Interview mit Katharina Mückstein

«Es geht sehr stark darum, zuzuhören und von anderen lernen zu dürfen»

Seit dem 23. November ist in den Schweizer Kinos der Dokumentationsfilm «Feminism WTF» zu sehen. Im Interview mit Miss Moneypenny erklärt Regisseurin Katharina Mückstein, was Feminismus für sie bedeutet und und wieso das Thema auch Männer betrifft. 

Was hat Sie an dem Thema gereizt, sodass Sie das Gefühl hatten: «Diesen Film muss ich machen»?

Vor dem Filmstudium habe ich Gender Studies und Philosophie studiert. Die Auseinandersetzung mit feministischen Themen ist mir immer geblieben und ich habe mich in der Filmbranche sehr stark politisch für Geschlechtergerechtigkeit engagiert. Meine Co-Autorin und ich haben uns oft darüber geärgert, dass feministische Themen in den Medien meist ohne Expertise besprochen werden. So, als ob eine Meinung ausreichen würde. Darum wollten wir einen Film machen, der zeigt, dass der Feminismus eine höchst ausdifferenzierte Denkschule ist, der viele Facetten hat, manchmal widersprüchlich ist, aber immer in die Zukunft blickt.

Welche Aspekte des Feminismus waren Ihnen persönlich besonders wichtig in den Film aufzunehmen?

Der Feminismus, der in «Feminism WTF» im Fokus steht, ist intersektional. Das bedeutet, es geht nicht nur um Geschlecht als Unterdrückungskategorie, sondern auch um andere Formen der Unterdrückung und Ausgrenzung, die zusammenspielen. Es war uns also besonders wichtig, zu zeigen, dass Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat Machtkonzepte sind, die einander brauchen, um zu existieren. Man kann sie also auch nur zusammen bekämpfen und das ist sehr wichtig zu verstehen.

Hat sich Ihre Sichtweise auf das Thema Feminismus während des Drehprozesses geändert?

Für mich hat sich vor allem mein praktischer Zugang verändert. Ich habe in der Zusammenarbeit mit den Expertinnen und Experten gelernt, dass feministische Praxis bedeutet, immer fragend und zweifelnd zu bleiben. Es geht also nicht nur darum, eine feste Meinung zu haben und diese lautstark auszudrücken, sondern auch sehr stark darum, zuzuhören und von anderen lernen zu dürfen. Mein Feminismus ist dadurch noch viel radikaler geworden!

Welche sind Ihrer Meinung nach die grössten Herausforderungen für eine gleichberechtigte Gesellschaft? Inwieweit spielt da das Image des Feminismus eine Rolle?

Die grösste Herausforderung für jede Form von sozialer Gerechtigkeit ist ganz klar der unkontrollierte Kapitalismus. Wenn wir überleben wollen und wenn wir mehr Gerechtigkeit wollen, müssen wir an einen Punkt kommen, an dem die Fürsorge für den Planeten und unsere Mitmenschen und uns selbst über allem anderen steht. Der Feminismus hält dafür eine Menge guter Konzepte und Lösungsansätze bereit. Darum wäre es gut, endlich mal Feministinnen zuzuhören und zum Beispiel den Film anzusehen!

Feministinnen werden schlechtgeredet, seit sie zum ersten Mal den Mund aufgemacht haben. Das soll ja bezwecken, dass sie leise bleiben. So lange das so ist, zeigt uns das ja nur, dass man kämpfen muss. Feminismus bedeutet im Grunde: die Überzeugung, dass alle Menschen – egal welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe, welcher sexuellen Orientierung usw. – die gleichen Rechte und Chancen haben sollen. Wer damit ein Problem hat, hat in meinen Augen ein Problem. 

Weshalb haben, laut Ihrem Film, männliche Personen oft das Gefühl, Feminismus betrifft sie nicht und ist kein Thema, das etwas mit ihnen zu tun hat?

Wie der Experte Christoph May im Film sagt: Männer profitieren – zumindest auf den ersten Blick – von der Schlechterstellung der anderen. Sie verdienen mehr, sie haben mehr Macht, sie müssen sich kaum hinterfragen. Frauen machen neben der Lohnarbeit fast die ganze unbezahlte Arbeit, also Hausarbeit, Pflegearbeit und emotionale Fürsorgearbeit. 

Es ist natürlich unangenehm, sich diese Privilegien bewusst zu machen, denn in der Konsequenz müssten Männer umdenken und sich für Gerechtigkeit einsetzen. Es ist erschütternd, wie wenig sich Männer allgemein für soziale Gerechtigkeit engagieren und hier entsteht aktuell auch eine grosse Kluft: junge Frauen und queere Personen sind die Triebkraft von sozialem Wandel. Sie sind Aktivistinnen und Aktivisten und arbeiten an Veränderung für sich und für andere. Viele Frauen und queere Personen klagen darüber, dass Männer hier viel zu wenig beitragen. 

Ich setze grosse Hoffnung in jüngere Generationen und dass angesichts der Klimakrise mehr Männer feministische Konzepte lernen und praktizieren.

Wieso «lohnt» es sich scheinbar nicht mehr, vor allem für Frauen, in der klassischen Zwei-Geschlechter-Ordnung zu bleiben?

Die Biologin Sigrid Schmitz sagt im Film: Wir sind nicht nur Mann und Frau, wir sind ganz viel. Die Idee, dass es zwei ganz klar voneinander abzugrenzende Geschlechter gibt – Mann oder Frau – ist wissenschaftlich überholt. Dennoch gibt es grossen Druck, sich den Idealvorstellungen von Mann und Frau anzupassen, denn diese Zweiteilung ist die Rechtfertigung für ein System, das Frauen und ihre Arbeitskraft und ihre Körper ausbeutet, während Männer davon profitieren sollen. Denn an der Zweiteilung hängt auch die Idee, dass Frauen aufgrund von Biologie friedfertig, fürsorglich, schwach, treu, etwas dümmer und Männer ehrgeizig, aggressiv, stark, sexuell aktiv und sehr intelligent sind. 

Das alles ist natürlich kompletter Blödsinn, aber viele Menschen glauben leider immer noch daran. Über diese Glaubenssätze wird alles Mögliche erklärt, z.B. dass Frauen sich besser um Kinder kümmern können, dass Männer gewalttätig sind, dass Jungs nicht wissen, wie man eine Waschmaschine bedient. Letztlich geht es dabei nur darum, dass die Besserstellung von Männern bleiben soll.

Viele von uns würden bei genauer Überlegung feststellen, dass sie sich sehr viel abmühen und ständig anpassen müssen, um den gängigen Geschlechternormen zu entsprechen, weil ihnen diese Normen einfach nicht entsprechen.

Was würden Sie sich wünschen, das die Menschen über Feminismus wissen?

Oft bedeutet Feminismus: Klappe halten und zuhören. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen sich schlau machen und bereit wären, von Leuten, die anders sind als sie selbst, etwas zu lernen. Das wäre nämlich die Basis für Zusammenhalt und Solidarität und könnte uns davor bewahren, dass patriarchale und rassistische Politik die Oberhand gewinnt.

Im Film fragen Sie die Expertinnen und Experten, wo die Gesellschaft in 100 Jahren stehen wird. Wenn Sie eine Prognose im Bereich Gleichberechtigung geben müssten: Wo bewegen wir uns als Gesellschaft im deutschsprachigen Raum künftig hin?

Ich glaube, diese Frage kann man gar nicht auf den deutschsprachigen Raum beschränkt beantworten. Denn was uns die Klimakrise zeigen sollte, ist, dass wir global miteinander verbunden sind – ob wir es wollen oder nicht. Wenn die Klimakrise so voranschreitet, wird das dazu führen, dass soziale Ungleichheit noch grösser wird und dass wir immer mehr Krisen erleben werden. 

Ich glaube, die Gleichberechtigung in Bezug auf Geschlecht kann sich nicht verbessern, wenn diese Gesamtsituation immer schlechter wird. Wo wir in 100 Jahren stehen, wird sehr stark davon abhängen, ob sich die reichen Länder der Welt dazu durchgerungen haben, das Leben aller vor den eigenen Profit zu stellen. 

 

Über den Film «Feminism WTF»

 

Die mehrfach ausgezeichnete österreichische Regisseurin Katharina Mückstein geht in ihrem neusten Dokumentarfilm der Feminismusbewegung in ihren unterschiedlichsten Facetten nach und stellt pointiert die Frage: Müssen die Frauen wieder einmal die Welt retten?

Der Feminismus gilt als die erfolgreichste soziale Bewegung des zwanzigsten Jahrhunderts und dennoch wird seine Berechtigung ständig infrage gestellt. Wie sähe tatsächliche Gleichstellung aus, wohin entwickeln sich unsere Gesellschaft und warum regt uns die Diskussion über Geschlechterverhältnisse eigentlich so schrecklich auf?

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