Premium Icon Unterschiedliche Ansichten

Klarheit braucht keine Härte

Wenn unterschiedliche Ansichten oder Wünsche aufeinandertreffen, entsteht Spannung. Das ist weder ungewöhnlich noch problematisch. Interessant ist, wie wir damit umgehen. 

Stilfragen gehören zum Kern meiner Arbeit. Dazu nutze ich meine zwanzig Wertekarten, um ein Stimmungsbild zu erhalten oder zu erfahren, wie Menschen denken und kommunizieren. Unter meinen Wertekarten befinden sich ein paar, über die sich viele beunruhigt äussern.

Die Wertschätzung zum Beispiel. Mit ihr lässt sich, so die Feedbacks, nicht klar kommunizieren. Entweder sind wir nett oder deutlich. 

Die Freundlichkeit ist auch nicht so harmlos. Mit ihr erreichen wir unsere Ziele nicht. 

Und die Offenheit wird auch kritisiert. Man kann nicht alles offen sagen.

Diese Stimmen oder Befürchtungen zeigen mir Härte und scharfe Positionierung. Und genau diese Haltung ist das Problem in Situationen mit unterschiedlichen Standpunkten oder Erwartungen.

Wertschätzung, Freundlichkeit und Offenheit sind nicht die Weichspüler der Kommunikation. Sie sind die Voraussetzung für bewegliches Denken in Konfliktsituationen. Mit Werten an unserer Seite können wir die Spur neu legen.

Wertschätzung: Ich sehe deinen Standpunkt und würdige diese Sicht, ohne sie gutzuheissen.

Freundlichkeit: Ich biete Hand zu einer Lösung, einem Ausweg und bin zuversichtlich, dass wir es schaffen.

Offenheit: Ich öffne mich deinen Gedanken und höre oder verstehe, was du sagst.

Wenn unterschiedliche Ansichten oder Anforderungen im Spiel sind, machen viele den Fehler, das Gegenüber von persönlichen Werten überzeugen zu wollen. Das führt schnell zu Verhärtung, Druck und letztlich zu Frustration.

Typische Aussagen sind:

  • «Das muss dir doch auch klar sein.»
  • «Das ist völlig falsch zu erwarten, dass ...»
  • «So kann man heute nicht mehr arbeiten.»
  • «Das geht gar nicht. Das lehne ich ab.»

In vielen meiner Workshops haben Menschen andere Werte als ich. Oder sie verstehen unter einem bestimmten Wert etwas anderes. Früher stressten mich diese Erkenntnisse, weil ich etwas vermitteln, also Recht haben wollte. Und ich war erst zufrieden, wenn sich die Gruppe in meine gewünschte Richtung bewegte.

Heute begegne ich diesen Wertekonflikten anders. Ich habe abgerüstet und kommuniziere mit mehr Spielraum, ohne meine innere Klarheit zu sabotieren. Bin ich meinem Gegenüber wertschätzend eingestellt, dann ist mein Denken beweglich. Ich halte es für möglich, dass jemand etwas sieht, was ich nicht sehe. Und das, was ich möglicherweise ausblende, will ich erfahren.

Ich frage nach, zum Beispiel so: 

  • «Interessant. Wie genau meinst du das? Hast du ein Beispiel für mich?»
  • «Das interessiert mich jetzt. Wie kommst du auf ...?» 

Fragen sind in Auseinandersetzungen oft nicht willkommen. Eine Frage signalisiert Interesse. Ich möchte Austausch, Reibung, vielleicht sogar den offenen Konflikt. Fragen lassen Meinungen zu. Harte Standpunkte oder eine zu frühe Positionierung wirken schneidend und nicht verbindend. Typisches Beispiel: «Um es gleich deutlich zu machen: Ich lehne ... ab und verlange ...» Die angesprochene Person rüstet ebenfalls auf und greift an.

Ich wünsche mir klare Menschen und  bewegliches Denken. 

Dazu ein paar Impulse:

  1. Feststellen und nicht sofort bewerten oder urteilen. «Du betonst wiederholt ...» ist feststellend. «Du bist ganz schön festgefahren» ist interpretierend, urteilend.
  2. Hinter einer Position den Wert suchen. Die Chefin möchte Eigenverantwortung. Die Mitarbeiterin Orientierung. «Ich kann dir nicht immer alles erklären» ist Tadel und Stress. «Was ist dir an Orientierung wichtig?» ist erkundend, wertschätzend.
  3. Einen fremden Gedanken stehen lassen. Nicht jeder Satz braucht sofort eine Antwort. Manchmal ist Zuhören die bessere Wahl. Ich muss eine andere Sichtweise nicht mit einem Gegenargument kleinkriegen. «Das kannst du doch nicht verlangen. Schau mal ...» ist verbissen. «Ich höre dir jetzt einfach mal zu» ist aufmerksam ohne Kampfstimmung.
  4. Beurteilen, ohne Menschen zu verurteilen. Wir müssen Leistungen, Entscheidungen und Verhalten beurteilen können. Das gehört zur Arbeitswelt. Aber zwischen «Diese Arbeit erfüllt die Anforderungen nicht» und «Du bist unfähig» liegt eine Galaxie.
  5. Klar bleiben und ein Vielleicht offenlassen. Ich darf sagen: «Ich bin anderer Meinung – vielleicht kommen wir später noch einmal auf ... zu sprechen» ist beweglicher als «Hier kommen wir nicht weiter.»
  6. Das gemeinsame Ziel sehen. Konflikte, Widerspruch und andere heisse Eisen werden kühler, wenn wir uns bemühen, ein gemeinsames Ziel hinter einem Thema zu sehen. Die Mitarbeiterin, die sich Orientierung wünscht, ist möglicherweise gründlich, genau oder fokussiert. Die Chefin kann mit Eigenverantwortung initiatives Handeln meinen. Und wie die beiden zusammenfinden, ist gar nicht so schwer. Was braucht das initiative Handeln, um nicht aus dem Ruder zu laufen? Fokus und Genauigkeit.  

Klarheit und Beweglichkeit. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns und wir dürfen diesen Zustand auch geniessen. Haltung braucht keine Härte. Ich muss meine Meinung nicht aufgeben, aber ich sollte sie bewegen. Das beginnt mit der Erkenntnis, die eigene Gewissheit nicht für die ultimative Wahrheit zu halten.  

 

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Angelika Ramer trainiert seit über 30 Jahren Unternehmen in schriftlicher Kommunikation und verfasste zu diesem Thema fünf Sachbücher. Die Kommunikationsberaterin und frühere Journalistin ist Inhaberin der «Identität ist Sprache – Ramer & Partner AG».

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