Was Assistenzen über die Unternehmenskultur wissen
Wenn Unternehmen ihre Kultur verstehen wollen, setzen sie auf Mitarbeiterbefragungen, Workshops oder Führungs-Feedbacks. Das ist sinnvoll, denn Kultur entsteht aus den Erfahrungen der Mitarbeitenden. Sie zeigt sich darin, wie Entscheidungen getroffen und ob Menschen gehört werden.
Wer kennt die Führungskultur eines Unternehmens wirklich? Die Geschäftsleitung? Das HR? Externe Beraterinnen oder Berater wie ich? Vor Kurzem wurde mir wieder bewusst, wie wertvoll die Perspektive von Executive Assistants für das Verständnis von Führung und Unternehmenskultur sein kann.
Während eines internationalen Projekts rund um eine Mitarbeiterbefragung, Workshops und die Weiterentwicklung der Führungskultur arbeitete ich eng mit einer Executive Assistant zusammen. Immer wieder machte sie auf Themen aufmerksam, die später auch in den Daten sichtbar wurden: fehlendes Vertrauen zwischen Teams, unterschiedliche Sichtweisen auf dieselben Herausforderungen und mangelnde Abstimmung zwischen wichtigen Stakeholdern. Obwohl sie selbst noch relativ neu im Unternehmen war, fiel ihr auf, dass sich verschiedene Geschäftsbereiche nicht als Teil derselben Organisation verstanden, und erkannte Widerstände, die andere zunächst unterschätzten.
Im Gespräch beschrieb sie Unternehmen nicht mit Organigrammen oder Reporting-Linien, sondern als Organismen. Als Systeme von Beziehungen, Vertrauen und Zusammenarbeit. Ihre Aufgabe in ihrer langjährigen Tätigkeit als Executive Assistant in verschiedenen Organisationen hatte sie stets auch darin verstanden, diesen Organismus ein Stück gesünder und leistungsfähiger zu machen.
Mich hat das nicht nur beeindruckt, sondern auch an etwas erinnert, das wir in Mitarbeiterbefragungen immer wieder beobachten: Probleme zeigen sich selten zuerst in den Zahlen. Sie werden häufig bereits vorher sichtbar, etwa in fehlendem Vertrauen, Missverständnissen oder mangelnder Zusammenarbeit zwischen Teams.
Kultur zeigt sich nicht im Leitbild
Mitarbeitende erinnern sich selten an einen Satz auf der Karrierewebseite. Sie erinnern sich daran, wie ihre Führungskraft reagiert hat, als ein Fehler passiert ist. Ob ihre Meinung gehört wurde. Ob Entscheidungen nachvollziehbar erklärt wurden. Ob ihnen in schwierigen Situationen Vertrauen entgegengebracht wurde.
Aus diesen vielen kleinen Erlebnissen entsteht Vertrauen. Oder Unsicherheit. Genau diese Momente nehmen Executive Assistants oft besonders deutlich wahr.
Was gute Führung auszeichnet
Im Gespräch mit besagter Executive Assistant fiel ein Gedanke immer wieder auf: Menschen wollen beitragen. Die meisten Mitarbeitenden möchten Verantwortung übernehmen, Ideen einbringen und einen Unterschied machen. Frustration entsteht oft nicht durch zu viel Arbeit, sondern dadurch, dass Menschen das Gefühl haben, nicht gehört zu werden oder keinen Einfluss auf das zu haben, was sie täglich tun.
Eine Aussage aus dem Gespräch ist mir besonders geblieben: «Ihr habt diese Menschen eingestellt, weil sie gut in dem sind, was sie tun. Lasst sie nun auch ihren Beitrag leisten!» Gute Führung bedeutet sicher nicht, alle zufriedenzustellen. Gute Führung bedeutet, klare Ziele zu verfolgen und gleichzeitig Menschen mitzunehmen.
Eine Frage, die sich lohnt
Vielleicht sollten Führungskräfte deshalb ihren Executive Assistants häufiger diese einfache Frage stellen: «Was nimmst du eigentlich wahr?» Unternehmenskultur zeigt sich selten in den grossen Ankündigungen, sie entsteht in den täglichen Interaktionen zwischen Menschen. Genau dort, wo Executive Assistants einen einzigartigen Einblick haben.
Und vielleicht liegt gerade darin eine der am meisten unterschätzten Quellen für gezielte Kulturentwicklung: in den Menschen, die Organisationen jeden Tag aus nächster Nähe beobachten.