Von der Gemeindeschreiberin zur Assistentin
Franziska Wenger ist im Oberwallis lange als Gemeindeschreiberin tätig, bevor sie 2023 als Direktionsassistentin zur endigo Energie AG nach Fiesch wechselt. Sie erzählt von den Parallelen zwischen Assistenz und Gemeindeschreiberei, vom Schritt von der Front in den Hintergrund und davon, wie sehr sich ihre Erwartungen in der neuen Rolle erfüllt haben.
Foto: Aniela Lea Schafroth
Auf eine «kleine Weltreise» geht es dieses Mal, um Porträt-Kandidatin Franziska Wenger an ihrem Arbeitsort zu besuchen. Die 36-jährige Direktionsassistentin arbeitet seit 2023 bei der endigo Energie AG im idyllischen Oberwallis.
Angekommen am Bahnhof Fiesch, holt uns die quirlige Assistentin mit dem Auto ab, da sich ihr Unternehmen etwas ausserhalb des Dorfkerns befindet. Wenige Minuten später stehen wir vor dem Energie-autarken Hauptsitz des Energieanbieters, der nebst Strom auch Installations- und Telekommunikationsdienstleistungen erbringt sowie in allen Energiefragen berät.
«endigo entstand 2023 aus der Zusammenführung verschiedener Unternehmen sowie der Übernahme des Personals der Gommerkraftwerke AG», erklärt Franziska, die diesen Zusammenschluss während ihres eigenen Firmen- und Assistenzquereinstiegs massgeblich miterlebte. Ein rasanter Einstieg, der ganz ins Leben der engagierten jungen Walliserin passt. Denn seit Abschluss ihres Betriebswirtschaftsstudiums ist Franziska Wenger mit Vollgas im Arbeitsleben unterwegs.
So erhält sie bereits kurz nach ihrem Studienabschluss im Alter von 21 Jahren die Chance, Gemeindeschreiberin von Grengiols zu werden. «Es war grossartig, so jung eigenständig tätig zu sein und so viel Verantwortung zu übernehmen.» In ihrer Funktion ist sie direkte Ansprechperson für die Menschen im 400-Seelen-Dorf. Zusätzlich unterstützt sie den Gemeinderat und -präsidenten und konnte zahlreiche Projekte umsetzen sowie Events organisieren. «Ein Erfahrungsschatz, auf den ich bis heute zurückgreifen kann, denn viele dieser Tätigkeiten führe ich auch heute noch als Assistenz aus.» Franziska widmet sich nämlich nebst ihrer Assistenztätigkeit und der Unterstützung ihres Chefs auch eigenen Projekten. So verantwortet die 36-Jährige beispielsweise das gesamte Marketing des Energieanbieters.
«Durch den Zusammenschluss im Jahr 2024 und den Namenswechsel mussten wir das gesamte Design des Unternehmens neu gestalten und implementieren. Die Gestaltung übernahm eine externe Agentur, die konkrete Umsetzung vor Ort ich.» Vom Bekleidungskonzept über die Beschilderung im Büro, die Büromöbel, Kaffeemaschinen, Geschirr – alles hat Franziska organisiert. Und das macht ihr sichtlich Spass, wie man beim Rundgang für das Fotoshooting merkt, wenn sie Gegenstände und Bekleidung entdeckt, die sie organisiert hat. «Nächste Marketing-Projekte stehen bereits an», erzählt die umtriebige Walliserin. «Ein Imagefilm, den wir gemeinsam mit einer externen Agentur realisieren, und diverse Aktivitäten in den sozialen Medien».
Um sich in letzterem Bereich mehr Wissen anzueignen, erwarb Franziska Wenger 2024 noch einen CAS im Bereich Social-Media-Marketing. «Denn es ist wichtig, dass man uns in der Öffentlichkeit wahrnimmt und dass wir kontinuierlich präsent sind.»
Viel Energie für die Energie
Doch zurück auf Start. Wie kommt man überhaupt von der Gemeindeschreiberin in eine Assistenzrolle? «Indem man gefragt wird», sagt Franziska Wenger lachend. «Nach Grengiols arbeitete ich noch einige Jahre als Gemeindeschreiberin in Fiesch.» In dieser Zeit lernt sie auch ihren späteren Chef bei endigo kennen. «In einer Nachbargemeinde, in der er als Gemeinderat tätig war, sprang ich nach einem Ausfall der dortigen Gemeindeschreiberin bei eidgenössischen Abstimmungen kurzfristig helfend ein.»
Die beiden kommen ins Gespräch über die Politik und das Gemeindewesen, und offenbar merkt er schon damals, dass sie in ihrer Funktion nicht mehr ganz glücklich ist. «Abgeworben hätte er mich aber nie», betont sie. So arbeitet sie vorerst als Gemeindeschreiberin weiter, bis sie selbst an den Punkt kommt, etwas in ihrem Leben ändern zu wollen. Am 28. Februar 2023 kündigt sie, ohne eine neue Stelle in Aussicht zu haben. «Jetzt oder nie, sagte ich mir. Es war ein reiner Bauchentscheid.»
Nur wenige Tage später, Anfang März, klingelt bei Franziska Wenger das Telefon und ihr heutiger Chef Damian Zumstein ist dran. «Er hatte von meiner Kündigung gehört und fragte mich: Magst du einen Kaffee trinken?» Und so kommt es, dass die damals 33-Jährige Ende März bereits wieder einen neuen Arbeitsvertrag unterschreibt und Direktionsassistentin wird.
«Lustigerweise sagte ich mir schon zu meiner Zeit als Gemeindeschreiberin: Wenn ich einmal etwas anderes mache, wäre eine Assistenzstelle in einem KMU interessant.» Denn als Gemeindeschreiberin sei man ja gewissermassen die Assistentin des Gemeinderats und des Präsidenten.
Und ist es nun wirklich so, wie sie es sich vorgestellt hat? «Ja, definitiv, wenn nicht sogar spannender.» Ihre Arbeit sei extrem abwechslungsreich. Zudem schätze sie den Wechsel von der Fronttätigkeit in der Gemeinde nun in den Hintergrund. «Heute agiere ich eher im Schatten, kann gestalten, koordinieren und ermöglichen. Und habe dennoch einen spannenden Job. Rückblickend hätte mir kaum etwas Besseres passieren können.»
Zudem sei die endigo ein wirklich toller Arbeitgeber mit einem grossartigen Team und attraktiven Benefits. Mitarbeitende könnten sich am Unternehmensergebnis beteiligen und Unternehmensaktien erwerben. Dazu komme ein eigenes Telekommunikationsprodukt namens «WALY», das TV, Mobilfunk, Festnetz und Internet umfasst und für Mitarbeitende kostenlos sei.
Meine Wahl
Foto: Aniela Lea Schafroth
Lässige oder formale Bürooutfits?
Lässige Bürooutfits. Es gibt keine Kleidervorschriften bei der endigo, und auch privat sind Heels kein Thema. Mein liebstes Outfit besteht aus einem Casual Hoodie und Sneakers.
Französisch oder Englisch?
Englisch, das ist international besser anwendbar, auch wenn ich in einem zweisprachigen Kanton lebe und wir Französisch sehr früh in der Schule hatten. Zurzeit lerne ich mit «Duolingo» noch Italienisch, das macht mir Spass.
Ski oder Snowboard?
Ski. Zwar bin ich mit 14 Jahren kurz auf das Snowboard umgestiegen, aber inzwischen schon lange wieder auf Skiern unterwegs. Es ist einfach schneller. Nebst der Piste bin ich seit letztem Jahr vermehrt auch auf den Langlauf-Loipen im Goms unterwegs.
Frühaufsteherin oder Nachteule?
Als Nachteule schlafe ich üblicherweise zwischen 23 und 23.30 Uhr ein. Trotz meiner mangelnden Frühaufsteher-Neigung bin ich täglich um 7.30 Uhr im Büro. Gerade weil mir das frühe Aufstehen nicht leichtfällt, gestaltet sich mein Morgen äusserst rasant – vom Aufstehen bis zum Verlassen der Wohnung vergeht kaum mehr als eine Viertelstunde.
Restaurant oder selbst kochen?
Selbst kochen. Ich koche quer durch alle Küchen und probiere dabei regelmässig neue Rezepte aus, besonders aus der indischen und thailändischen Küche. Meine Lieblingsküche bleibt aber die italienische.
Teamplayerin durch und durch
Der Arbeitsalltag der selbstbezeichnenden Nachteule beginnt wider Erwarten bereits um 7.30 Uhr. «Als Erstes brauche ich am Morgen einen Tee, dann starte ich den Computer, prüfe meinen Kalender und schaue, was bei meinem Chef läuft.» Anschliessend würden sich die beiden abstimmen.
Kommunikation sei zentral, ob via Teams oder meist via Tür und Angel direkt vor Ort. Franziska Wenger ist eine ausgesprochen kommunikative Persönlichkeit und arbeitet dementsprechend deutlich lieber im Büro als im Homeoffice. Eine, mit der es Freude macht, sich zu unterhalten.
Was sie an ihrem Chef schätze? «Er ist sehr offen und ehrlich, komplett auf Augenhöhe, nie von oben herab», sagt die engagierte Assistentin. Zudem sei er mit allen per Du, im Unternehmen für alle präsent und kollegial. «Das ist extrem viel wert. Man kann alles diskutieren, und die Zusammenarbeit ist immer konstruktiv.»
Und was sehe er in ihr? «Er merkte wohl bereits, als er mich das erste Mal traf, dass ich eine anpackende und organisatorisch starke Persönlichkeit bin, die bei einer Umstrukturierung mitdenken und Dinge in die Hand nehmen kann.» Als Feedback bekomme sie auch zu hören, dass sie im Unternehmen eine gute Teamplayerin sei. «Ich schaue, dass es allen gut geht, dass alle zufrieden sind, spüre, wo es hakt und was man verbessern kann. Ich bin ein bisschen der Seismograf im Unternehmen.» Eine Rolle, die ihr liege. «Verbindungen schaffen, Stimmungen aufnehmen, Brücken bauen als Bindeglied zwischen Chef, der Geschäftsleitung und den Mitarbeitenden.»
Funktionierende Teamkultur
Nebst dem Chef und den Mitarbeitenden sind Franziskas wichtigste Ansprechpartner die fünfköpfige Geschäftsleitung. «Die trifft sich alle zwei Wochen am Mittwochnachmittag für eine gemeinsame Sitzung, die ich jeweils vorbereite, protokolliere und für die ich Pendenzen erfasse. Das ist eigentlich mein einziger Jour fixe, an dem ich in die klassische Assistenzrolle schlüpfe», sagt sie lachend. Sonst könne sie sich ihre Zeit sehr frei einteilen für ihre eigenen Projekte und diejenigen des Chefs.
«Zurzeit beschäftigt sich mein Chef viel mit neuen Gesetzgebungen und Reglementierungen im Energiebereich – das ist ein spannendes Thema. Energie sollte uns alle interessieren», sagt die junge Walliserin. In den letzten Jahren hat sie sich durch ihre Tätigkeit bei endigo intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt. «Das Tolle ist, wenn ich beispielsweise etwas Technisches nicht verstehe, finde ich immer jemanden unter unseren rund fünfzig Mitarbeitenden, der oder die mir erklärt, wie etwas funktioniert.»
Es sei schön, wenn das Team so unterstützend sei, sein Wissen teile und ein guter Austausch untereinander herrsche. «Wir haben eine sehr gute Zusammenarbeit über die Altersstufen und Abteilungen hinweg.»
Seit über zwei Jahren ist Franziska Wenger nun im Betrieb und möchte nicht mehr weg. Wirklich nicht? Ob es sie denn nie woanders hingezogen habe? «Nein», sagt die Walliserin. «Ich bin hier aufgewachsen und habe das Wallis eigentlich nie verlassen. Zwar gehe ich sehr gern weg, erkunde neue Orte und interessiere mich für andere Kulturen, aber ich komme nach einer Reise auch genauso gern wieder nach Hause zurück. Das war so, ist so und wird immer so bleiben.»
Foto: Aniela Lea Schafroth
Franziska Wenger
Franziska Wenger kommt 1990 auf die Welt und wächst in Brig-Glis im Oberwallis auf. Nach einer kaufmännischen Ausbildung auf der Stadtgemeinde Brig-Glis absolviert sie von 2008 bis 2011 den Bachelor of Science in Business Administration mit Vertiefung in Business Process Integration with SAP an der HES-SO Wallis in Siders. 2012 wird sie Gemeindeschreiberin in der Gemeinde Grengiols. Dort bleibt sie bis 2016 und wechselt danach als Gemeindeschreiberin in die Gemeinde Fiesch. Von 2016 bis 2023 ist sie zudem als Prüfungsexpertin für lernende Kaufleute in Oberwalliser Gemeinden tätig sowie von 2017 bis 2023 auch als Fachreferentin für überbetriebliche Kurse OVAP.
2023 kündigt sie und beginnt kurz danach als Direktionsassistentin bei der endigo Energie AG in Fiesch zu arbeiten, wo sie bis heute tätig ist. 2024 erwirbt sie noch ein Certificate of Advanced Studies als Social-Media-Marketing-Spezialistin an der FHNW in Olten. Franziska wohnt in Brig-Glis und wird in diesem Jahr ihren langjährigen Lebenspartner heiraten.