Interview: Nadine Rass

«Regeneration ist kein Luxus»

Profisportlerin Nadine Rass weiss, wie sich Stress in Sekunden regulieren lässt. In ihrem Buch «Mind Monkeys – Der Affenzirkus in deinem Kopf» überträgt sie Strategien aus dem Profisport auf den Berufsalltag und erklärt, warum nur mit einem bewussten Ausgleich Leistung langfristig möglich ist.

Nadine Rass kam in Innsbruck auf die Welt. Als Kind begeisterte sie sich schnell für verschiedene Sportarten und kam über Ballett und Kampfsport schliesslich zum Golf. Mit 14 Jahren war sie im österreichischen Golf-Nationalteam und wurde mit 15 Jahren das erste Mal zur Weltmeisterschaft in die USA geschickt, wo sie neben Tiger Woods spielte. Mit 19 wechselte sie ins Profilager und tourte als Athletin und später als Performance-Trainerin um den Globus. Seit 2014 coacht sie internationale Führungskräfte. Rass hat mit ihrem Partner drei Kinder und führt mit ihm das 2008 gegründete Unternehmen «RESPIRE».



Als Profisportlerin kennen Sie Druck und Leistungsanforderungen aus erster Hand. Welche Parallelen sehen Sie zwischen Profisport und Berufsalltag? 

Nadine Rass: Ob im Sport oder im Berufsalltag, wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft, die permanent fordert. Auffällig ist jedoch, dass Profisportlerinnen und Profisportler ihre Belastungsgrenzen oft besser körperlich spüren und respektieren als viele Menschen in der Arbeitswelt. Dort wird häufig einfach weitergemacht. Pausen fallen weg, der Tag ist lückenlos durchgetaktet, vom Zuhause zur Arbeit, danach direkt ins Training oder zurück in den Familienalltag. Ein Athlet würde nie nahtlos aus irgendeiner Tätigkeit in einen Wettkampf starten. Er braucht Pausen und gezielte Regeneration, um Leistung erbringen zu können. 

Gibt es Stressmythen, mit denen Sie gern aufräumen würden? 

Der Satz «Ich muss noch schnell …» gehört zu meinen liebsten Mythen. Genau damit sollten wir aufhören. Wenn viele Reize zusammenkommen und Zeitdruck entsteht, fühlen wir uns permanent getrieben. Mach schnell, beeil dich. Ein Profisportler würde so nie handeln. Natürlich gibt es auch dort Druck und Situationen, in denen schnelles Handeln gefragt ist. Aber kein Top-Performer geht kopflos nach vorne. Zuerst kommt ein Schritt zurück, dann Priorisieren und Selektieren. Erst danach folgen Commitment und Durchstarten. Leistung entsteht nicht aus Beschleunigung, sondern aus bewusster Entscheidung und punktgenauem Abrufen.

Sie sprechen viel über mentale Stärke. Gab es Techniken, die Sie selbst erst lernen mussten und die heute selbstverständlich sind? 

Meine persönlichen Favoriten sind echtes Nichtstun, genussvolles Essen sowie sanfte Bewegung in der stillen Natur. Ich bin ein Freund wahrer Stille. Wir leben in einer lauten Zeit, nicht nur akustisch, sondern auch mental. Alleinsein, dieses klärende Alleinsein, tut gut, etwa bei einem ausgedehnten Waldspaziergang. Auch zwischenmenschliche Kontakte können anstrengend sein. Am Ende geht es nicht darum, möglichst viele Techniken anzuwenden, sondern jene zu finden, die einem für den persönlichen Ausgleich täglich wirklich guttun.

Sie plädieren auch für Langeweile. Warum fällt uns das so schwer? 

Weil zu vieles durchgetaktet und überreizt ist. Wir erleben eine Dauerbespassung, nehmen ständig Reize wahr, konsumieren Informationen und haben das Gefühl, Zeit permanent nutzen zu müssen, auch so ein Triggerwort. Wenn wir bewusst Langeweile zulassen, entsteht neuer Raum. Nehmen wir die Bushaltestelle. Kaum jemand «wartet» heute einfach nur. Die meisten greifen zum Handy oder hören Musik. Neurologisch brauchen wir diese kurzen Phasen des Nichtstuns zur Regeneration.

Ist unser Leben am Anschlag eine Phase oder ein Dauerzustand? 

Stress ist eher ein Dauerzustand. Umso wichtiger ist Eigenverantwortung. Das bedeutet nicht, dass wir grundsätzlich langsamer werden müssen. Entscheidend ist, das eigene Tempo ernst zu nehmen und den Ausgleich so zu gestalten, dass er zum eigenen Leben passt und sich dadurch persönliches Wohlbefinden einstellt.

Sie haben mit dem «RESPIRE»-Konzept ein ganzheitliches Programm entwickelt mit den Säulen Natur, Bewegung, Nervus-vagus-Training, Mentaltraining, Schlaf und Ernährung. Wie findet man den richtigen Zugang? 

Menschen reagieren in unterschiedlichen Lebensphasen auf unterschiedliche Ressourcen. Mal trägt Bewegung, mal Struktur, mal mentale Entlastung am stärksten. Genau deshalb gibt es nicht die eine Säule, die für alle gleich wirksam ist. Ziel ist es, Menschen konkret dabei zu unterstützen, ganzheitlich stressfit zu werden. Viele erkennen ihre Überforderung erst spät. Sie funktionieren weiter, obwohl sich der Stress längst in Symptomen wie schlechtem Schlaf, Reizbarkeit oder dünnen Nerven zeigt. Für diese Menschen braucht es verschiedene Schwerpunkte, jedoch einen konsequenten Ausgleich. Greift ein Werkzeug nicht, kann ein anderes den entscheidenden Unterschied machen. Das Buch setzt genau hier an und zeigt anhand praxisnaher Fallbeispiele, wie simpel individuelle Entlastung gelingen kann.

Buchtipp: Mind Monkeys 


Job, Familie, Selbstoptimierung, Feierabend-Triathlon: Wir führen ein Leben am Anschlag. Wie überleben wir im Hamsterrad, ohne direkt ins Burn-out zu strampeln? Profisportlerin Nadine Rass hat ein Programm für Stressabbau erschaffen – von sanfter Bewegung für erholsamen Schlaf über Mentaltraining und Atmung bis hin zur Natur als Regenerationspartnerin.  

Mind Monkeys – Der Affenzirkus in deinem Kopf 
Nadine Rass
Kneipp Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG, 2025
224 Seiten 

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