Weiterbildung

«Eine Weiterbildung löst keine Probleme»

Es gibt gute Gründe für eine Weiterbildung. Naomi Bogerd, Laufbahnberaterin, Coach und Personalleiterin, kennt aber genauso viele schlechte. Bevor Sie also wieder die Schulbank drücken, gilt es herauszufinden, was Sie dazu antreibt, und vor allem, was sie sich davon erhoffen.

Welche Gedanken sollte sich jemand machen, der über eine Weiterbildung nachdenkt?

Naomi Bogerd: Das Allerwichtigste ist die eigene Motivation: Was genau ist der Antrieb für eine Weiterbildung? Will man sich eher beruflich oder persönlich weiterentwickeln? Viele Menschen streben aus den falschen Gründen eine berufliche Weiterbildung an. Damit das nicht passiert, empfiehlt sich vor grösseren Weiterbildungen eine Standortbestimmung.

Welche falschen Gründe sind das?

Unzufriedenheit im Job, der Wunsch nach mehr Lohn, ein Gefühl von Unglücklichsein oder der Vergleich mit Kollegen, die mehr verdienen. All das sind keine guten Gründe, sich weiterzubilden. Denn eine Weiterbildung allein löst keine Probleme.

Welches ist die richtige Motivation?

Der Wunsch, sein Fachwissen, die methodischen Fähigkeiten oder die sozialen Kompetenzen zu verbessern und so ein Ziel zu erreichen. Ich würde nie jemandem zu einer beruflichen Weiterbildung raten, der kein klares Ziel  hat, denn dann bringt eine Weiterbildung keinen Gewinn.

Wie steht es mit Menschen, die durch eine Weiterbildung gern etwas Neues lernen und ihren Horizont erweitern möchten – ohne dass dies zum aktuellen Job passt?

Das ist nicht die richtige Motivation – ausser es handelt sich um eine persönliche Weiterbildung oder die Person strebt tatsächlich eine berufliche Veränderung an. Sinnvoll sind vor allem Weiterbildungen, die einen Bezug zum derzeitigen Beruf haben. Sich völlig neu zu orientieren, erfordert eine vertiefte Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen Neigungen, Talenten und Stärken.

Die Gesprächspartnerin

Naomi Bogerd ist Certified Integral Coach und in Ausbildung zur diplomierten Personalleiterin NDS HF. Sie verfügt über mehr als 17 Jahre Berufserfahrung, davon über sieben Jahre als Personalberaterin und -leiterin. Seit zwei Jahren arbeitet sie für den Kaufmännischen Verband Zürich (KVZ) in der Karriereberatung, entwickelt Dienstleistungen und leitet Bewerbungstrainings.

Ist es nicht in jedem Fall gut, wenn jemand sich weiterbilden möchte?

Nein. Eine Weiterbildung muss zu den Bedürfnissen und Stärken des Menschen passen. Oft herrscht das Gefühl, Weiterbildungen seien per se gut. Aber zu viele Weiterbildungen im CV können für einen Jobwechsel auch hinderlich sein. Da entsteht schnell das Bild einer Person, die sich nicht entscheiden kann.

Wie oft sollte man sich weiterbilden?

Das ist sehr individuell. Es gibt Menschen, die haben eine kaufmännische Grundbildung absolviert und sind dann bis 40 keine Weiterbildung mehr angegangen. Zum Teil haben diese zwar trotzdem betriebsintern ansehnliche Karrieren gemacht. Doch wenn sich so jemand auf dem freien Markt bewerben will, wird es ohne weiterführende Abschlüsse sehr schwierig. Etwa alle fünf Jahre macht eine grössere Weiterbildung darum Sinn. So bleibt die so genannte Arbeitsmarktfähigkeit der Mitarbeitenden auf jeden Fall erhalten.

Was bedeutet Arbeitsmarktfähigkeit?

Heutzutage kann sich niemand mehr seines Arbeitsplatzes sicher sein. Arbeitsmarktfähig ist jemand, der auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen hat, eine andere Stelle zu finden. Viel Wissen, über das wir heute verfügen, ist noch sehr neu. Denken Sie nur an den ganzen IT-Bereich. Vieles, was wir heute selbstverständlich nutzen, war noch vor zehn Jahren unbekannt. Man muss also dranbleiben, damit das eigene Wissen nicht veraltet. Wer sich nicht weiterbildet, bleibt stehen.

Muss es unbedingt ein Zertifikat oder ein eidgenössischer Abschluss sein?

Natürlich lernen wir vieles bereits im Job, von Kollegen, aus Fachzeitschriften oder vom einen oder anderen internen Workshop. Doch der Wert von Abschlüssen und Zertifikaten ist nicht zu unterschätzen. Nur so können andere Arbeitgeber abschätzen, welche Fähigkeiten ein Bewerber mitbringt.

Wer ist für die Arbeitsmarktfähigkeit verantwortlich?

Arbeitnehmer und Arbeitgeber teilen diese Verantwortung. Arbeitgeber sind naturgemäss vor allem daran interessiert, dass ihre Mitarbeitenden sich Fähigkeiten aneignen, die sie im aktuellen Job gebrauchen können. Arbeitnehmer sollten hingegen schauen, dass ihre Fähigkeiten darüber hinaus auf dem Markt attraktiv sind. Das kann ein Dilemma sein. Häufig warten Arbeitnehmer dann zu lange mit der nächsten Weiterbildung, was sich im Falle eines plötzlichen Stellenverlustes negativ auswirken kann. Letztlich liegt es aber auch im Interesse des Unternehmens, dass Mitarbeiter ihre Kompetenzen und Einsatzbereiche ausdehnen. Damit sind sie flexibler einsetzbar und bringen dem Unternehmen so wieder Vorteile.

Wie engagiert sind die Arbeitgeber beim Finanzieren von Weiterbildungen?

Wenn eine Weiterbildung einen Mehrwert für das Unternehmen bringt, sind viele Arbeitgeber bereit, die Kosten oder die Zeit zumindest anteilig zu übernehmen. Dazu ist es aber wichtig, dass Arbeitnehmer den Wunsch nach einer Weiterbildung auch anbringen. Wer nicht fragt, muss sich nicht wundern, wenn er nichts bekommt. Und auch die Budgetplanung spielt eine Rolle: Wer seine Pläne möglichst früh teilt, wird eher im Budget seines Vorgesetzten berücksichtigt.

Wie findet man das geeignete Angebot im unübersichtlichen Markt von heute?

Wichtig ist es bei den Anbietern darauf zu achten, dass sie EDUQUA-zertifiziert sind – das Schweizerische Qualitätszertifikat für Weiterbildungsinstitutionen. Das sind nicht alle und es gibt grosse Unterschiede. Die Anbieter sollten Angaben machen können, wie viel Prozent ihrer Schüler jeweils bei den eidgenössischen Prüfungen bestehen. Ein Hinweis darauf, wie gut die Schüler auf das Examen vorbereitet wurden.

Vorher überlegen

Naomi Bogerd erlebt in ihrem Job immer wieder, dass Menschen in Sachen Weiterbildung ungenügende Abklärungen treffen. Hier eine kurze Zusammenstellung der wichtigsten Punkte, über die Sie sich im Klaren sein sollten, wenn Sie eine Weiterbildung anstreben.

• Was ist meine Motivation, eine Weiterbildung in Angriff zu nehmen?
• Wohin will ich mich entwickeln? Was ist mein langfristiges Ziel?
• Was sind meine Stärken? Passt die Weiterbildung, die ich ins Auge fasse, zu mir?
• Wieviel Zeit steht mir zur Verfügung? Passen die Weiterbildungszeiten in meinen Alltag?
• Welche Weiterbildungsinstitutionen passen zu meinen Bedürfnissen und Zielen?
• Passt mir der Ort? Fühle ich mich in dieser Institution wohl?
• Erreiche ich mit dem Abschluss das, was ich mir vorstelle, um mein Ziel zu erreichen?
• Wie gross ist mein Budget? Habe ich die zusätzlich anfallenden Kosten mitberechnet?
• Kann ich meinen Arbeitgeber für die Finanzierung mit ins Boot holen? Wenn ja, wie?
• Gibt es die Möglichkeit, die Weiterbildung als Arbeitszeit anrechnen zu lassen?
• Welchen Mehrwert bietet die Weiterbildung? Mir und dem Unternehmen?
• Verfüge ich über das nötige Durchhaltevermögen und die erforderliche Selbstdisziplin?
• Wer unterstützt mich bei meiner Weiterbildung? Finanziell, aber auch moralisch?
• Stehen meine Familie, Freunde und das berufliche Umfeld hinter mir und meinem Vorhaben?
• Benötige ich während meiner Abwesenheit eine Kinderbetreuung?

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Stefanie Zeng ist Online Redaktorin bei Miss Moneypenny. 

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