Sie ermöglicht, mit Unsicherheit anders umzugehen und nicht vorschnell in Ablehnung zu gehen.

Was beobachten Sie aktuell im Zusammenhang mit KI und digitaler Transformation? Ist das eine weitere Stufe von Veränderung oder ein grundlegender Einschnitt? 

Letzteres, denn wenn wir kognitive Aufgaben abgeben, verändert sich auch, was wir selbst noch aktiv üben. Ein einfaches Beispiel ist die Navigation: Seit GPS müssen wir uns räumlich weniger orientieren. Ähnlich ist es beim Schreiben, bei der Ideenfindung oder sogar beim Problemlösen im Alltag. Künstliche Intelligenz übernimmt inzwischen sehr unterschiedliche Aufgaben: Texte, kreative Vorschläge, Kommunikation, Recherche, sogar Teile des Entscheidens. Dadurch verschiebt sich die Frage nicht mehr nur nach Effizienz, sondern nach kognitiver Beteiligung. Das ist eine neue Dimension der Veränderung. Entscheidend ist weniger die Technologie selbst, sondern wie bewusst wir damit umgehen. Was gebe ich ab, und was möchte ich aktiv behalten, weil es mein Denken stärkt, weil ich dabei lerne oder einfach, weil es mich glücklich macht.

Inwiefern besteht die Gefahr, dass wir durch KI bestimmte kognitive Kompetenzen verlernen, und was kann man dagegen tun? 

Alles, was wir nicht mehr trainieren, wird schwächer; das gilt auch für kognitive Fähigkeiten. Die Lernfähigkeit orientiert sich an dem, was wir tatsächlich nutzen. In der Hirnforschung ist dieser Mechanismus gut belegt, denn Neuroplastizität ist in diesem Sinn ambivalent: Sie ist hoffnungsvoll, weil das Gehirn lernfähig bleibt. Sie ist aber auch konsequent, indem gewisse Strukturen abnehmen können, wenn wir Denkprozesse auslagern. Das bedeutet nicht, dass man KI verteufeln sollte: Sie wird bleiben und sie ist in vielen Bereichen sinnvoll. Entscheidend ist der Umgang damit. Wenn wir Aufgaben abgeben, entsteht gleichzeitig Raum. Die zentrale Frage ist, wofür wir diesen nutzen. Problematisch wird es dort, wo alles abgegeben wird und kaum noch eigene mentale Anstrengung stattfindet. Denn genau diese Anstrengung, das Nachdenken, Tüfteln, Dranbleiben, Strukturieren, bleibt zentral für die geistige Leistungsfähigkeit. 

Ein sinnvoller Umgang kann deshalb darin bestehen, bewusst zu entscheiden: Welche Schritte mache ich selbst, bevor ich ein Tool nutze. Zum Beispiel zuerst eine Idee entwickeln, einen Text skizzieren oder ein Problem eigenständig durchdenken und erst danach die KI als Ergänzung und Erweiterung der eigenen Sichtweise einsetzen. Es geht nicht um Verzicht, sondern um eine klare Reihenfolge und um bewusste mentale Anstrengung und Eigenleistung. Die KI wird somit zu einer Art Assistenz oder Sparringspartner, nicht zu einem Denkersatz.

Viele Assistenzen arbeiten gleichzeitig mit E-Mails, Chats, Meeting- und KI-Tools.  Was macht diese permanente Reizüberflutung mit dem Gehirn? 

Dauerhafte Erreichbarkeit ist ein zentraler Stressfaktor. Wenn das Gehirn permanent im Reaktionsmodus bleibt, fehlt die Möglichkeit, Informationen zu sortieren und zu verarbeiten. Das führt langfristig zu Ermüdung und sinkender Konzentrationsfähigkeit. Entscheidend ist deshalb die Qualität von Pausen. Es braucht echte digitale Pausen. Das gelingt gut durch Kontraste wie ein kurzer Spaziergang, Musik oder bewusstes Nichtstun. Auch Multitasking spielt eine zentrale Rolle. Das parallele Bearbeiten vieler Aufgaben erhöht den Stress deutlich, auch wenn es oft als Effizienz verstanden wird. Das Gehirn arbeitet dabei nicht gleichzeitig, sondern springt ständig zwischen Aufgaben hin und her. Das kostet Energie und reduziert Präzision. Ein hilfreicher Ansatz ist daher, Aufgaben stärker nacheinander zu bearbeiten und Reizketten bewusst mit achtsamen Pausen, zum Beispiel Musik oder Bewegung, zu unterbrechen.

Im Kontext von Digitalisierung und Technologie wird viel über Effizienz gesprochen. Was wird aus Ihrer Sicht im Umgang mit dem Menschen in Unternehmen am meisten unterschätzt? 

Vor allem das Zwischenmenschliche. Viele Prozesse lassen sich technisch sehr effizient abbilden. Was dabei jedoch verloren geht, ist die direkte Interaktion zwischen Menschen. Diese Form der Begegnung wird oft unterschätzt, ebenso ihre Wirkung. Im persönlichen Austausch entsteht etwas, das keine Technologie ersetzen kann. Wenn Menschen miteinander sprechen und zusammenarbeiten, kommt es zu einer Art Resonanz. Dabei lassen sich sogar Synchronisierungen von Herzrhythmus und Gehirnaktivität messen – das ist ein stark verbindender Effekt. Wenn dieser Raum wegfällt, verliert ein Unternehmen nicht nur Kommunikation, sondern auch einen Teil der erlebten Sicherheit und Sinnhaftigkeit durch Verbundenheit. 

Oft wird unterschätzt, wie das auch die Arbeitszufriedenheit erhöht. Hinzu kommt die emotionale Dimension von Entscheidungen. Künstliche Intelligenz kann Informationen sehr gut verknüpfen und zu rational plausiblen Ergebnissen kommen. Menschen hingegen bewerten zusätzlich, ob sich eine Entscheidung stimmig anfühlt, ob sie zu Werten und zur Kultur passt oder ob etwas innerlich widersprüchlich ist. Dieses Fühlen ist kein Nebenaspekt, sondern ein zentraler Teil von Urteilskraft. 

Wenn Sie den Assistenzen einen Grundsatz für Ihre Hirngesundheit mitgeben müssten, was wäre das? 

Zunächst, dass sie eine enorme kognitive Leistungsfähigkeit besitzen. Diese gilt es bewusst zu schützen. Nicht im Sinne von Zurückhaltung, sondern im Sinne von Selbststeuerung. Im Umgang mit Medien und KI bedeutet das vor allem eines: nicht einfach konsumieren und delegieren aus Gewohnheit, sondern bewusst entscheiden. Das Gehirn profitiert, wenn wir weniger passiv Medien konsumieren, dafür mehr aktiv und kreativ gestalten und multisensorisch erleben. So ist auch Musik pure Hirnstärkung. Ebenso zentral ist die Regeneration. Mentale Leistungsfähigkeit ist nicht konstant verfügbar, sie braucht Erholung. Pausen sind kein optionales Element, sondern Teil von mentaler Fitness und Gesundheit. Besonders wirksam sind dabei echte Unterbrüche ohne digitale Reize. Diese sollten nicht am Ende eines Arbeitstages «übrig bleiben», sondern bewusst eingeplant und priorisiert werden: Bewegung, eine Runde im Wald, gemeinsam singen, am Abend tanzen.

Kommentieren 0 Kommentare

Christine Bachmann ist die Chefredaktorin von Miss Moneypenny.

Weitere Artikel von Christine Bachmann
Anmelden um einen Kommentar abzugeben.

KOMMENTARE

Kommentar hinzufügen

Das könnte Sie auch interessieren