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Fokus schützen mit Tools, die ihn rauben

Und wieder ein Produktivitätstool, mit dem man Zeit verliert, statt sie zu sparen. Doch halt: Manche digitale Tools helfen, den Fokus zurückzugewinnen.

Erinnern Sie sich noch an Festnetztelefon, Tischkalender und einen festen PC? Heute sieht Ihr Arbeitsplatz anders aus. Sie starten Ihren Tag im Homeoffice und bevor Sie richtig angekommen sind, warten bereits unzählige E-Mails, Nachrichten und der erste Termin auf Sie. Während Sie versuchen, eine Aufgabe zu Ende zu bringen, klingelt Ihr Smartphone – eine spontane Anfrage Ihrer Führungskraft. Teams blinkt. Ihr Kalender erinnert Sie an das nächste Meeting. Zwischendurch beantworten Sie noch schnell eine Nachricht. Die Folge: Unser Kopf bleibt permanent auf Empfang.

Dieses Phänomen wird auch «Popcorn Brain» genannt: Durch die digitale Reizüberflutung springt unser Gehirn von einem Gedanken zum nächsten – wie Popcornkörner im Topf. Selbst kurze Pausen füllen wir oft automatisch mit dem Griff zum Smartphone. Einen Gedanken wirklich zu Ende zu führen, fällt dadurch immer schwerer. Auch der Schweizer Job-Stress-Index zeigt: Die verstärkte Nutzung digitaler Technologien im Arbeitsalltag kann zusätzlich belasten.

Die gute Nachricht: Sie müssen Ihren digitalen Arbeitsalltag nicht komplett verändern. Oft reicht eine kleine Veränderung. 

Was raubt uns eigentlich den Fokus? 


Bevor Sie das nächste Produktivitätstool installieren, beobachten Sie einen Arbeitstag lang: Was unterbricht Sie am häufigsten? E-Mails, Signaltöne, Multitasking oder kurzfristige Anfragen? Diese Unterbrechungen kosten mehr als nur den Moment selbst: Laut Forschung der Psychologin Gloria Mark (UC Irvine) dauert es im Schnitt über 20 Minuten, bis wir nach einer Ablenkung wieder vollständig im Fokus sind.

Oder unterbrechen Sie sich manchmal sogar selbst? Sie wollen an einer Präsentation weiterarbeiten, öffnen aber «nur schnell» Ihr Postfach. Fünf Tabs später lesen Sie einen Artikel auf «LinkedIn». Was steckt hinter dem Impuls, sofort zu reagieren? Ist es Dringlichkeit, Neugier, der eigene Anspruch oder das Bedürfnis nach Anerkennung?

Nicht jeder Fokusräuber lässt sich vermeiden. Die Frage ist deshalb: Welche dieser Unterbrechungen können Sie beeinflussen? Wer offen anspricht, was eine spontane Anfrage gerade verdrängt, statt sie stillschweigend abzuarbeiten, schafft Klarheit – für sich selbst und für die Person, die etwas möchte.

1. Legen Sie fest, welcher Kanal wofür genutzt wird 

E-Mail, Chat oder Anruf können unterschiedliche Reaktionsimpulse auslösen. Legen Sie deshalb gemeinsam mit Ihrer Führungskraft oder Ihrem Team fest, welcher Kanal wofür genutzt wird: Was ist wirklich dringend? Welche Anliegen lassen sich innerhalb weniger Minuten klären und welche benötigen mehr Zeit oder Abstimmung? 

Eine Kursteilnehmerin hat dafür eine einfache Lösung gefunden: Meetinganfragen möchte sie ausschliesslich per E-Mail erhalten und kommuniziert das direkt in ihrem Chat-Status: «Bitte Meetinganfragen per E-Mail senden.» Im Chat hatte sie häufig das Gefühl, sofort reagieren zu müssen. Bei E-Mails entscheidet sie selbst, wann sie diese bearbeitet. 

Klare Kommunikationsregeln reduzieren unnötige Unterbrechungen und geben Ihnen mehr Kontrolle darüber, wann etwas Ihre Aufmerksamkeit bekommt.

2. Digitale Grenzen ohne Schuldgefühle setzen 

Im Assistenzalltag lassen sich spontane Anfragen nicht vermeiden. Sie können jedoch transparent machen, welche Auswirkungen eine neue Anfrage auf Ihre aktuellen Prioritäten hat. Diese Formulierungen helfen dabei: 

  • «Bis wann brauchen Sie diese Information?»
  • «Ich kümmere mich gerade um X und schaue mir das anschliessend gerne an.»
  • «Wenn ich mich jetzt darum kümmere, muss Aufgabe X warten. Was hat für Sie gerade höchste Priorität?»

Grenzen wertschätzend zu kommunizieren, schafft Klarheit und hilft Ihnen, den Fokus auf die Aufgaben zu richten, die wirklich wichtig sind.

3. Holen Sie sich Ihren Fokus zurück – zehn Minuten reichen 

Manchmal brauchen Sie keinen Plan, sondern einfach einen Anfang. Wenn Ihr Kopf zwischen zehn Dingen gleichzeitig springt oder Sie eine Aufgabe schon länger vor sich herschieben, probieren Sie den Zehn-Minuten-Fokusstart: Wählen Sie eine Aufgabe, stellen Sie einen Timer auf zehn Minuten und arbeiten Sie nur daran. Danach entscheiden Sie, ob Sie weitermachen. 

Ist Ihr Kopf danach trotzdem voll? Dann hilft eine kurze Pause. Stehen Sie für 60 Sekunden auf, gehen Sie ein paar Schritte, atmen Sie bewusst tief ein und aus oder schauen Sie aus dem Fenster – ohne Bildschirm.

Manchmal ist die einfachste Lösung die beste 


Eine Kursteilnehmerin hat ihr berufliches Smartphone und ihr privates Smartphone konsequent voneinander getrennt. Nach Feierabend und in den Ferien bleibt das Arbeitshandy aus. Einige Wochen später beschrieb sie diese Veränderung als «eine Befreiung». Kein neues Tool und keine komplizierte Methode, nur eine klare Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, die ihr hilft, nach Feierabend wirklich abzuschalten.

Auch auf C-Level-Ebene schaffen klare Regeln zu Chats und Unterbrechungen mehr mentale Kapazität für wichtige Entscheidungen. Wer den eigenen Fokus schützt, kann auch die eigene Führungskraft besser unterstützen.

Digitale Selbstführung beginnt mit einer Entscheidung  


E-Mails, Chats und spontane Anfragen gehören auch künftig zu unserem Arbeitsalltag. Die Lösung ist nicht, jede Unterbrechung zu vermeiden, sondern bewusst zu entscheiden, welche wirklich Aufmerksamkeit verdient und wo Technologie die Arbeit abnehmen darf, statt sie zu vermehren.  Fangen Sie mit einer Sache an: Was können Sie heute verändern, um Ihren Fokus besser zu schützen?
 

3 digitale Hacks, mit denen Sie Ihren Fokusmuskel trainieren: 


Graustufenmodus: Laut einer Studie von IE University und Cornell Tech kann diese Einstellung die tägliche Bildschirmzeit um rund 50  Minuten reduzieren. Denn ohne kräftige, bunte Farben wirken App-Icons, Bilder, Reels und Videos weniger verlockend.  

One Sec: Die App baut vor dem Öffnen ausgewählter Apps eine kurze Atempause ein. So entsteht zwischen Reiz und Reaktion ein Moment, in dem Sie bewusst entscheiden können: Möchte ich die App gerade wirklich öffnen?

Minimalistischer Homescreen: Behalten Sie auf der Hauptseite Ihres Smartphones nur die Apps, die Sie wirklich benötigen. Weniger visuelle Trigger bedeuten weniger Versuchungen, «nur kurz» irgendwo hineinzuschauen.

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Daniela Ullmann ist Health Coach, Speakerin und Trainerin für mentale Gesundheit und digitale Balance. Nach über 20 Jahren in internationalen Unternehmen, davon viele Jahre selbst als Assistentin, unterstützt sie heute Unternehmen dabei, die mentale Gesundheit, den Fokus und die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeitenden zu stärken.
danielaullmann.com

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