Interview

Zwei Jahrzehnte an Nelson Mandelas Seite

Während fast 20 Jahren war Zelda La Grange rechte wie auch linke Hand von Freiheitskämpfer und Staatsmann Nelson Mandela. Im virtuell stattgefundenen Gespräch erzählt die Assistentin des einstigen Präsidenten Südafrikas von ihrem bewegten Leben, den Herausforderungen sowie besonderen Momenten, die solch eine Rolle mit sich bringt.

Zelda La Grange, was ist Ihr familiärer und schulischer Hintergrund?

Ich wurde als jüngere von zwei Kindern in Boksburg, Südafrika, geboren. Mein Bruder ist zwei Jahre älter als ich. Mein Vater war Geschäftsmann und meine Mutter Lehrerin. Ich bin in einem durchschnittlichen, bürgerlichen Haushalt in Südafrika aufgewachsen. Nach meinem Schulabschluss absolvierte ich ein dreijähriges nationales Studium, um Exekutivsekretärin zu werden. Meinen ersten Job hatte ich als Regierungssekre­tärin im Finanzministerium. Im ersten Beschäftigungsjahr wechselte ich zur Personalabteilung, da ich neue Herausforderungen brauchte.

Wie fühlten Sie sich als weisse Frau während des Apartheidregimes?

Wer in Südafrika aufwächst, lebt nach den Normen und Standards sowie den Regeln und Vorschriften der Gesellschaft. Aufgrund des Gruppenzwangs in der Gesellschaft wird dem Mainstream gefolgt. Dadurch wurde ich zu einer Befürworterin der Apartheid. Ich gehörte zur weissen Mittelklasse und war Afrikaans. Die Apartheid war ein System der Rassentrennung, die anhand der Hautfarbe bestimmt wurde. Ich war weder politisch aktiv noch wusste ich, was in meinem eigenen Land wirklich passierte, da die Zeitungen, die ich las, vom Regime zensiert waren. Das Bildungssystem wurde vom Regime kontrolliert und sogar meine Religion diente dazu, die Regeln und Vorschriften der Apartheid zu billigen. Wer mit vielen Privilegien aufwächst, stellt das System selten in Frage. Mir war lange Zeit nicht bewusst, dass Menschen, die sich durch ihre Hautfarbe unterschieden, darunter zu leiden hatten.

Wie wurden Sie Assistentin von Nelson Mandela?

Zuerst war ich als Sekretärin im Finanzministerium tätig. 1994 bewarb ich mich für eine Stelle im Büro des Präsidenten. Nach zwei Jahren in seinem Büro wurde ich zu einer seiner Privatsekretärinnen befördert. In den folgenden 17 Jahren arbeitete ich für Herrn Mandela als seine Privatsekretärin und persönliche Assistentin und erfüllte Aufgaben in vielen anderen Bereichen. 

Was sind die denkwürdigsten Dinge, an die Sie sich erinnern?

Jeder Tag war anders und unser Leben wurde von Ereignissen aus der gesamten Welt beeinflusst. Sobald irgendwo etwas passierte, musste der bestehende Tagesablauf in nur wenigen Minuten neu geplant werden. Die denkwürdigsten Momente waren nicht die öffentlichen, sondern die privaten mit Herrn Mandela. Trotz meines Aussehens, also trotz meiner weissen Hautfarbe, fühlte ich mich von ihm geliebt und umsorgt. Das war etwas, was ich aus der Vergangenheit nicht kannte. 

Während Ihrer Zeit mit Nelson Mandela trafen Sie viele inspirierende und bekannte Leute. An wen erinnern Sie sich besonders gerne?

Wir haben sehr inspirierende Menschen aus der ganzen Welt getroffen. Einige waren berühmt und einige waren in der Öffentlichkeit nicht bekannt. Die Menschen, die mich inspirieren, sind diejenigen, die mit begrenzten Möglichkeiten oder wenig Einfluss andere hervorheben und sich um sie kümmern.

Was erschwerte die Arbeit mit der legendären Persönlichkeit?

Der Druck war unerbittlich gross. Es gab nur wenige Tage, an denen ich das Gefühl hatte, alles unter Kontrolle zu haben. Es hörte nie auf. Menschen aus der ganzen Welt wollten mit Herrn Mandela interagieren. Wenn ich zurückdenke, kann ich mir nur noch schwer vorstellen, wie ich das alles überhaupt geschafft habe. Ich glaube, ich habe ständig im Überlebensmodus agiert. Aufgrund des hohen Drucks, dem ich ständig ausgesetzt war, habe ich rückblickend gesehen viele grossartige Momente und Lernmöglichkeiten verpasst.

Wer sich auf seinen Job konzentriert, dem steht karrieretechnisch nichts im Wege.

Wollten Sie jemals aus Ihrer Rolle entkommen?

Oh ja, an jedem zweiten Tag. Wer der Meinung ist, dass so ein Job einfach ist, liegt falsch. Diese Arbeit kann nicht mit einer halbherzigen Einstellung ausgeübt werden. Ich hatte das Glück, dass ich in einem Alter war, in dem ich noch voller Energie war. Von Natur aus bin ich eine treue und hingebungsvolle Person. Herr Mandela war eine so angenehme Person, dass ich meine Arbeit mit vollem Engagement erledigte. Das hat mir dabei geholfen, es zu schaffen. Falls einer dieser Faktoren nicht vorhanden gewesen wäre, hätte ich nie so lange durchgehalten. Denn stimmt das Zwischenmenschliche mit dem direkten Vorgesetzten nicht, ist es unmöglich, längere Zeit – ja sogar Jahre – unter einem so grossen Druck in so einem Arbeitsumfeld zu arbeiten. Als sich unsere berufliche Beziehung intensivierte, wurde es für mich zu einer Berufung, mit ihm und für ihn zu arbeiten, mit allem, was der Job von mir abverlangte. Jedes Mal, als der Gedanke ans Aufhören aufkam, war er beim Betreten des Büros auch schon wieder vergessen.

Was raten Sie einer Junior-Assistenz, die diesen Beruf ausüben möchte? 

Wer hingebungsvoll, engagiert und loyal in seiner Tätigkeit ist, dem werden sich auch ungewollt Gelegenheiten bieten. Suche nicht die Gelegenheit. Denn: Wer sich auf seinen Job konzentriert, dem steht karrieretechnisch auch nichts im Wege. Man ist immer dort, wo man sich zum jeweiligen Lebenszeitpunkt befinden soll.

Wie sehen Ihre aktuellen Projekte aus?

Ich bin internationale Motivationsrednerin und führe jede Woche als Co-Moderatorin durch eine südafrikanische Talkshow. Zudem bin als Gastkuratorin an einer Ausstellung über das Leben von Herrn Mandela beteiligt, die derzeit auf Welttournee ist.

Sie sind auch Patronin des Isipho-Admin-Stipendiums. Was ist die Vision hinter Isipho?

So viele junge Frauen in Südafrika brauchen eine Hochschulausbildung, ein Stipendium dafür und ein Mentoring. Isipho bietet jungen Frauen eine ganzheitliche Möglichkeit, in die Berufswelt einzusteigen. Jede finanzielle Unterstützung für Isipho hilft, junge Frauen zu befähigen, ihr volles Potenzial zu erreichen.

Wie steht es um die private Zelda?

Ich wollte als Kind Schauspielerin werden. Die darstellende Kunst hat mich schon immer begeistert. Während ich gross wurde, habe ich von einem Leben im Theater und auf der grossen Bühne geträumt. Seltsamerweise erfülle ich mir heute meinen Lebenstraum, indem ich auf Bühnen meine Vorträge halte. Viele Leute können es fast nicht glauben, aber ich bin eine introvertierte Person. Ich habe mich wahrscheinlich im Laufe der Jahre verändert. Der ständige Menschenkontakt hat mich im privaten Leben zurückhaltend gemacht. Abgesehen von der Arbeit verbringe ich heute lieber Zeit allein, um mich für meine vielen öffentlichen Auftritte vorzubereiten. Meine Hunde, Che und Eva, sind meine Kinder und bestimmen nicht nur im Haus, wo es lang geht, sondern auch in meinem Leben. Ich bin quasi ihre Untermieterin.

Zelda La Grange

arbeitete während mehr als 19 Jahren für Präsident Nelson Mandela (1919–2013) in verschiedenen Funktionen, ­darunter Assistentin, Sprecherin, ­Geschäftsführerin der Stakeholder-­Beziehungen, ­Aide-de-camp, persönliche Sekretärin und Leiterin des privaten Büros. 2014 veröffentlichte sie ihre ­Memoiren im Buch «Good Morning, Mr. Mandela». Darin teilt sie einige private wie auch öffentliche Momente während ihrer Zeit an der Seite des internationalen Staatsmannes. Sie wurde von einer Reihe von Organisationen für ihr Engagement und ihren Dienst für Nelson Mandela ausgezeichnet. Zelda la Grange ist eine international gefragte Keynote-Referentin und hat auch schon Reden an Tedx-Veranstaltungen ­gehalten.

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Diana Brandl war Senior Executive Assistant auf Topmanagement-Ebene in Unternehmen wie ratiopharm, Sony und Mister Spex. Sie engagiert sich für das Berufsbild der Office Professionals, ist freiberufliche Fachautorin für diverse Verlage und Fachmagazine, betreibt ihren eigenen Blog The Socialista Projects, gibt Seminare und Workshops und spricht auf nationalen wie internationalen Konferenzen.

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