Interview: Henry Hildebrandt

Wie man richtig lernt

Henry Hildebrandt gibt über Social Media Lern- und Gehirntipps. Im Gespräch mit Miss Moneypenny erklärt er, wie man konzentriert lernen kann und weshalb es Lerntypen eigentlich gar nicht gibt. 

Die meisten Menschen wissen nicht, wie man richtig lernt. Woran liegt das? 

Henry Hildebrandt: Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste hängt stark mit unserem Schulsystem zusammen. Denn den ersten Berührungspunkt bezüglich Lernen haben wir in der Schule. Dort wird aber selten vermittelt, wie Lernen eigentlich funktioniert. Der zweite Grund ist die intrinsische Motivation: Gute Lernende zeichnet aus, dass sie selbst den Wunsch haben, diese Fähigkeit zu verbessern.

Was halten Sie vom Konzept der Lerntypen, also visuell, auditiv und so weiter? 

Die Idee von Lerntypen ist ein Mythos. Studien zeigen sogar, dass sie eher hinderlich sind, weil sie uns dazu verleiten, uns auf einen einzigen Kanal zu konzentrieren. Die Neurowissenschaft weiss: Je variabler die Medien sind, über die wir Wissen aufnehmen, desto mehr Sinne sprechen wir an und desto besser können wir uns die Informationen merken.

Wie sollte man als Assistenz an eine Weiterbildung herangehen, wenn einem Lernen schon immer schwergefallen ist? 

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen aktivem und passivem Lernen. 99 Prozent der Menschen lernen passiv: Sie lesen Informationen, lesen sie nochmals, fassen sie zusammen und lesen die Zusammenfassung erneut. Man denkt, je häufiger man etwas sieht, desto besser bleibt es hängen, tatsächlich passiert das Gegenteil. Der sogenannte «Mere-Exposure-Effekt» sorgt dafür, dass unser Gehirn nicht mehr unterscheiden kann zwischen «Ich kenne das» und «Ich habe es wirklich gelernt». Deshalb glauben wir oft, etwas zu wissen, das wir jedoch Stunden später schon wieder vergessen haben. 

Hilfreich ist aktives Abrufen: Man muss dem Gehirn eine Lücke aufzeigen zwischen dem, was man weiss, und dem, was man wissen sollte. Klassische Karteikarten oder abgewandelte Mindmaps, bei denen man Inhalte aus dem Gedächtnis reproduziert, funktionieren dafür sehr gut. Es gibt noch viele weitere Techniken, die in diese Kategorie des aktiven Lernens fallen. Grundsätzlich lohnt es sich also, zuerst eine Lernstrategie zu entwickeln, die auf aktivem Abrufen statt auf reinem Wiederholen beruht.

Genau um solche Strategien geht es auch in Ihrem Buch «Brainhacks». 

Genau, ein Kapitel widmet sich dem Lernen. Weitere Kapitel behandeln Produktivität, Ernährung, Schlaf und mehr. Lernen ist nämlich etwas Holistisches: Es geht nicht nur um den Moment am Schreibtisch, sondern auch darum, wie ich schlafe, wie ich meinen Tag organisiere und wie meine Stimmung ist. All das beeinflusst nachweislich die Informationsaufnahme.

Sie schreiben auch, dass Licht beim Lernen eine Rolle spielt. 

Richtig. Neben der Lernstrategie geht es auch um die Rahmenbedingungen – Sitzposition, Lichtverhältnisse, die gesamte Einrichtung am Arbeitsplatz. Das Ziel ist, sich in einen «Awareness State» zu versetzen: Das Gehirn soll signalisiert bekommen, dass das, was gerade passiert, maximale Aufmerksamkeit verdient. Wer krumm über ein Blatt gebeugt in einem dunklen Raum sitzt, signalisiert dem Gehirn eher Unwichtigkeit. Auch Musik kann, richtig eingesetzt, einen positiven Effekt haben. Sitzposition, Lichtverhältnisse und die gesamte Arbeitsplatz-Organisation sind quasi kleine «Mini-Hacks», die helfen. Es gibt also viele sensorische Faktoren, mit denen sich das Lernen optimieren lässt.

Wie schafft man es, abends nach einem vollen Tag mit Familie und Beruf trotzdem effektiv zu lernen? 

Aus unserer Erfahrung mit vielen Berufstätigen, die parallel eine Weiterbildung machen, zeigt sich immer wieder: Ein grosser Lernblock am Feierabend lässt sich in der Praxis kaum durchhalten. Sinnvoller ist es, den Abend zur Planung zu nutzen und die eigentlichen Lerneinheiten über den Tag verteilt in kleine, sonst ungenutzte Zeitfenster zu legen – etwa beim Warten beim Arzt, im öffentlichen Verkehr oder in der Mittagspause. 

Dazu kommt ein Effekt aus der Neurowissenschaft, den bereits der Psychologe Hermann Ebbinghaus beschrieben hat: die «Spaced Repetition». Informationen, die man in mehreren zeitlich verteilten Blöcken aktiv abruft, prägen sich besser ein als in einem einzigen langen Block. Das liegt daran, dass es einen grösseren Lernerfolg verspricht, wenn man eine Information zwischenzeitlich «vergisst» und sie dann aktiv wieder abrufen muss, als sie sich in einem Rutsch immer wieder anzuschauen.

Heisst das, man sollte jede freie Minute zum Lernen nutzen? In Ihrem Buch betonen Sie ja auch, wie wichtig Entspannung ist. 

Zwei Dinge sind hier zentral: eine gute Morgenroutine, die einen möglichst stressfrei in den Tag schickt, und eine gute Abendroutine für erholsamen Schlaf. Die Schlafqualität wird oft unterschätzt. Ist sie gut, federt sie viel Stress ab, ist sie schlecht, wird es schwierig, Stress überhaupt zu kompensieren. Am Morgen empfehle ich zudem, zusätzliche Stressoren wie Koffein möglichst nicht direkt nach dem Aufstehen zu konsumieren, sondern sich bewusst Zeit zu geben, ruhig und achtsam wach zu werden.

Zum Schluss: Welche zentrale Erkenntnis über unser Gehirn sollten mehr Menschen kennen? 

Unser Gehirn kann nicht zuverlässig zwischen Vorstellung und Realität unterscheiden. Das ist besonders relevant, wenn wir uns während der Arbeit ausmalen, was alles schieflaufen könnte. Die dabei ausgeschütteten Stresshormone und Neurotransmitter sind dieselben, wie wenn das Szenario tatsächlich einträfe. Deshalb lohnt es sich, aufmerksam zu beobachten, welche Tricks einem die eigenen Gedanken spielen, und bei negativen Gefühlen bewusst zu reflektieren, ob man gerade etwas real erlebt oder sich nur vorstellt – und sich dann aktiv wieder in die Realität zurückzuholen. 

Das gilt übrigens auch für den Nachrichtenkonsum: Wer viele Nachrichten konsumiert, hat nachweislich häufiger eine schlechtere mentale Gesundheit, weil das Gehirn auch hier nicht unterscheiden kann, ob wir etwas selbst erleben oder nur davon lesen. Deshalb lohnt sich auch hier ein bewusster, dosierter Umgang.


Das gesamte Interview mit Henry Hildebrandt und seinen Einschätzungen zum Thema Multitasking lesen Sie im Miss Moneypenny Magazin 5/26, das am 15. Oktober erscheint.
 

Buchtipp: Brainhacks


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Brainhacks: Wie du mit minimalem Aufwand produktiver, effizienter und erfolgreicher wirst
Henry Hildebrandt
Yes Publishing, 2026
272 Seiten

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Online-Redaktorin, Miss Moneypenny. 
luisa.schmidt@missmoneypenny.ch

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