Sie hat ihren Platz gefunden
Catiana Beers beruflicher Weg ist alles andere als gradlinig. Lange war die inzwischen 39-Jährige auf der Suche nach dem, was sie wirklich gut kann und glücklich macht. Heute ist sie angekommen und schätzt ihre vielfältige Tätigkeit als Assistentin der Geschäftsführerin bei der Terresta AG in Winterthur.
Foto: Aniela Lea Schafroth
Diesen Vormittag im Wintower, dem Hauptsitz der Terresta AG in Winterthur, dürften alle Beteiligten so schnell nicht vergessen. Gerade einmal fünf Minuten nach dem Fotoshooting zieht im Freien ein heftiger Hagelsturm über die Stadt. Wir haben Glück und sind bereits wieder im Trockenen. Weniger glimpflich geht es für das Auto unserer Fotografin aus, und auch bei Mieterinnen und Mietern der Terresta AG, die in Winterthur zahlreiche Liegenschaften aus dem Nachlass des Immobilienbesitzers und Kunstsammlers Bruno Stefanini verwaltet, sorgt der Sturm für Aufregung. Kaum sind die ersten Hagelkörner gefallen, klingeln vor Ort die Telefone ohne Unterlass.
Hagelsturm hin oder her: Wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen. Eine Eigenschaft, die unsere Porträtkandidatin Catiana Beer besonders auszeichnet. Als Assistentin der Geschäftsführerin Claudia Siegle ist sie es gewohnt, den Überblick zu behalten und auch dann ruhig zu bleiben, wenn es rundherum hektisch wird.
Gelernt hat sie das bereits in jungen Jahren in ihrem Studi-Nebenjob als Sicherheitsbeauftragte bei der Flughafenpolizei. «Dort entwickelte ich die Fähigkeit, auch in brenzligen Situationen ruhig zu bleiben sowie unvoreingenommen auf Menschen zuzugehen.» Denn nicht alle Passagiere reagierten verständnisvoll. Da sei Fingerspitzengefühl gefragt gewesen, manchmal auch eine klare Intervention. Bis heute helfen ihr diese Attribute.
Ursprünglich war geplant, dass sie nach ihrem Studium in Germanistik, Russischer Literatur und Berufspädagogik an der Universität Zürich nicht zur Flughafenpolizei zurückkehrt, sondern einen akademischen Weg einschlägt. Doch ihr Plan geht nicht auf und ihr unkonventioneller Berufsweg beginnt. Der Grund: Sie findet keine Stelle. «Für eine Festanstellung war ein absolviertes Praktikum Voraussetzung und die Praktikastellen wurden nur an Studierende ohne Abschluss vergeben.»
Irgendwann ist sie deshalb nicht mehr so motiviert, sich weiter in diese Richtung zu entwickeln. Stattdessen stockt sie ihre Tätigkeit am Flughafen auf. Was somit zunächst als perfekter Nebenjob gedacht war, wird zur Festanstellung, in der die damals 30-Jährige schliesslich zur Sektorenchefin aufsteigt und 23 Mitarbeitende führt. Um diese Tätigkeit angemessen ausführen zu können, schliesst sie die Führungsschulung der Kantonspolizei Zürich ab. Dort lernt sie, kooperativ zu führen und Aufgaben den Fähigkeiten der Mitarbeitenden entsprechend zu delegieren. Zudem vertieft sie ihr Wissen zu respektvoller und doch bestimmter Kommunikation.
Wechsel und Aufstieg
Im Pandemie-Jahr 2020 wird der Flughafenbetrieb massiv heruntergefahren. «Ich hatte plötzlich Zeit und erkannte Abläufe, die verbessert werden konnten.» Sie meldet ihre Eindrücke ihren Vorgesetzten. «Irgendwann wurde ich zum obersten Chef zitiert. Da dachte ich zuerst: Oh, bin ich jetzt jemandem auf die Füsse getreten?» Aber dann hiess es: «Sie sind sehr engagiert, möchten Sie mehr machen?» Und da Beer das wollte, erhält sie den Auftrag, ein Team zusammenzustellen, das für die Gesundheitsdirektion den Zivilschutz bei der Corona-Hotline und bei der Datenbankpflege ablösen soll. «Das habe ich gemacht, ohne jegliche Erfahrung im Gesundheitswesen, aber mit den Fähigkeiten, um mir meine Antworten an den betreffenden Stellen proaktiv zu holen.»
Ihre Haltung und ihre überlegte Art bleiben nicht unbemerkt. Im Frühjahr 2020 kommt ein Stabsmitarbeiter aus dem Departement auf sie zu und teilt ihr mit, dass die Stelle der Assistentin des Generalsekretärs frei wird. Für Beer ist das eine tolle Gelegenheit. «Mit meinem Lebenslauf wäre ich nicht einfach so in eine klassische Assistenzstelle gekommen. Aber ich dachte: Doch, ich traue mir das zu. Ich kann mir die dafür nötigen Fähigkeiten sicher aneignen.» Ausserdem hatte ihre Vorgängerin alles sehr vorbildlich dokumentiert. «Das erleichterte mir den Einstieg enorm.»
Beer arbeitet fortan eng mit dem Generalsekretär zusammen. Dazu kommen allgemeine administrative Aufgaben, die Stellvertretung der Assistentin der Direktionsvorsteherin sowie die administrative Bearbeitung parlamentarischer Vorstösse. Was war neu? «Eigentlich fast alles, sogar klassische Assistenzaufgaben, deshalb durfte ich auch einen Protokollführungs-Kurs absolvieren. Aber vor allem die ganzen politischen Abläufe waren mir völlig unbekannt. Und damit war ich wieder in der Situation, proaktiv herauszufinden: Wer ist zuständig, wer hat die relevanten Informationen, was ist vorgegeben, wo habe ich Spielraum?» Auch hier wird ihr Einsatz und ihre Selbstständigkeit bemerkt, und nach einer internen Umstrukturierung darf sie zusätzlich das Team Admin und Loge in der Leitungsfunktion übernehmen.
Meine Wahl
Foto: Aniela Lea Schafroth
Privatwirtschaft oder öffentlicher Sektor?
Den öffentlichen Sektor möchte ich zwar nicht missen, aber mittlerweile mag ich es mehr, in der Privatwirtschaft zu arbeiten. Sie ist dynamischer und man kann Dinge viel schneller umsetzen. Der öffentliche Sektor ist träger und stärker reguliert.
Sparfuchs oder Geniesserin?
Ich gehe verantwortungsvoll mit Geld um, kann es aber auch geniesserisch ausgeben. Beispielsweise mit der Familie gut essen gehen oder mir ein schönes Kleid kaufen.
Homeoffice oder Grossraumbüro?
Grossraumbüro. Deshalb bin ich eigentlich fast immer vor Ort. So kann ich Privates und Berufliches klar trennen.
Frühaufsteherin oder Nachteule?
Gezwungenermassen, bedingt durch die Kinder, eine Frühaufsteherin. Ich bin definitiv ein Morgenmuffel. Wenn ich raus muss, bin ich zwar parat, aber sonst mag ich es lieber später.
KI oder keine KI?
KI. Wir arbeiten mit Microsoft Copilot. Das ist superpraktisch und es erleichtert vieles – angefangen vom Umformulieren von Sätzen bis hin zur E-Mail-Suche. Fakt ist: Seither suche ich keine E-Mails mehr.
Familiäre Veränderung
2023 kommt ihre erste Tochter zur Welt. «Ich reduzierte auf 50 Prozent und musste infolgedessen meine Führungsposition abgeben.» Durch das reduzierte Pensum verliert Beer nicht nur ihre Position, sondern auch viele spannende Aufgaben und ist dadurch weniger gefordert. Sie beginnt deshalb, sich nach etwas Neuem umzusehen. Dabei stösst sie auf eine Stellenanzeige für eine persönliche Assistentin der Geschäftsführung bei der Terresta AG. Die Stelle ist mit einem Pensum von 50 bis 60 Prozent ausgeschrieben. «Das war ideal für mich!» Auch von Immobilien hatte Beer keine Ahnung. «Aber ich dachte wieder: Ich probiere es einfach.»
Als sie bei der Terresta AG startet, ist Beer schwanger mit ihrem zweiten Kind. «Das war mir anfänglich etwas unangenehm, aber meine Chefin und auch das Unternehmen haben meine Mitteilung souverän aufgenommen.» Überhaupt, die Arbeitsbedingungen bei Terresta empfindet Beer als sehr familienfreundlich. «Wir nehmen uns vor, keine Sitzungen vor 8.30 Uhr und nach 17.00 Uhr anzusetzen, nur auf Absprache.» Auch Homeoffice und sogar Workation sind möglich.
So gelingt Beer nach der Geburt und der viermonatigen Mutterschaftszeit eine strukturierte und reibungslose Rückkehr an ihren Arbeitsplatz. «An meinen Arbeitstagen bin ich meist vor Ort. So kann ich Familie und Beruf klar trennen und mich voll auf die Arbeit konzentrieren.» Zwar geniesse sie die Zeit mit ihrer Familie und ihren «zwei lebendigen Mädchen, die um mich herumspringen und mich fordern». Aber hier vor Ort sei sie ausschliesslich Assistenz, «nicht Mami».
Mehr als Assistenz
Nebst ihrer Assistenztätigkeit überträgt ihr Claudia Siegle aber auch immer wieder Rechercheaufgaben, «beispielsweise zur Baukultur. Also: Welche Definitionen gibt es, was ist aktuell?» Die Resultate ihrer Recherchen bereitet die engagierte Assistentin anschliessend in Exposees oder PowerPoint-Präsentationen auf. Weitere Themen, mit denen sie sich bereits auseinandergesetzt hat, waren Vertical Farming oder baurechtliche Regulatorien im Wandel. «Was gibt es Neues betreffend Nachhaltigkeit, die immer wichtiger und teilweise auch gefördert wird? Das ist alles wahnsinnig spannend.»
Überhaupt übernimmt Catiana Beer inzwischen immer mehr anspruchsvolle Aufgaben. So ist sie Teilprojektleiterin beim Microsoft-Projekt «M365» und Mitglied im Steuerungsgremium des Projekts «Records Management». «Meine Chefin meinte: ‹Warum soll ich Teil davon sein? Du kannst das auch.›» Dass ihre Chefin ihr solche Aufgaben zutraut, bedeutet ihr sehr viel und ist nicht selbstverständlich. «Das Vertrauen, das sie mir entgegenbringt, und die Wertschätzung sind sehr gross.»
Endlich angekommen
Wenn man die inzwischen 39-jährige Assistentin so reden hört, merkt man: Bei Terresta ist sie nun beruflich endlich angekommen und fühlt sich mehr als wohl. «Ja, definitiv. Und das, obwohl ich lange nicht wusste, wohin ich eigentlich will. Denn ehrlich gesagt, empfand ich mich immer überall als durchschnittlich.» Umso schwieriger sei es für sie gewesen, ihren Platz zu finden. Ein roter Faden zieht sich dennoch durch ihren bisherigen Lebensweg: die Freude am Lernen und die Neugier auf das Unbekannte.
Begonnen hat diese Reise mit einem Sprachaufenthalt in Russland zwischen Gymnasium und Studium. Danach folgten mehrere berufliche Stationen und damit auch Wechsel in ganz unterschiedliche Branchen, von der Polizei über die Gesundheitsdirektion bis hin zur Immobilienbranche. «Mittlerweile habe ich mich im Assistenzjob gefunden und gemerkt, dass hier alles zusammenläuft, was ich eigentlich kann und gerne tue.»
Was sie heute an ihrer Assistenzstelle besonders liebt? «Die Vielfalt und das Zusammenspiel von allem, weil ich bis heute nicht allzu lange an nur einer Sache dran sein kann. Ich brauche die Abwechslung.» Das habe auch ihre Chefin schon früh wahrgenommen. Bereits während der Probezeit sagt deshalb Claudia Siegle zu ihr: «Gell, es wird dir langweilig, wenn wir so weitermachen?» Beer bejaht das. Entsprechend fordert und fördert Siegle sie und gibt ihr immer wieder neue und anspruchsvolle Aufgaben.
Zudem kann sie derzeit eine Weiterbildung für Assistenzen absolvieren. Mit viel Freude und Wissensdurst vertieft sie dabei ihr Fachwissen und überträgt die neuen Erkenntnisse unmittelbar in ihren Arbeitsalltag. «Deshalb fühle ich mich hier auch sehr wohl. Solange ich so weiterarbeiten kann, ist es perfekt.»
Und eine Aufstockung des Pensums, ist das ein Thema? «Ja, sicher irgendwann. Aber momentan sind 60 Prozent mit zwei kleinen Kindern zu Hause ideal. Denn ich möchte die ersten Jahre geniessen, in denen sie mich noch brauchen und in denen ich für sie da sein kann. Wenn sie im Kindergarten und in der Schule sind, wird es zeitlich mehr Luft geben und ich kann mir gut vorstellen, wieder mehr zu arbeiten.» Und spätestens dann wird Beer proaktiv auf ihre Chefin zugehen und mit ihr neue Herausforderungen ausarbeiten.
Foto: Aniela Lea Schafroth
Catiana Beer
Catiana Beer kommt 1987 in Winterthur zur Welt. Nach Abschluss des Gymnasiums studiert sie von 2008 bis 2010 Materialwissenschaften an der ETH Zürich. Nach zwei Jahren verlässt sie die ETH und wechselt an die Universität Zürich, wo sie 2014 den Bachelor in Germanistik, Russischer Literatur und Berufspädagogik abschliesst. Noch während des Studiums beginnt sie 2013 bei der Kantonspolizei Zürich als Sicherheitsbeauftragte bei der Flughafenpolizei zu arbeiten. 2018 wird sie Sektorenchefin Sicherheitskontrolle bei der Flughafenpolizei.
2020 kommt mit Corona eine neue Herausforderung auf sie zu. Sie wechselt als Assistentin des Generalsekretärs sowie Leiterin des Teams Administration und Loge ins Generalsekretariat der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich. 2023 wird sie zum ersten Mal Mutter. Danach kehrt sie kurz nochmals als Verwaltungsassistentin mit einem 50-Prozent-Pensum ins Generalsekretariat der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich zurück.
2024 wechselt sie als persönliche Assistentin der Geschäftsführung zur Terresta AG in Winterthur, wo sie bis heute tätig ist. Beer ist verheiratet, Mutter von zwei Töchtern und trainiert in ihrer Freizeit seit über zehn Jahren Kung-Fu und Eskrima.