«Den Begriff ‹Work-Life-Balance› finde ich aus der Zeit gefallen»
Wer organisiert bei Ihnen den Familienalltag, denkt also beispielsweise an Geschenke oder den nächsten Zahnarzttermin? Oft laufen solche Aufgaben ganz selbstverständlich nebenher. Wir haben Kristina Priller, Autorin des Buchs «Ich bin hier nicht das Zimmermädchen!», gefragt, wie sie zwischen Selbstorganisation und Selbstoptimierung unterscheidet und wie es kommt, dass meistens Frauen es am liebsten allen Recht machen würden.
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Frauen übernehmen oft mehrere Rollen gleichzeitig: Mutter, Partnerin, Berufstätige, Tochter. Wo liegt aus Ihrer Sicht die Grenze zwischen Rollenvielfalt und Überforderung?
Kristina Priller: Ich glaube, die grösste Belastung liegt darin, dass es zwischen den einzelnen Rollen eben keine klaren Grenzen mehr gibt: es gilt nicht mehr «morgens berufstätig, nachmittags Mutter», sondern alle unsere Rollen verschwimmen permanent miteinander. Um elf Uhr ruft der Kindergarten an, weil das Kind kränkelt, weshalb man dann nachmittags dem Kind Hustensaft verabreicht, während man sich kurz aus dem Teams-Meeting ausklinkt. Unser Alltag funktioniert dauerhaft nach dem «sowohl, also auch»-Prinzip, und das kostet unglaublich viel Kraft.
80 Prozent sei in den meisten Fällen gut genug, schreiben Sie. Wie entscheide ich, bei welchen Aufgaben ich die restlichen 20 Prozent investiere?
Entweder bei denen, die einem Freude machen, die man glücklich erledigt und die genau das sind, was man tun will. Oder bei denen, die einen ganz klar näher an das eigene Ziel bringen und eine grosse Bedeutung fürs eigene Weiterkommen haben – und das muss nicht unbedingt nur Karriere-Weiterkommen sein, sondern auch persönliche Weiterentwicklung.
Warum ist das Bedürfnis, es allen recht zu machen, wohl vor allem bei Frauen so tief verwurzelt?
Weil Mädchen genau dafür gelobt werden: Für lieb, nett und hilfsbereit sein, fürs Kümmern, für Fürsorge – dann gibt es Wertschätzung und Bestätigung. Mädchen werden gerne damit «beauftragt» Streit zu schlichten, ausgleichend zu sein.
Jungs werden dagegen fürs mutig sein, sich was trauen, auch mal frech sein und wissen, was sie wollen bestätigt – «das sind halt Jungs». Verhalten sich Mädchen genauso, gelten sie als herrisch oder gleich «zickig». Und es ist ein bisschen unfair: Sind die Mädchen dann erwachsen, sollen sie bitte plötzlich starke, mutige Frauen sein, sich was zutrauen und forsche Gehaltsforderungen stellen. Was aber über Jahre vermittelt wurde, schüttelt man ja nicht einfach über Nacht wieder ab.
Sie unterscheiden zwischen Selbstorganisation und Selbstoptimierung. Wie erkenne ich, auf welcher Seite ich gerade stehe?
Selbstoptimierung operiert immer auf der Grundlage von «Ich bin nicht gut genug, so wie ich bin». Der Fehler liegt hier immer bei einem selbst und kann behoben werden, indem man etwas an sich selbst verändert. Man «stimmt» nicht so, wie man ist, und muss sich durch diese jene Veränderung selbst passend machen. Bei Selbstorganisation bewertet man sich selbst eigentlich gar nicht, sondern schaut recht nüchtern die Umstände um einen herum und die eigenen Kapazitäten an – und schmiedet auf dieser Basis einen Plan. Das erlaubt einem dann auch aus der kontinuierlichen «Ich muss immer besser/schneller werden»-Schleife auszubrechen und sich hieran zu orientieren: Ich tue, was ich kann mit den Mitteln, die ich jetzt gerade habe.
Agiles Zeitmanagement klingt nach einem Konzept aus der IT. Was bedeutet es übertragen auf den Alltag einer Assistenz?
Der Begriff der Agilität stammt auch aus der Softwareentwicklung und beschreibt eigentlich nur die Arbeit mit Iterationen: Statt das ganze Projekt von Anfang bis Ende zu planen und dann abzuarbeiten, plant man immer nur das nächste Teilstück, und setzt es um – bevor man dann zuerst zurückschaut, Fehler analysiert und dann das nächste Teilstück angeht.
Im Bereich Zeitmanagement meine ich genau das gleiche: Wir planen oft so weit im Voraus, als ob es keine spontanen Ereignisse geben würde. Diese Art von Zeitmanagement steht dann von vornherein auf wackeligen Beinen, weil man – gerade als Assistenz – ja gar nicht wissen, kann, was nächste Woche am wichtigsten ist. Es ist viel effektiver, für kürzere Zeitabschnitte zu planen.
Auch das Thema Reflexion kommt mir im Zeitmanagement insgesamt viel zu kurz: Wir planen, setzen um und haken dann erleichtert ab, ohne noch einen Gedanken daran zu verschwenden. Dabei kann man aus einer kurzen Reflexion so viel mitnehmen: Was hat gut funktioniert? Was hat mir heute Stress verursacht? Welche Methoden, wie Task Batching, Eat that frog first, Time Boxing etc., habe ich angewendet und wie hat das für mich funktioniert?
Digitale Dauerverfügbarkeit verstärkt den Zeitdruck. Was davon lässt sich überhaupt kontrollieren?
Die digitale Dauerverfügbarkeit sorgt dafür, dass die früher existierenden klaren Grenzen zwischen Beruf und Freizeit immer mehr verschwimmen. Das einzige Gegenmittel dagegen lautet leider: Man muss eigene Grenzen festlegen und durchsetzen. Das bedeutet natürlich nicht, dass man niemals abends eine Mail beantworten kann, aber dass man eben einmal für sich eine Reihe an «Regeln» dafür festlegt, an die man sich hält. Leider gilt im Umgang mit anderen Menschen nämlich: Erreichbarkeit zu unüblichen Zeiten wird beim ersten Mal beklatscht, und danach sehr schnell selbstverständlich.
Work-Life-Balance ist das aktuelle Schlagwort. Wie bewerten Sie selbst diesen Begriff?
Irgendwie empfinde ich den Begriff aus etwas «aus der Zeit gefallen», denn zum einen geht er ja davon aus, dass es in unser aller Leben zwei Seiten gibt: die Arbeit und das Leben. Das finde ich ein wenig undifferenziert, denn es ignoriert ja nicht nur alle Arten von unsichtbarer (Care-)Arbeit, sondern teilt das Leben ja auch in Freizeit = gut und Arbeit = böse. So simpel ist das einfach nicht. Arbeit ist nicht nur anstrengend und Freizeit nicht nur erholsam. Ich kann also durchaus auf dem Papier eine ausgeglichene Work-Life-Balance haben und trotzdem erschöpft sein. Mir hat es sehr geholfen, mich von der Vorstellung irgendwas gegeneinander auszubalancieren zu müssen, zu lösen und stattdessem mehr darauf zu achten, was mir Energie gibt und was mich Kraft kostet.
Wie führt man, Ihrer Meinung nach, das Gespräch mit dem Partner/der Partnerin über faire Aufgabenteilung, ohne dass es sofort in einen Konflikt kippt?
Nach meiner Erfahrung klappt das unter zwei Voraussetzungen besser:
Nicht in dem Moment miteinander reden, wo etwas schiefläuft oder man sich gerade ärgert, sondern in Ruhe zu einem anderen Zeitpunkt das Gespräch suchen. Und genau das regelmässig tun. Wir reden immer erst miteinander, wenn das Fass überläuft und konzentrieren uns dann auf den allerletzten Tropfen, anstatt lieber regelmässig über das ganze Fass und wie man es vielleicht besser verteilen kann zu reden. Wir sprechen einmal pro Woche über alles, was in der kommenden Woche ansteht, verteilen Aufgaben und klären, wer wofür verantwortlich ist – so wird das Sprechen über Zeit vom Einzelvorwurf zur Routine.
Der Buchtitel «Ich bin hier nicht das Zimmermädchen» klingt provokant. War das die Absicht und welche Kernaussage möchten Sie mit diesem Titel transportieren?
Die Absicht war eher, ein Gefühl zu transportieren, dass viele Frauen sicherlich schonmal so oder ähnlich hatten. Ich glaube gar nicht, dass die Formulierung so provokant ist, sondern eher ein «DAS habe ich auch schon oft gedacht…» auslöst. Mir war wichtig mit wenigen Worten zu transportieren, dass die Zeit von Frauen an ganz vielen Stellen von anderen beansprucht wird – und wie man es schaffen kann, sie sich zurückzuholen.
Buchtipp: «Ich bin hier nicht das Zimmermädchen!»
Was will ich mit meiner Zeit tun? Wohin fliesst meine Zeit? Sich mit der eigenen Verwendung von Zeit zu beschäftigen, ist nicht immer angenehm. Kristina Priller beschreibt in ihrem Buch, wie die Gesellschaft Frauen in Stressmomente versetzt und wie diese einen selbstbewussten und selbstbestimmten Umgang mit der eigenen Zeit neu lernen können. Das Buch räumt auf mit Mythen wie Multitasking und Work-Life-Balance und liefert stattdessen alltagstaugliche Strategien.
«Ich bin hier nicht das Zimmermädchen!», Kristina Priller
Verlag V&R SELF, 2026
320 Seiten
Weitere Tipps Rund ums Thema Zeit gibt Kristina Priller auf Instagram.